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Für alle die trauern

Der Friedhof Evere: Menschen aus der ganzen Welt kommen hier zusammen. Sie glauben und zweifeln, weinen und lachen, schweigen und reden. Sie essen und trinken, graben und schaufeln, pflanzen und gießen. Die marokkanisch-belgische Filmemacherin Karima Saïdi hat diese Menschen in ihrem Dokumentarfilm „Those Who Watch Over“ (Originaltitel: Ceux qui veillent) mit der Kamera begleitet. Ihr essayistischer Film zeigt den Friedhof, wie er sein sollte: persönlich, offen, ruhig und trotzdem voller Leben.

Für alle die trauern

© DOK.fest München, Those Who Watch Over

Der Friedhof in Evere, einem Stadtteil der belgischen Hauptstadt Brüssel, in dem viele Einwanderer leben, ist der erste und bisher einzige Friedhof in Belgien, der allen Menschen einen Beisetzungsort bietet, egal woher sie kommen, welcher Konfession sie angehören oder woran sie glauben. Versteckt zwischen Reihenhäusern und Wohnblocks entsteht hier seit einigen Jahren ein von einem interkommunalen Verein betriebener multireligiöser Raum. Wer an wen glaubt, interessiert niemanden. Unterschiedliche Konfessionen werden respektiert. Alle Religionen sind willkommen.

Karima Saïdi hält mit ihrer Kamera Menschen fest, die auf diesem Friedhof kommen und gehen; Verwandte, Freunde, Nachbarn und Bekannte der Verstorbenen. Die Menschen unterhalten sich, teilen ihr Essen und ihre Süßigkeiten, lesen sich Gedichte vor, singen, polieren die glänzenden Grabsteine oder mähen den Rasen und jäten das Unkraut. Der Verwalter erzählt die Geschichte seines Friedhofs, die Totengräber und Gärtner von der Liebe zu ihrer Arbeit. Daneben dröhnen die Bagger. Die Besucher teilen unbeirrt ihre Mitbringsel aus. Das Säubern und Pflegen der Gräber verbindet sie. Die Zeit lindert den Schmerz. Traurigkeit und Freude vermischen sich. Freundschaften entstehen. Alle Menschen erleben denselben Raum. Jedes Grab ist hier – wie auf anderen Friedhöfen auch – ein Denkmal. Die Zeichen mit Namen und Daten erinnern an die Menschen und die Zeit, die sie gemeinsam mit den anderen verbrachten. Die Unterschiede, die sie einst entzweiten, verschwinden. Hier gibt es keine Trennung. Der Tod und die Gräber machen sie alle gleich.

Dieser Film über ein kleines Stück Land im belgischen Evere veranschaulicht die facettenreiche und vielschichtige Realität des multikulturellen Lebens im 21. Jahrhundert; christlich, muslimisch, jüdisch oder was auch immer; who cares? Der Film setzt ein Zeichen für die gelingende Integration einst fremder Menschen. Jedes Grab steht für die Entscheidung, in der neuen Heimat auch die letzte Ruhe zu finden. Karima Saïdi zeigt mit Poesie und leisem Humor den öffentlichen Raum Friedhof als einen Mikrokosmos, der Platz für alle und alles bietet. Mit ihrer Kamera kommt Karima Saïdis den Besuchern des Friedhofs nahe, ohne aufdringlich zu wirken. Ihr Film „Those Who Watch Over“ zeigt den Friedhof als lebendigen Ort des Austauschs und nicht nur als Ort des Todes. Er veranschaulicht vielfältige Wege, wie tote Menschen Einfluss auf die Lebenden nehmen und mit ihnen verbunden bleiben. Indem Karima Saïdi ihre Kamera auf einen Friedhof in Brüssel richtet, um die Verbindung zwischen den Besuchern und ihren verstorbenen Angehörigen zu dokumentieren, wird ihr Film zu einer Auseinandersetzung mit dem Tod als einem Teil des Kreislaufs des Lebens; einerseits. Andererseits fängt ihr Blick auf die gemeinsamen Ruhestätten verschiedener Religionen und Ethnien nicht nur die Details der Familien ein, die ihre Gräber besuchen, sondern zeigt, wie das Leben der Menschen trotz der Abwesenheit mit den Verstorbenen verflochten bleibt. Ein junger Mann steht am Grab seiner Mutter und weiß genau, was sie zu ihm sagen würde, wenn sie noch bei ihm wäre: „Willst du den ganzen Tag hier stehen und weinen. Es gibt doch noch die Nachbarn, um die du dich kümmern kannst!“ Wer nicht will, der muss nicht allein bleiben, so ihre Botschaft.
Die Regisseurin Karima Saïdi dokumentiert, wie die Friedhofsbesucher mit ihren verstorbenen Angehörigen sprechen und offen ihre Gefühle und Sorgen teilen. Sie zeigt, dass Menschen, egal, woher sie kommen oder wo sie leben, immer auf der Suche sind nach einer Verbindung, die sie nicht verblassen lassen wollen. Der Friedhof wird in ihrem Film zu einem Ort der Harmonie. Ethnien, Religionen und Gemeinschaften verbinden sich. Die Schönheit dieses Films liegt genau in dieser Idee. Karima Saïdi vermittelt eine Vision des Friedhofs als einen Ort, der Seite an Seite mit dem Leben existiert. Sie zeigt den Friedhof als einen Raum für alle, die trauern, und für alle anderen auch. Halten wir diese Idee fest!

Willy Hafner

 

 

© DOK.fest München, Those Who Watch Over

Willy Hafner kennt den Friedhof in Evere nur aus diesem Film. Bei seiner nächsten Reise nach Belgien ist ein Besuch fest eingeplant.

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Der Film „Those Who Watch Over“ lief Mitte Mai auf dem Dokumentarfilmfestivals DOK.fest in München. Hier geht es zum Trailer: THOSE WHO WATCH OVER | Dokumentarfilm Trailer | DOK.fest 2026

 

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