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Wie Kinder den Tod begreifen

Die Vorschulkinder der Kindertagesstätte Niefeldstraße in Gelsenkirchen befassen sich im zehnten Jahr mit ihrer Projektwoche: Sterben, Tod, Trauer und Lebensfreude. Ein Projekt, das Schule machen sollte! 2021 würden sie bereits das zehnte Mal die Kinder spielerisch und unbeschwert an diese Themen heranführen, sagt Kita-Leiterin Anette Fischer. Aus ihrer Stimme schwingt Zuversicht.

Wie Kinder den Tod begreifen

Der Tod ist für Kinder unter drei Jahren nicht begreifbar. Er bedeutet einfach: „Nicht-da-sein“, eine Abwesenheit auf Zeit. Sie können die Endgültigkeit geistig noch nicht erfassen; dennoch realisieren Kinder die mit dem Tod verbundenen Veränderungen in der Familie. Tod und Trauer müssen Kinder letztendlich selbst erfahren und sich damit auseinandersetzen, wie mit allem, was sie ein Leben lang sehen und lernen und was sie weiterbringen wird … wenn wir aufhören zu lernen, sind wir sowieso schon mitten im Leben tot …

Ab dem 4. Lebensjahr stellen
sich Kinder Fragen zum Tod

Kinder erschrecken nicht durch den Gedanken an den Tod, sie sind eher neugierig und interessiert. Ja, man soll mit Kindern über Sterben und Tod sprechen – aber es sollte bitte achtsam und professionell geschehen, wie z. B. in der Kita Niefeldstrasse in Gelsenkirchen, damit Kinder keine falschen Vorstellungen oder Ängste entwickeln.

Corona-bedingt führen wir ein Telefon-Interview. Ich zeichne das Gespräch auf, damit ich keine Notizen machen muss. Frau Fischer, die Leiterin der städtischen Kinder-Tagesstätte verbindet mich mit den beiden Erzieherinnen und wünscht uns einen fruchtbaren Erfahrungsaustausch. Den haben wir.
Beide Frauen brennen für ihr Thema, sie sind Erzieherinnen mit Empathie und Verstand. Das kann man nicht lernen. Das hat man. Sie fallen sich während unseres halbstündigen Gesprächs nie ins Wort; sie ergänzen sich auf eine feine Art famos. Manuela Damnjanovic und Ann-Christin Timmerhaus hatten sich zu einer Art Kinder-Trauerbegleitung weiterbilden lassen, um ihren KITA-Kindern im Trauerfall gut helfen zu können. Den Ausschlag hatte vor Jahren der Tod des Vaters einer ihrer Kinder, durch Suizid, gegeben. „Wir wollten das Richtige tun, auf eine richtige Art helfen; und wussten plötzlich, wir müssen dazulernen, uns weiterbilden, uns Hilfe suchen.“ Sagen die beiden und bekamen erste Unterstützung von Herrn Mäsing.

(siehe: INFO-BOX)

Erfahrungsgemäß sind Eltern im Todesfall mit sich selbst, ihrer eigenen Trauer beschäftigt und einfach überfordert. Viele denken, es sei besser ihre Kinder von Sterben und Tod, von der Trauerfeier und dem Friedhof ganz fernzuhalten. Aber wie eine Geburt gehört der Tod zum Leben. Das Problematische an dieser vermeintlichen Kinder-Schonhaltung ist, dass alles was nicht real erlebt wird, trotzdem in der Fantasie herumspukt.

Fantasiegebilde, als Ersatz, sind oft monströser als jegliche Realität.

Deshalb frage ich die beiden Erzieherinnen zuerst nach der Reaktion der Eltern.
„Die sind zuerst verunsichert von unserem Angebot, aber wir machen separat mit den Eltern einen Info-Nachmittag, und sie wissen, dass sie jederzeit ein Veto einlegen können. Wir wollen ihnen die Angst vor unserem Projekt nehmen und niemand zwingen.“
So können sich die Eltern für das Thema öffnen und sind vorbereitet, denn die Kinder wollen sich mit ihnen austauschen und daheim erzählen, was sie erlebt haben. Bisher haben immer alle Eltern eingewilligt. Es geht vor allem um die guten Erinnerungen an die Verstorbenen. Der Tod ist ja nicht nur negativ, diese Menschen geben uns Lebenden auch in der Erinnerung an sie Kraft.

Die Erzieherinnen haben einen „Erinnerungs-Koffer“ mit allem, was die Kinder zum Assoziieren, zum Erinnern an einen geliebten Verstorbenen benötigen könnten gefüllt. Die Fünfjährige nimmt sich aus dem Erinnerungs-Koffer einen Stein. Ihr Opa ist kurz davor verstorben. „Mein Opa hat immer Steine aus dem Urlaub mitgebracht und daraus Ohrringe gemacht.“, sagt sie, schiebt ihre Haare beiseite und alle können den hübschen Opa-Ohrschmuck bewundern, der sie für immer gut erinnern wird. Ein Sechsjähriger nimmt eine Kamera und ein Spielzeugauto aus dem Koffer: „Mein Opa hat gerne fotografiert und er hatte eine tolle Werkstatt.“ Auf diese sanfte Art und Weise machen die Kinder ihre ersten Erfahrungen mit dem Thema: Tod, Trauer und Erinnerung.

Die kommen erst in ein Grab und dann in den Himmel.

// Aussage eines Vorschulkindern, 5-6 Jahre                                                    

Was kann man antworten, wenn die Kinder nach dem Verstorbenen fragen? Die Notlüge: „Opa schläft nur“, kann bei den Kindern Ängste vor dem Schlafengehen und vor dem eigenen nicht-mehr-Aufwachen erzeugen und ist einfach nicht die Wahrheit. Jede Familie hat ihre eigenen Jenseitsvorstellungen. Wenn es nicht der Himmel ist, dann ist es eine Wolke, auf der sich alle irgendwann wiedertreffen. Eine kluge Reaktion wäre, die Frage an die Kinder weiterzugeben: Was glaubt ihr denn – was mit den Verstorbenen passiert? Fragen weiter-zugeben ist eine gutbewährte Therapeuten-Methode und sollte man ins Erwachsenenleben viel öfters integrieren.

In den Himmel kommen wir über eine Leiter ­– die sieht man aber erst, wenn man tot ist.

Unser Hund lebt da oben im Himmel bestimmt auch weiter.

Die Gräber sind geschmückt, weil man die Leute vermisst – deswegen sind da ganz viele schöne Blumen.     

Auf dem Friedhof sammeln wir Blätter, Uroma und Uropa sind da wieder zusammen und das ist schön so.

(Aussagen von Vorschulkindern, 5-6 Jahre)

 

„Am Ende der Projektwoche gehen wir alle zusammen auf den Friedhof.“, berichten die Erzieherinnen. „Obwohl wir keine Verhaltensregeln vorgeben, sind die Kinder sehr achtsam. Sie spüren die Bedeutung dieses Ortes.“ Es sei nur einmal passiert, dass die Kinder über eine Wiese für halbanonyme Beisetzungen gelaufen sind und seien sehr erschrocken, als ihnen gesagt wurde, dass darunter Menschen beigesetzt wurden. Diese Gräber waren für sie nicht erkennbar.
„Es ist auch wunderschön zu beobachten, wie achtsam sie mit den trauernden Menschen an den Gräbern umgehen.“ Die Erzieherinnen erzählen, dass sie auch ein Lied für die trauernden Menschen haben, aber sie fragen vorher, ob sie es singen dürfen.

Die beiden Damen fragen mich, ob sie mir das Friedhof-Lied am Telefon vorsingen dürfen. Sie singen zusammen die drei Strophen … und jedes Mal beim Abhören habe ich Tränen in den Augen. Ich bekomme nur feuchte Augen, wenn mir etwas wirklich unter die Haut geht. Wenn die Wiedergabequalität meines lautgestellten Handys nicht so miserabel gewesen wäre, wäre es ein wunderbares Podcast-Erlebnis geworden. Wir wünschen, dass noch viele Kitas diesem Beispiel vom Projekt  „TOD und LEBENSFREUDE“ folgen.

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INFO-BOX

Die Projektwoche zum Thema: Sterben, Tod und Trauer findet in 2021 zum zehnten Mal in der Kita Niefeldstraße/Gelsenkirchen statt.
Initiiert wurde das Projekt von Andreas Mäsing, Vorsitzender VFFK – Verein zur Förderung der deutschen Friedhofskultur. Herr Mäsing steht freundlicherweise als Ansprechpartner für alle Interessierten zur Verfügung.

VFFK – Verein zur Förderung der deutschen Friedhofskultur
www.vffk.de

Lukas und Oma nehmen Abschied
https://www.vffk.de/aktuelles/lukas-und-oma-nehmen-abschied/

Lavia – Institut für Familientrauerbegleitung (Mechthild Schroeter-Rupieper)
https://www.familientrauerbegleitung.de

Meist ist der erste Trauerfall im Leben eines Kindes, die Trauer um das verstorbene Haustier. Zum Beispiel: Zünden Sie mit Ihrem Kind eine Kerze vor der Tier-Urne oder dem Foto an oder legen sie kleine Steine auf das Grab. Schreiben Sie mit Ihrem Kind einen Abschiedsbrief für das verstorbene Tier, um ihm zu signalisieren, dass auch Sie trauern und ihr Kind nicht alleine mit diesen Gefühlen ist.

Gisela Zimmermann/Filmemacherin und Trauerbegleiterin

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