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Reallabor zur Friedhofsentwicklung

Der „Campus Vivorum“ in Süßen zeigt beispielhaft Gestaltungsideen für Friedhöfe. Entscheidungsträger in kommunalen und kirchlichen Verwaltungen erfahren, wie sich die ökonomische Zukunftsfähigkeit bestehender Friedhöfe steigern lässt und wie den Menschen dienliche Beisetzungsorte auf Friedhöfen zu gestalten und umzusetzen sind.

Reallabor zur Friedhofsentwicklung

© Tobias Blaurock – Initiative Raum für Trauer

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Der Artikel ist zuerst im Magazin Friedhofskultur – Ausgabe 10/2023 erschienen

Friedhöfe sind soziale und mentale Begegnungsstätten, Bezugspunkte, an denen sich Menschen ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart versichern. Sie sind erhaltenswerte öffentliche Grün- und Erholungsflächen.

Als für Menschen nützliche Räume machen Friedhöfe die soziale Daseinsfürsorge ihrer kommunalen und kirchlichen Träger deutlich. Sie sind Ort der Entschleunigung und interkulturelle Begegnungsräume. Sie geben Menschen Halt, sind ein Knotenpunkt des öffentlichen Lebens, an dem Menschen die Fürsorge anderer spüren. Sie stehen für ein nachhaltiges Zusammenleben und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Neben ihrer Funktion als Orte der Aufbewahrung von Toten sind sie identitätsbildende Räume des Gleichzeitigen. Hier treffen sich Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen. Ihre Gestaltung wirkt sich auf das Befinden und die Aktivitäten der Besucher aus. Deshalb sind sie unter menschlichen Gesichtspunkten zu gestalten. Sie brauchen (Handlungs-)Räume, die Lebenssituationen vom Menschen in unterschiedlichen emotionalen Zuständen berücksichtigen und ihre Sehnsüchte abbilden – nicht als Ort der Toten, sondern als Raum für Lebende.

Der „Campus Vivorum“ veranschaulicht Vorschläge zur zukünftigen Konzeption und Gestaltung von Friedhöfen, die gemeinsam mit Architekten, Landschaftsarchitekten, Psychologen, Trauerbegleitern, Friedhofsverwaltern, Künstlern, Bestattern, Steinmetzen und Friedhofsgärtnern praxisnah und beispielhaft entwickelt, umgesetzt wurden. Im Mittelpunkt steht dabei die Wirkung dieser Räume auf das Empfinden und das daraus resultierende Verhalten der Menschen. In dem mit Unterstützung des Büros für Landschaftsarchitektur Karres en Brands geplanten und realisierten Reallabor zeigt die Initiative, wie es gelingt, Flächen auf bestehenden oder neu zu gestaltenden Friedhöfen für attraktive Abschieds- und Lebensräume zu generieren. Das – sich stetig weiterentwickelnde – Experimentierfeld stellt beispielhaft vor, wie ein Raumgefüge auf Friedhöfen aussehen kann, das die vielfältigen Bedürfnisse von Hinterbliebenen und ihre unterschiedlichen Anforderungen in verschiedenen Lebenssituationen widerspiegelt. Im Mittelpunkt stehen dabei die raumpsychologischen Aspekte der Gestaltung eines Friedhofs als öffentlicher Beisetzungs- und Abschiedsraum.

Der „Campus Vivorum“ zeigt, wie an den Bedürfnissen der Menschen, nicht vorwiegend an den Ideen von Planern oder am organisatorischen und wirtschaftlichen Bedarf von Verwaltungen oder Unternehmen orientierte Räume des Abschiednehmens, des Begegnens, des Erinnerns und der Beobachtung der Natur auf zukünftigen Friedhöfen aussehen und Menschen einen gelingenden Abschied ermöglichen können. Das Experimentierfeld macht so real erfahrbar, wie es gelingt, Flächen auf bestehenden oder neu zu gestaltenden Friedhöfen für attraktive Abschieds- und Lebensräume zu gestalten und Friedhöfe für ihre Träger und die dort tätigen Gewerke wirtschaftlich erfolgreich zu machen.

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Konzepte für erfolgreiche Friedhöfe entdecken

Abschied nehmen
Der „Campus Vivorum“ ist konsequent dem Gedanken des „heilsamen Trauerns“ folgend gestaltet. Im Mittelpunkt stehen den Menschen dienliche „Räume des Abschiednehmens“ mit Beisetzungsorten, die ihnen ein selbstbestimmtes Handeln erlauben, ohne sie zu einer regelmäßigen (Grab-)Pflege zu verpflichten. Eine ausdifferenzierte Mikrostruktur individuell nutzbarer, sinn- und wirkungsvoller Beisetzungsort spiegelt die grundlegenden Wünsche und Bedürfnisse von Hinterbliebenen an einen funktionierenden Ort der persönlichen Trauer in einer zunehmend individualisierten, multikulturellen und mobilen Gesellschaft wider.

Erinnern teilen
Auf einem Friedhof haben gemeinschaftliche Handlungen eine hohe Bedeutung. In den Räumen des Erinnerns entstehen geschützte, jedoch jederzeit für das Miteinander mit anderen Menschen einladende und von konkreten Beisetzungsorten losgelöste Räume für menschliche (Trauer-)Situationen ganz unterschiedlicher Art. In diesen öffentlichen – allein oder gemeinsam zu nutzenden – Räumen entstehen Gedenk-, Andachts- oder Brückenorte des Erinnerns, die Geborgenheit ausstrahlen, an denen sich Menschen allein oder gemeinsam wohlfühlen und sich gerne aufhalten. Menschen in für sie schwierigen Lebenssituationen, oder deren Angehörige an anderen Orten beigesetzt wurden, erhalten die Möglichkeit, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen.

Begegnen genießen
Als Sozialraum ist der Friedhof ein Ort des Aufenthaltes, der Begegnung, der persönlichen Gespräche. Gemeinschaftlich zu nutzende oder zu gestaltende, den Bedürfnissen der Menschen entsprechende (Zwischen- oder Brücken-)Räume des Begegnens bieten hier einen geschützten Übergang zwischen dem privaten Beisetzungsort und den öffentlichen Bereichen eines Friedhofs. Sie ermöglichen – wann immer Menschen es wünschen – Begegnungen mit und Kontakte zu anderen Menschen. Feste oder mobile Sitz- und Aufenthaltsmöglichkeiten laden zum Verweilen ein. Unterschiedlich große Orte bieten Raum sowohl für eher private Gespräche als auch für das Treffen größerer Gruppen.

Natur erleben
Diese Räume bieten mit ihrer von Menschen bewusst gestalteten, naturnahen Umgebung Raum für das Erleben und Erfahren der Lebensräume von Pflanzen und Tieren. Durchgrünte Flächen – mit intensiv blühender und duftender, teils wild wachsender Bepflanzung und natürlichen Sitzgelegenheiten – die eher zurückhaltend ausgestaltet sind, rücken dieses Erfahren und Erleben der Natur in den Vordergrund. Bienen- und Insektenhotels, Nistkästen oder Biotopbereiche für Reptilien bieten Menschen die Möglichkeit, Naturerlebnisse wahrzunehmen und dadurch ihre eigene Empfindsamkeit wieder zu spüren.

Gärten der Sinne
Die Gärten der Sinne bieten durch ihre besondere Gestaltung für alle Menschen und besonders für jene, die in ihrer Lebensgestaltung beeinträchtigt oder durch altersbedingte Erkrankungen gehandicapt sind, eine ihnen Halt gebende Lebens- und Erfahrungswelt. Die menschlichen Sinne werden durch unterschiedliche Farben, Gerüche, Klänge und Oberflächen stimuliert, das Wohlbefinden wird gefördert. Diese Gärten ermöglichen durch die Art und Ausgestaltung der Bepflanzung sowie durch die Installation von Erinnerungstriggern ein besonderes Erlebnis für die Sinne.

Eine Welt
Beisetzungen von Angehörigen anderer Religionen sind heute auf vielen Friedhöfen selbstverständlich. Sie spiegeln die Koexistenz der Menschen im Tod und in ihrer Trauer, auch wenn sich jeder Mensch auf eigene Weise mit dem Tod beschäftigt. Dieses gemeinsame Handeln und Empfinden über Religionen hinweg gilt es auch auf Friedhöfen zu integrieren.

Räume spüren
Drei als Rauminstallationen ausgebildete Grenzfälle zwischen Architektur und Skulptur – der Eingangsbereich, ein Raum, der Sehnsucht spürbar, und ein Raum, der Zuversicht erfahrbar macht – bilden den Spannungsbogen zwischen der Trauer und ihrer gelungenen Verarbeitung. Die Konzeption stammt von dem Architektenbüro Manthey Kula (Oslo).

Autoren: Sarah Czasny und Willy Hafner, Initiative Raum für Trauer
Informationen unter www.raum-fuer-trauer.de, Besichtigungen auf Anfrage: info@raum-fuer-trauer.de

 

 

Hier finden Sie den Originalartikel zum Download:

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