Bildnachweis: Everytime,MainStill ©TheBarricadesPanamaFilm, GregoryOke
Brigit Minichmayr (Ella) spielt die alleinerziehende, manchmal pampige, meist aber empfindsame Mutter zweier Töchter; Jessie (Carla Hüttermann) und Melli (Lotte Shirin Keiling). Plötzlich fehlt eine. Die Kamera fährt an Berliner Hochhausblöcken vorbei. Sie zoomt langsam auf das Dach eines typischen Plattenbaus. Jessie und ihr Freund Lux (Tristan López) lümmeln dort rum; nicht ganz nüchtern nach einer langen Partynacht. Jessie fotografiert Lux und dann den Sonnenaufgang. Die Kamera zeigt die Balkone der Fassade, dann das Grün der Baumkronen in der Nachbarschaft. Plötzlich fliegt Jessie vom Dach. Sie fällt aus dem Leben, aber nicht aus der Welt. Für die anderen ist sie in verwackelten Handyvideos, krisseligen Camcorder-Aufnahmen, alten Chats und Sprachnachrichten weiter präsent. Hinterließen Verstorbene früher ein paar Fotoalben und Briefe, geistern sie heute weiter durch Smartphones, Chatverläufe und Sprachnachrichten. Sie verschwinden nicht mehr einfach.
In Wollners Film mischen sich Aufnahmen der kleinen Jessie, Handyfotos ihrer Teenagerclique und Sequenzen aus Videospielen ins gegenwärtige Geschehen. Ihre Trauerstudie wirkt oft wie eine Dokumentation. Sie und ihr Kameramann Gregory Oke beobachten aus der Ferne; zurückhaltend und vorsichtig. Sie tasten sich wie Gäste durch das Leben der keinesfalls dysfunktionalen Familie.
Nach Jessies Tod nimmt das Dasein in der engen Dreizimmerwohnung im Plattenbau weiter seinen Lauf. Jetzt gibt es ein Davor und ein Danach. Aus den drei Menschen wurden zwei. Wut? Verzweiflung? Schuldzuweisungen? Fehlanzeige! Es gibt keine großen Gefühlsausbrüche, Beerdigungsszenen oder melodramatische Monologe. Der Alltag und mit ihm geht das Leben (einfach) weiter. Routiniert gießt Ella Woche für Woche die Blumen am Grab der Tochter. Die kleine Schwester stellt Spielzeugfiguren auf den Grabstein. Die Bewältigung des Alltags scheint die Bewältigung der Trauer. Die Familie kommt zurecht. Die Traurigkeit über Jessies Abwesenheit bleibt (zunächst) nur im Hintergrund präsent. Die Fortsetzung des Alltags ersetzt die Verarbeitung des Verlusts; noch. Die kleine Melli liest auf ihrem Handy alte Nachrichten der großen Schwester und schreibt ihr weiterhin. Sie zeigt, dass die Menschen, die einem am Herzen liegen, für immer Teil der eigenen Welt bleiben.
Es folgt ein harter Schnitt. Der Film springt ein Jahr nach vorne. Die Geschichte wird zum (Trauer-) Drama; zunächst weiter in den Hinterlassenschaften der Berliner Wohnung, dann in einem Erinnerungsurlaub auf Teneriffa. Plötzlich schieben sich in die gegenwärtige Handlung medial überlieferte Erinnerungen der Familie. In einem Billig-Hotel an einer meerumtosten Bucht auf der Ferieninsel wird die Geschichte vollends unwirklich. Die alleingelassene Melli vergreift sich beim Stöbern in der Handtasche ihrer Mutter unabsichtlich an den Partydrogen der Teenager. Es beginnt eine halluzinogene Reise, die verdeutlicht, dass ein Verlust eine Welt beschreibt, die nicht der realen entspricht. Plötzlich passiert alles gleichzeitig, und als Zuschauer muss man genau hinschauen, um zu begreifen, wie das zusammenhängt. Wer hat die kleine Jessie mit dem blinkenden, klimpernden Spielzeugauto in den kargen Flur gesetzt? Warum ist das Hotel plötzlich menschenleer? Warum steht die Sonne als leuchtender Würfel über dem Meer und will einfach nicht untergehen? Es beginnt eine Reise, die zeigt, dass es grausam ist, einen nahestehenden Menschen nach seinem Tod noch intensiver zu spüren als zu der Zeit, in der man ihn an seiner Seite hatte und es jederzeit eine Möglichkeit gab, ihn wiederzusehen.
Sandra Wollner nimmt in ihrem Film dem Pfeil der Trauer nicht die schmerzhafte Spitze. Sie lässt ihn aber in eine Richtung fliegen, die über die üblichen Theorien von Verlustbewältigung hinausgeht.
Der Tod von Jessie ist sinnlos. Etwas Vernünftiges lässt sich dazu nicht sagen. Eine Lösung kann es nicht geben. Es gab nicht einmal ein Problem. „Everytime“ ist ein Film, der einen eigenen Weg zeigt. Dieser Weg beginnt „Jederzeit“, wie bei jedem Menschen ganz alltäglich.
Mit ihrem Film war Sandra Wollner erstmals bei den „Internationalen Filmfestspielen von Cannes“ vertreten. Sie gewann den Hauptpreis in der Sektion „Un Certain Regard“ – „Ein gewisser Blick“, eine Sektion, die untypische, originelle und noch unbekannte Regie-Talente außerhalb des Hauptwettbewerbs zu präsentiert.
In Cannes wurde „Everytime“ bereits ausgezeichnet. Ein Oscar könnte folgen. Deutschland schickt den Film ins Rennen um den Oscar als „Bester internationaler Film“. Der am 6. August in die Kinos gestartete Film läuft zurzeit in vielen Programmkinos.
Bildnachweis: Everytime,MainStill ©TheBarricadesPanamaFilm, GregoryOke



