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Muss Trauer immer wirklich traurig sein? Hinter die Fassaden schauen

Der Friedhof Evere: Menschen aus der ganzen Welt kommen hier zusammen. Sie glauben und zweifeln, weinen und lachen, schweigen und reden. Sie essen und trinken, graben und schaufeln, pflanzen und gießen. Die marokkanisch-belgische Filmemacherin Karima Saïdi hat diese Menschen in ihrem Dokumentarfilm „Those Who Watch Over“ (Originaltitel: Ceux qui veillent) mit der Kamera begleitet. Ihr essayistischer Film zeigt den Friedhof, wie er sein sollte: persönlich, offen, ruhig und trotzdem voller Leben.

Muss Trauer immer wirklich traurig sein? Hinter die Fassaden schauen

© Pauline Roenneberg, Kalter Hund, Filmfest München

Hermann hat Geburtstag. Er wird 100 Jahre alt. Der Bürgermeister kommt. Die Blaskapelle spielt. Die Familie singt For He’s a Jolly Good Fellow“. Der Tisch ist gedeckt. Das Huhn gestopft; der „Kalte Hund“ zubereitet. Doch Hermann ist tot. Fanny, seine Enkelin, hat ihm aus Versehen ein Barbiturat für Tiere gegeben. Suizid oder nicht, das bleibt die Frage. Die Frau Doktor macht das Kreuz an der richtigen Stelle; der Bestatter seine Arbeit. Der Streit ums Erbe kann beginnen.

Ob ihm der Beruf als Bestatter Spaß mache, will Fanny (großartig gespielt von Lea Drinda) von dem Bestatter Max Fromme (Jeremias Meyer) wissen. Man könne immer hinter die Fassaden der anderen schauen, seine Antwort. Dies sei spannend. Wir sind beim Thema: Die Regisseurin Pauline Roenneberg erzählt in ihrem ersten Spielfilm „Kalter Hund“ das tragisch-komische Ringen einer dysfunktionalen Vorzeigefamilie, in der nichts ist, wie es scheinen soll. Max ist (wie sich am Ende zeigt) Fannys Bruder. Fannys im Rollstuhl sitzende Mutter, die Tierärztin Valerie (Victoria Mayer), hatte einen One-Day-Stand mit seinem Vater; ausgerechnet am Tag der Beerdigung ihres jüngeren Bruders. Die uneingeschränkte Matriarchin des seltsamen Clans ist und bleibt jedoch Hermanns zweite Ehefrau und Valeries Mutter Marianne (ironisch überzeichnet gespielt von Corinna Harfouch). Hermann hatte im Zweiten Weltkrieg als Wehrmachtsoffizier an der Front gekämpft, war jedoch (natürlich!) ein Widerstandskämpfer. Sogar am Attentat auf Hitler soll er beteiligt gewesen sein. So will es die Familiensaga. Das Geld der Familie, steueroptimiert in einer Stiftung für notleidende Tiere angelegt, stammt allerdings vor allem von Hermanns erster Ehefrau Ilse, angeblich bei einer Bergtour tödlich verunglückt.

 

Stellen wir uns einmal auf
Am Tag seines Todes versucht die Familie den geladenen Geburtstagsgästen den Tod des Patriarchen zunächst zu verheimlichen. Schlafende Hunde soll man nicht wecken, heißt es im Volksmund. Das geht nicht lange gut. Verschwunden bleibt jedoch das Testament. Es ruht, dank der „Fürsorge“ der vietnamesischen Zugehfrau Yoy (Mai Doung Kieu), unter dem „Kalten Hund“ in der Gefriertruhe. Unter Leitung des Heilpraktikers Ingo Fleischmann (Niels Bormann) soll eine Familienaufstellung helfen, die Konflikte zu lösen. Mariannes Stiefschwester Karoline (Karoline Eichhorn spielt sie mit viel esoterisch-alternativem Gehabe) regt das an. Es funktioniert nicht! In Roennebergs tiefschwarzer Tragikomödie geschieht das Gegenteil. Im familiären Haifischbecken hält sich die Trauer in Grenzen. Festgefahrenes lässt sich nicht lockern. Konflikte und innere Dynamiken sind nicht zu klären.
Was als turbulentes Versteckspiel heiter, mit Humor und Slapstick-Momenten beginnt, geht emotional aufwühlend weiter. In der kammerspielartigen Atmosphäre der Familienvilla irgendwo in Oberbayern kommen Vorwürfe auf den Tisch, Machtverhältnisse werden hinterfragt und die beteiligten Parteien aus der Reserve gelockt. Die im Rollstuhl sitzende Valerie kann nichts mit den schamanischen Praktiken ihrer egozentrischen Stiefschwester Karoline anfangen. Onkel Kasimir (Thomas Mraz) hat das Geld der Stiftung verspekuliert und Fanny erfährt kurz vor ihrer Volljährigkeit, wer ihr Vater ist: Max! Kurz zuvor hatte sie ihn geküsst; er sie nur „gschamig“ (süddeutsch für schüchtern) zurück.

Beim Anschauen des absurden Schmierentheaters mit machthungrigen Opportunist*innen, zerstrittenen Schwestern und zugeknöpften Großmüttern bleibt zum Trauern keine Zeit. Dafür bleibt dem Zuschauer zu oft das Lachen im Hals stecken. Die Geheimnisse, die sich in den verborgenen Ecken dieses Hauses verstecken, lassen zum Traurigsein keinen Raum. Sie erinnern vielleicht auch zu sehr an die letzte (Abschieds-)Feier im Kreise der eigenen lieben Verwandtschaft. Vor allem, wenn man – trotz aller Trauer – versucht, hinter die Fassade zu schauen.
Anfang Juli hatte der Film beim „Filmfest München“ Premiere. Ab dem 17. September ist er im Kino zu sehen, bestimmt auch ganz in Ihrer Nähe.

Willy Hafner glaubt seine Familien zu kennen. Vor Überraschungen ist jedoch niemand sicher …

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Der Zu­kunfts­fried­hof …

… ist so einfach. Licht(er) stehen am Eingang. Sie weisen den Weg. Taschentücher gibt es. Sie trocknen die Tränen. Mittendrin steht ein Riesenrad. Dort fällt Trauern leicht(er). Mit Luftballons lassen sich Nachrichten in den Himmel schicken. ...

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