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Wie viel Trauer ist normal? – Warum es wichtig ist, selbstbestimmt zu trauern

Der Verlust eines Menschen ist eine existenzielle, oft traumatische Erfahrung. Doch selbst in dieser Zeit besonderer Verletzlichkeit sehen sich viele Hinterbliebene mit Vorstellungen von einer „richtigen“ Art zu trauern konfrontiert. Dabei ist es für den Trauerprozess essenziell, den eigenen Weg, das eigene Tempo und den passenden Ort zu finden.

Wie viel Trauer ist normal? –  Warum es wichtig ist, selbstbestimmt zu trauern
Etwas einzupflanzen hilft bei der Trauerbewältigung
Wer es nicht selbst erlebt hat, kann nicht wissen, wie sich das anfühlt: wenn einem der Verlust des Partners, eines Elternteils oder eines guten Freundes den Boden unter den Füßen wegzieht. Und doch haben viele von uns mehr oder weniger genaue Vorstellungen davon, welche Art von Trauer adäquat ist. Sie meinen zu wissen, wie sich jemand zu verhalten hat, wenn er einen geliebten Menschen verliert.

Ob bewusst oder unbewusst: Wir alle schauen genau hin, wie andere in unserer Umgebung mit einem Verlust umgehen. Wann geht sie wieder unter Leute? Trägt er schwarz? Und wenn nicht: Was bedeutet das? Für Hinterbliebene ist dieses unter „Unter-Beobachtung-Stehen“ eine zusätzliche Belastung in einer sowieso schon schweren Zeit. Sie stehen nicht nur vor der Aufgabe, ihren Schmerz und ihr Leid zu verarbeiten – sie müssen auch noch den Erwartungen und Wertungen ihrer Umgebung entsprechen und können in ihrer Trauer nicht selbstbestimmt agieren. Dabei wäre genau das eine Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Trauerprozess. Gisela Zimmermann, die sich als Filmemacherin und Trauerbegleiterin seit Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigt, kennt das Problem – und auch die passende Antwort: »Ich gebe Hinterbliebenen dazu nur den Rat: Es gibt keine richtige oder falsche Art zu trauern, jede Trauer ist einzigartig. Gestaltet eure eigene Trauer und lebt sie aus. Dabei ist alles erlaubt, was stärkt und Kraft gibt, alles, was gut tut.«

Kein „zu schnell“ und kein „zu langsam“

Trauer hat unendlich viele Facetten. Und die Bandbreite an Verhaltensweisen, die als normal gelten dürfen, ist riesig – genau wie die individuellen Voraussetzungen. Noch vor kurzem galt ein Trauerprozess, der mehr als sechs Monaten andauerte, bereits als „Trauerstörung“ – mit offenen Grenzen hin zur Depression. Doch diese und andere normative Bewertungen werden zunehmend kontrovers diskutiert. Ist es wirklich angemessen, beispielsweise das Verhalten von Eltern, die ein Kind verloren haben und länger als sechs Monate trauern, als pathologisch einzuordnen?

Auch ein Phänomen wie die verzögerte Trauer bekommt man so nicht zu fassen. In diesen Fällen sind zunächst nach außen kaum Anzeichen der Trauer bei dem oder der Hinterbliebenen zu bemerken – dafür bahnt diese sich später, bei einem ganz anderen Anlass ihren Weg. Gisela Zimmermann kennt das Beispiel einer Mutter, die eines ihrer zwei Kinder verlor, gleichzeitig aber wieder schwanger war und aus diesem Grund ihre Trauer zum Zeitpunkt des Verlustes nicht ausleben konnte – denn sie musste im Sinne der Familie und des Neugeborenen „funktionieren“. Umso stärker brach die unterdrückte Emotion dann über ein Jahr später bei der Beerdigung eines anderen Kindes im Familienkreis hervor.

Die Frage nach einer „normalen“ Dauer der Trauerphase beschäftigt viele Hinterbliebene „Manche kommen nach 1-2 Monaten und fragen mich: Wie lange dauert das denn noch? Kann ich etwas nehmen/tun, damit das weggeht? Ich rate dann dazu, Geduld zu haben und sich die nötige Zeit zu nehmen. Bildlich gesprochen: Eine Heldenreise kann man nun mal nicht mit dem Flugzeug bewältigen. Der Trauer-Prozess ist wie eine Challenge, eine große Herausforderung. Man muss jeden Schritt selbst gehen. Ich rate auch von Medikamenten wie zum Beispiel Stimmungsaufhellern ab. Denn die Erfahrung zeigt: Setze ich die ab, ist die Trauer wieder da und alles beginnt von vorn.“

Kein „zu viel“ und kein „zu wenig“

Genau wie es keine typische Dauer für den Trauerprozess gibt, sind auch Vorstellungen von „zu viel“ oder „zu wenig“ Trauer unangemessen. Forscher gehen heute von aus, dass für die Ausprägung der eigenen Art zu trauern mindestens sieben verschiedene Kategorien („Mediatoren“) eine Rolle spielen: zum Beispiel die Frage, in welchem Verhältnis man zu dem Verstorbenen stand, die Todesart und natürlich auch kulturelle/soziale Variablen sowie die Persönlichkeit des/der Hinterbliebenen. Auch das Alter spielt eine wichtige Rolle. Kinder trauern anders als Erwachsene – schon wegen des oft noch nicht vollständig entwickelten Verständnisses davon, was „tot sein“ eigentlich bedeutet. Und dann ist da noch die für Außenstehende oft schwer nachvollziehbare Pendelbewegung zwischen Verlustschmerz und ersten Ansätzen zur Neugestaltung des „Lebens danach“. Was als schwankend empfunden wird, ist bei genauer Betrachtung gerade typisch für den Trauerprozess. Denn der verläuft nicht linear, eher in einer Art Loop, einem Oszillieren zwischen der Welt, die es nicht mehr gibt und der, die man nun neu errichten muss.

Aus all diesen Gründen ist Zurückhaltung in der Beurteilung und Bewertung die Grundvoraussetzung für einen sensiblen Umgang mit Trauernden. Ob man seine Gefühle lieber ausdrückt oder unterdrückt sollte jedem selbst überlassen bleiben. Ein vergiftetes Kompliment wie „Du steckst das aber gut weg“ kann genauso verletzend sein wie ein Aufmunterungsversuch à la „Wird es nicht langsam Zeit, dass du auf andere Gedanken kommst?“

Was tun im Alltag?

Bei aller Zurückhaltung und Sensibilität sollten Freunde, Bekannte und Familienmitglieder natürlich auch nicht wegsehen, wenn z. B. aus dem vorübergehenden Rückzug ein permanenter Rückzug wird. Ist eine Veranlagung vorhanden, kann Trauer auch in eine Depression umschlagen. Was unter keinen Umständen falsch sein kann, ist Hinterbliebenen einfach nur zuzuhören und ihnen konkrete, praktische Hilfe im Alltag anzubieten – statt ihnen etwas erklären oder sie trösten zu wollen.

Auch am Arbeitsplatz gibt es ganz einfache, bewährte Ideen, die helfen: Hat jemand in seinem Job viel Kundenkontakt und muss viel kommunizieren, kann man ihm oder ihr anbieten, vorübergehend im Innendienst zu arbeiten. Überhaupt ist die Bedeutung der Arbeit in der Trauer eine sehr individuelle: Während manche dankbar für die Ablenkung sind und ihre Arbeit als wertvolle Stütze während des Trauerprozesses erleben, sind andere für eine gewisse Zeit schlicht nicht in der Lage, weiter ihren Pflichten nachzukommen.

Eine spannende Idee für den öffentlichen Raum hat Gisela Zimmermann entwickelt. Gelänge es, statt schwarzer Kleidung ein hoffnungsvolles und subtiles Erkennungszeichen wie zum Beispiel eine weiße Feder zu etablieren, die von Trauernden getragen werden kann, müssten diese sich weniger für ihr Verhalten rechtfertigen oder es wieder und wieder erklären. Stattdessen könnten sie auf das Verständnis ihres Gegenübers bauen, der um ihre besondere Verletzlichkeit weiß.

Auch mit der Neugestaltung unserer Friedhöfe und der Novellierung von Friedhofsordnungen könnten wir viel dafür tun, Hinterbliebenen das Trauern zu erleichtern. Denn viel zu oft wird auch hier von den Betreibern reglementiert und nach Vorschrift entschieden – so zumindest nehmen es immer mehr Menschen wahr. Tatsächlich sollte es einzig und allein darum gehen, was den Hinterbliebenen bei der Bewältigung ihrer Trauer hilft. Und wenn es jemandem hilft, in der Erde zu graben, etwas zu pflanzen, Erinnerungsstücke abzulegen oder ein Ritual am Grab abzuhalten, dann gibt es keinen vernünftigen Grund, das diesen Menschen zu untersagen. Der Friedhof der Zukunft sollte ein Ort sein, an dem man etwas tun kann – statt nur herumzustehen. Er sollte sich weniger genormt, weniger aufgeräumt, weniger eng anfühlen. Dann könnte er seiner Bedeutung für die Hinterbliebenen ganz und gar gerecht werden: als ein Ort, von dem Menschen sagen, dass es ihnen besser geht, wenn sie von dort weggehen – weil sie Tag für Tag ein Stück Trauer dort lassen können.

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