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„Ich studiere den Tod“ ⑧

„Perimortale Wissenschaften“ ist der neue Master-Studiengang an der Universität Regensburg: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. Die Autorin Sarah Zinn ist seit Oktober 2020 immatrikulierte Studierende und berichtet in unserer Serie von ihren Erfahrungen mit diesen großen Lebensthemen.

„Ich studiere den Tod“ ⑧

Logogestaltung: Sophie Wetterich

Ein Grab in weiter Ferne

Trauer folgt keinem allgemeingültigen Schema. Jede Verlusterfahrung ist einzigartig und jeder Trauerprozess individuell. Im Kern gilt jedoch: wenn wir unsere Bedürfnisse formulieren können, finden sich meist Menschen, die uns bei der Umsetzung zur Ausgestaltung unserer Wünsche einfühlsam unterstützen.

Früher wurden Familien meist gemeinsam auf einem Friedhof am Wohnort beigesetzt, dadurch gab es einen zentralen Trauerort, der für die Hinterbliebenen leicht erreichbar war. Heute leben viele Menschen in anderen Städten, manchmal sogar in anderen Ländern als ihre Angehörigen. Im Sterbefall kann es passieren, dass eine Beisetzung viele Kilometer entfernt stattfindet und der Besuch der Grabstätte sehr selten oder sogar nie möglich ist. Zusätzlich kann es Trauernden außerdem schwerfallen, zu dem Platz einen emotionalen Bezug herzustellen, da er selten Teil der eigenen Lebensrealität ist.

Für Trauernde ist der Friedhof oft der zentrale Ort, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, sich den verstorbenen Personen nahe zu fühlen und ihnen zu gedenken. Auch die Grabpflege im Jahresverlauf und zu besonderen Anlässen wie Geburts- oder Todestag gehört oft zu wichtigen Ritualen im Trauerprozess. Ist der Zugang zum Grab aufgrund einer großen Entfernung nur schwer oder gar nicht möglich, kann dies zu großer Unsicherheit und im schlechtesten Fall einem erschwerten Abschiedsprozess bei den Hinterbliebenen führen. Wohin also mit der Trauer, wenn der passende Ort dafür nicht erreichbar ist? Es kann eine Option sein, diesen guten Friedhofsort selbst zu schaffen.

Der „gute Stellvertreter-Abschiedsort“ auf dem Friedhof

Bei einigen Friedhöfen ist es nach einem offenen Gespräch mit der Verwaltung möglich, eine Grabstätte auch ohne die Beisetzung einer verstorbenen Person anzulegen. Hier kann ein Trauerort für Hinterbliebene entstehen, an einem für sie erreichbaren und emotional relevanten Platz. Die Ausgestaltung dieser besonderen Art der Abschiednahme kann dabei individuell an die Bedürfnisse der trauernden Personen angepasst werden. So ist zum Beispiel eine Abschiedsfeier am Grab mit Beisetzung von symbolischen Dingen oder auch etwas mitgebrachter Grab-Erde von der eigentlichen Liegestätte denkbar, genauso kann ein Erinnerungsort mit Grabstein und passender Bepflanzung zum stillen Gedenken entstehen. Oft wird vermutet, dass Bedürfnisse dieser Art sehr selten wären oder schwer zu realisieren sind. Dabei sind die Möglichkeiten vielfältig und viele Friedhofsverwaltungen oder auch Trauerbegleiter:innen sind mit ähnlichen Anfragen vertraut. Im offenen Gespräch finden sich meist individuelle Lösungen zur bedürfnisgerechten Abschiednahme.

Abschied vom tierischen Begleiter

In den deutschen Haushalten lebten im Jahr 2020 rund 34,9 Millionen Haustiere. Meist sind es Hunde und Katzen, aber auch Kleintiere oder Reptilien werden immer beliebter. Für viele wird das Tier zum innig geliebten Familienmitglied und es verbringt oft viele Lebensjahre mit seinen Menschen. Besonders für alleinstehende oder ältere Personen können Haustiere wahre Seelentröster sein, die Halt, Stabilität und Lebensfreude im Alltag geben. Wenn der treue Wegbegleiter stirbt, fehlt nicht nur das Tier selbst – auch lieb gewonnene Gewohnheiten wie die täglichen Spaziergänge oder das allabendliche Kuscheln bleiben aus. Das gesamte Leben verändert sich auf einen Schlag.

Tiertrauer kann genauso komplex, einschneidend und valide sein, wie die Trauer um eine verstorbene Person. Leider wird sie aber in der Gesellschaft oft noch nicht ernst genommen, was einen ganzheitlichen Abschied vom tierischen Begleiter erschweren kann. Trauernde hören oft Dinge wie „Hole dir doch einfach ein neues Tier“ oder „es gibt Schlimmeres“, wenn sie über ihre Verlusterfahrung sprechen. Viele Menschen trauen sich aus Angst vor ähnlichen Reaktionen zum Beispiel nicht, offen über das Bedürfnis nach einer persönlichen Abschiednahme zu sprechen – dabei sollte sich niemand für die eigene Trauer und den Wunsch nach einem letzten gemeinsamen Weg mit dem geliebten Tier rechtfertigen müssen.

Wenn in unserem Umfeld jemand ein Tier verloren hat, können wir als Gesprächspartner:innen und Begleiter:innen da sein. Viele Menschen freuen sich zum Beispiel, wenn sie nach schönen Erinnerungen oder Bildern von ihrem Haustier gefragt werden. Die alten Gassi-Runden können für gemeinsame Spaziergänge genutzt oder es kann ein ganz persönlicher Erinnerungsort geschaffen werden. Durch Interesse, Aufmerksamkeit und Wertschätzung für die Gefühle unseres Gegenübers können wir einen Raum geben, der Tiertrauer als das ernst nimmt, was sie ist – den Verlust eines Freundes, Wegbegleiters und Lebenspartners.

Trauern als Gemeinschaftsaufgabe

Im Gespräch mit meinen Mitstudierenden ging es vor einiger Zeit um die Frage, was wir mit dem Studium der Perimortalen Wissenschaften erreichen wollen. Eine Kommilitonin, die selbst auch als Trauerbegleiterin arbeitet, formulierte es so: „Ich möchte den Menschen so viel Kompetenz und Wissen vermitteln, dass meine Arbeit überflüssig wird.“ Schnell merkten wir, dass uns alle im Kern ein Wunsch verbindet. Wir möchten dazu beitragen, dass Trauer wieder in bestehenden sozialen Strukturen gelebt wird und in der Gemeinschaft stattfinden kann. Das Familie und Freunde Halt geben können, da sind, Leid mittragen und Verluste nicht mehr hinter verschlossenen Türen betrauert werden müssen. Und die Werkzeuge dafür sind vielfältig: manche von uns setzen sich dafür ein, dass Pflegefachkräfte zukünftig die richtigen Worte finden, wenn sie eine Todesnachricht überbringen. Andere wollen in Vergessenheit geratene Rituale mit neuem Leben füllen. Es entstehen Konzepte für Beratungsangebote, Ideen für Lehreinheiten an Schulen und in Unternehmen und kreative Ansätze für einen bedürfnisorientierten Umgang mit Trauer in einer diversen Gesellschaft. Alles mit dem Ziel, die Menschen um uns herum dazu zu befähigen, Freunden, Familienmitgliedern oder auch Kolleg:innen (wieder) selbstverständlich in schweren Zeiten beistehen zu können. Ich bin stolz darauf, als Studierende an diesem bunten Strauß an Trauerarbeit mitwirken zu können. Aber auch Sie, liebe Leserin und lieber Leser, können dazu beitragen, Trauer im Alltag zu normalisieren. Denn wie bei so vielen Dingen gilt auch hier: Veränderung fängt bei uns selbst an. Und oft mit sehr kleinen Dingen. Hören Sie hin, bleiben Sie aufmerksam. Dazu möchte ich Sie ermutigen.

Sarah Zinn / Autorin, Medienschaffende und Studentin der PERIMORTALEN WISSENSCHAFTEN/Universität Regensburg
https://www.uni-regensburg.de/theologie/moraltheologie/perimortale-wissenschaften-ma/index.html

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