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Mit einer Paketschnur zur Beerdigung: Verbindungen, die nicht nur in Corona-Zeiten tragen können

„Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, einen Code, der weit in die Zukunft weist“, schreibt Matthias Horx (Publizist und Zukunftsforscher) in seinem aktuellen Buch „Die Zukunft nach Corona“. Dies zeigte sich für mich im April 2020, auf den ich jetzt, wenige Monate später, zurückschaue. Es war ein wunderbarer Frühlingsmonat; der blaue Himmel und die erwachte Natur öffneten sich wie eine lebendige und bunte Kathedrale über dem Friedhof. Damals waren Beerdigungen in ganz Deutschland nur im Freien, direkt am Grab, für einen Personenkreis von maximal zehn Menschen möglich und die bis dahin vertrauten Trauer- und Abschiedsräume durften nicht betreten werden. Trauernde Menschen waren verunsichert und konnten sich nicht recht vorstellen, dass unter diesen Bedingungen eine „richtige Beerdigung“ möglich sein könnte. Manche fragten sich, ob es nicht besser sei, auf eine Zeit zu warten, in der mehr Menschen zugelassen und die Feierhallen wieder geöffnet sein würden.

Mit einer Paketschnur zur Beerdigung: Verbindungen, die nicht nur in Corona-Zeiten tragen können

In der Zwischenzeit finden Beerdigungen wieder fast wie gewohnt statt – mit der Auflage, die Hygiene-Vorschriften, wie Abstand zu halten und Schutzmasken zu tragen, einzuhalten. Seither schaue ich bei Trauerfeiern in der Aussegnungshalle auf Menschen, die ihren Gesichtsschutz tragen und die „stuhlversetzt“ ganz für sich und mit – gefühlt – sehr großem Abstand zu den anderen an der Feier teilnehmen. Ein ungewohnter Anblick, einer, der es mir schwer macht, den Kontakt zu spüren, selbst wenn die Augen geöffnet sind. Seltsam, wie sich das für mich als Trauerredner anfühlt. Vielleicht werde ich in einigen Monaten zurückschauen und etwas entdecken, was in die Zukunft weist. 

Meine persönliche Erfahrung bei der Beerdigung meiner Mutter im März

ließ mich spüren, wie es auch in dieser völlig veränderten Situation gelingen kann, beim Verlust eines geliebten Menschen anderen nahe zu sein. Ich begegnete mir selbst als trauerndem Sohn, der gemeinsam mit den Geschwistern und ihren Familien seine Mutter beerdigt. Wir hatten einen achtsamen Bestatter mit aufmerksamen Friedhofsmitarbeitern und einen Pastoralreferenten, der die Feier gut gestaltete. Wir als Familie werden diesen Abschied mit all seinen Bildern und inneren Gefühlen, mit seinen Liedern und Worten, und mit der Stille, als eindrücklich und „stimmig“ in unserer Erinnerung behalten.

Was uns bis heute fehlt, sind die Menschen, die nicht dabei sein durften: Verwandte, Nachbarn, Menschen aus dem Dorf, die unsere Mutter gekannt und geschätzt haben. Darauf warten wir noch, auf dieses Fest, das wir „nach Corona“ feiern wollen und zu dem wir alle einladen werden.

Was ich selbst erlebte, wurde jetzt aktuell bei der Unterstützung von Menschen, die sich zeitnah für eine Beerdigung am Grab entschlossen, selbst wenn der Kreis auf eine kleine Zahl begrenzt war. Jede Feier habe ich eindrücklich in Erinnerung. In dem sehr begrenzten Rahmen waren alle Beteiligten frei, einfach nur da zu sein oder auch mitzugestalten. Die achtsame Art, in der die Urne getragen, der Sarg geleitet wurde, ließ den Angehörigen Raum und Zeit.

Viele kreative Anregungen für die Beisetzung „im kleinen Kreis“ kamen damals aus Bestatter- und Trauerbegleitkreisen, die ich entsprechend der Abschieds- und Trauersituation aufgenommen habe, um im Ritual der Bestattung ein ganz eigenes Zeichen zu gestalten. Ich hatte die Idee zu einem Symbol der Verbundenheit aller mit allen: ein Band. Im April waren aber alle Kaufhäuser bereits geschlossen. Also ging ich zur Post und kaufte Bindfaden, wie man ihn für Verpackungen benutzt. Ich legte gleich drei Knäuel auf den Tisch, und der freundliche Postbeamte fragte: „Sie wollen sich aber jetzt nicht einen Strick drehen?“ Wir lachten. „Nein“, sagte ich, „ich lebe zu gerne – auch in diesen Corona-Zeiten.“

Diesen stabilen Faden brauchte ich für die Beerdigungen

So kann auch Verbindung entstehen, wenn Menschen zwei Meter auseinander stehen müssen. Alle halten sich am gemeinsamen Faden und spüren sich verbunden über die Distanz hinweg. Dieser Faden wird die Angehörigen an diesen Beerdigungstag unter „Corona-Bedingungen“ erinnern und manchmal auch wie ein „Trittstein“ in der Flut von Gefühlen halten können.

Zwei Geschichten fielen mir wieder ein:

Die eine geht weit zurück in eine Zeit, in der ich als Seelsorger für die Jugendarbeit einer Kirchengemeinde zuständig war. Ein 12jähriger Junge war damals tödlich verunglückt, und es galt, die Beerdigung mit den Kindern und Jugendlichen aus der Gruppe zusammen mit den Eltern und der Familie vorzubereiten. Damals gab es ein Lied, das wir bei vielen Gelegenheiten gesungen haben, auch und gerade bei Beerdigungen. Ein Lied über das „Band der Liebe“: ein Band, das zu Lebzeiten verbindet und „über den Tod hinaus“ verbinden kann – in eine Zeit hinein, in der es für die, die zurückbleiben, gilt weiterzuleben.

Die andere Geschichte erinnerte mich an einen Mann, der seine Frau im Hospiz bis zu ihrem Tod begleitete und der von ihr den Auftrag bekam, ihre Asche an Orten zu verstreuen, zu denen sie beide eine Verbindung in sich trugen. Der Ehemann war längere Zeit nach ihrem Tod damit beschäftigt, diesen Auftrag ihr entsprechend und auch für ihn selbst stimmig auszuführen. Dafür reiste er ans Meer und auf einen Berg, außerhalb Deutschlands, weil menschliche Asche zu verstreuen hierzulande nicht erlaubt ist. Es brauchte viel Zeit und Kraft.

Dann kam der Tag, an dem „alles“ erledigt war und der Mann „in ein tiefes Loch“ fiel: Es gab nichts mehr zu tun. Er zeigte mir Fotos von dem Ort, an dem er zuletzt die Asche verstreut hatte, und wir sahen darauf ein Gipfelkreuz und eine Kapelle, die mit einem Band kleiner Fähnchen verbunden waren. Ich erzählte ihm, dass es in der asiatischen Kultur und im Vorderen Orient die Tradition gebe, Fahnen in den Wind zu hängen als Zeichen der Verbindung und als Anstoß, Gebete für den abwesenden Menschen in den Wind zu schicken.  Am nächsten Tag rief er mich an und erzählte, er habe eine tibetische Gebetsfahne gekauft und auf seinen Balkon gehängt. In diesem in Verbindung bleiben wird die Beziehung umgewandelt. Für viele Menschen geschieht dies auch, wenn sie einen realen Trauerort besuchen und dort ihrer Trauer Ausdruck geben können.

Das Band der Liebe und die „Vielfalt in der Trauerkultur“

Interessant sind in diesem Zusammenhang die „Acht Thesen zur Trauerkultur im Zeitalter der Individualität“, die Matthias Horx unter dem Titel „Heilsame Abschiede“ vorlegte. Zur These 4 führt er aus: „In unserer durch Individualisierung gekennzeichneten Gesellschaft werden persönliche Handlungen am Grab zu einem menschlichen Grundbedürfnis, weil sie eine positive Wirkung auf Trauernde und für die Trauerbewältigung haben.“ (via Download-Funktion: PDF 8 Thesen zur Trauerkultur)

Das Bindfaden-Ritual

Zum Abschluss der Beerdigung gab ich dem nächststehenden Angehörigen den Anfang des Fadens samt Knäuel in die Hand und führte diesen zu den anderen Zugehörigen bis alle zehn einen Teil dieses Faden-Bandes fest hielten und dadurch verbunden waren. Wir erweiterten den Kreis, in unserer Vorstellung, um die, die nicht dabei sein konnten, und um die, die bereits verstorben waren: Alle sollten eingebunden sein und dazugehören. Währenddessen sprach ich uns allen einen Segen zu, ein Geleit, ein gutes Wort für den Weg, den wir weiter gehen würden – in ein „unbekanntes Land“. Dann habe ich die Angehörigen gebeten, nun – mit genügendem Abstand – den Faden wieder aufzuwickeln. Dabei geht die Frau oder der Mann unmittelbar an jedem Gast vorbei, schaut ihn an, hält kurz inne und geht gleichsam dabei die ersten Schritte, ohne den geliebten Menschen, weiter auf dem eigenen Weg.

Ein Impuls, der weiterwirkt

Das hier Vorgestellte als Impuls lebendig zu halten, wird mir weiterhin wichtig sein. Und dazu gehört, dass dieser auch unmittelbar in andere Lebensbereiche hineinreicht – als Band der Liebe. Die nächste Gelegenheit dazu wird sein, an meinem „runden“ Geburtstag alle Gäste in einem großen Kreis willkommen zu heißen und sie einzuladen, sich mit einem dafür vorgesehenen Band zu verbinden. Dabei kann es durchaus weitere kreative Möglichkeiten geben – z. B., dass jeder Gast an seiner Stelle etwas am Band anbringt, mit dem er in dem großen Kreis der Verbundenheit ein Zeichen setzen möchte.

Bei dem spirituellen Lehrer Bruder David Steindl-Rast habe ich sinngemäß gelesen, dass Verbundenheit eine schöne Qualität des Lebens ist. Wo wir verbunden sind, da sind wir wesentlich und entsprechen dem, was Menschsein in der Tiefe trägt und uns dankbar sein lässt – an Geburtstagen, bei einer Hochzeit, bei anderen Lebensfesten und am Grab eines geliebten Menschen.

 

Hermann J. Bayer, Trauerbegleitung und Ritualgestaltung

Foto: Achim Eckhardt

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