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Die letzten Worte – Was eine gute Trauerrede ausmacht

In der „Schleusenzeit“ zwischen Sterben und Beerdigung kommt der Trauerrede eine immense Bedeutung zu. Nichts spendet so viel Trost wie warmherzige Worte, die den Verstorbenen noch einmal vor unserem geistigen Auge lebendig werden lassen. Sie helfen, mit dem Tod eines geliebten Menschen leben zu lernen, und schaffen so eine gute Basis für den Trauerprozess. Doch es ist eine Gratwanderung: Gelingt sie nicht, wird die Rede zu einem zusätzlichen Ärgernis in einer emotional aufwühlenden Zeit.

Die letzten Worte – Was eine gute Trauerrede ausmacht

Hermann Bayer weiß um die Kraft und die heilende Wirkung einer Trauerrede

Bei der Vorbereitung der Trauerfeier stehen Hinterbliebene vor einer ganzen Reihe von Entscheidungen. Eine davon wiegt besonders schwer, weil sie von enormer symbolischer Bedeutung ist: Wer spricht die für einen gelingenden Abschied so wichtigen letzten Worte? Wie bei allen anderen Entscheidungen im Zusammenhang mit einer Bestattung sollte auch hier der Wille des Verstorbenen an erster Stelle stehen. Hat er sich vielleicht schon zu Lebzeiten einen bestimmten Trauerredner gewünscht?

Soll der Pfarrer sprechen – oder ein freier Redner?

Sind keine konkreten Wünsche bekannt, stellt sich zunächst die Frage, ob der Verstorbene Teil einer Glaubensgemeinde war. Dann wird die Trauerrede oft vom Pfarrer oder Pastor übernommen und ist Teil des Trauergottesdienstes. War der Verstorbene nicht gläubig, vermittelt das Bestattungsinstitut einen freien – das heißt konfessionslosen – Trauerredner. Ihre Zahl ist in den vergangenen drei Jahrzehnten enorm gestiegen. Auch deshalb, weil selbst gläubige Menschen immer häufiger mit den Institutionen der Amtskirche fremdeln.

In der kirchlichen Liturgie steht das Totengebet im Mittelpunkt der Trauerrede. Das mögen die einen als ein Verstecken hinter kirchlichen Ritualen empfinden. Für andere ist es genau das, was ihnen den meisten Trost spendet: dabei zu sein, wenn der Verstorbene in Gottes Hände befohlen wird: „Christus nehme dich auf, der dich berufen hat, und in das Himmelreich sollen Engel dich geleiten.“

Im besten Falle entsteht für den Außenstehenden bei einer guten Trauerrede der Eindruck, der Trauerredner habe den Verstorbenen gekannt.

 

Freie Trauerredner dagegen können ihre Rede grundsätzlich so individuell gestalten, wie auch das Leben des Verstorbenen war. Für Außenstehende entsteht im besten Falle der Eindruck von Vertrautheit. Nicht selten wird dann im Nachhinein gefragt: „Haben Sie ihn gekannt?“. Doch auch viele geistliche Trauerredner geben der persönlichen Erinnerung an den Verstorbenen Raum, vor allem dann, wenn sie diesen aus der Gemeindearbeit kennen.

Welche Variante angemessen ist, muss jede Familie für sich entscheiden. Letztlich ist für das Gelingen der Trauerrede das Einfühlungsvermögen und Engagement des Redners entscheidend – nicht die Frage, ob sie von einem Pfarrer oder einem freien Redner gehalten wird. 

Die Trauerrede als ein Teil eines stimmigen Rituals

Einer, der beide Seiten kennt, ist Hermann Bayer. Als früherer katholischer Diakon weiß er um die Kraft und die heilende Wirkung des Rituals. Andererseits arbeitet er seit mehr als 20 Jahren „frei“. Ihm eilt der Ruf eines exzellenten Trauerredners voraus, dessen letzte Worte besonders bewegend und persönlich sind. Doch als „Trauerredner“ würde er sich selbst nie bezeichnen: „Das klingt für mich zu sehr nach einer Dienstleistung und es erweckt zudem den falschen Eindruck, man könne die Trauerrede separat betrachten. Ich sehe sie dagegen als einen – wenn auch sehr wichtigen – Teil der umfassenden Trauerbegleitung, die ich anbiete. Bei der Trauerfeier z. B. trage ich nicht nur Verantwortung für das Erarbeiten und Halten der Rede, sondern auch für die Gespräche im Vorfeld, das Empfangen der Gäste und deren Begleitung zum Grab. Auch die Musik und die Ausstattung des Raumes sollten mitgedacht werden, damit es ein stimmiges Erlebnis wird.“

Herrmann Bayer sieht die Trauerrede nicht als eine gesonderte Dienstleistung an, für ihn ist sie Teil einer umfassenden Trauerbegleitung 

Andere Trauerredner haben weniger Probleme mit der Einordnung ihrer Tätigkeit als klar abgrenzbare Dienstleistung. Zwischen 200,00 und 500,00 EUR bewegt sich in Deutschland die Honorierung für einen Trauerredner. Und dieser investiert durchschnittlich sechs bis acht Stunden in die Vorbereitung, Ausarbeitung und das Halten einer Trauerrede. Das kann ausreichend sein. Oft ist es das jedoch nicht. „Der häufigste Grund für eine nicht persönliche Rede ist Zeitknappheit. Wichtig ist auch, wie dieser Dienst honoriert wird.“, schätzt Hermann Bayer ein.

Den richtigen Trauerredner finden

„Trauerredner“ ist noch ein relativ junges Berufsbild und kein geschützter Begriff. Man muss keine spezielle Ausbildung absolviert haben und kein Zertifikat erwerben, um seine Dienste auf dem freien Markt anzubieten. Deshalb sollte auch niemand „blind“ einer Empfehlung – zum Beispiel des Bestattungsinstituts – folgen, sondern eine Entscheidung immer erst nach einem persönlichen Telefonat treffen. Denn die Erfahrung zeigt, dass bei der Wahl eines passenden Trauerredners in erster Linie zwei ganz einfache Bedingungen gegeben sein müssen: Vertrauen und Sympathie. Hermann Bayer beschreibt die Gratwanderung zwischen Professionalität und Einfühlung so: „Neben rhetorischem Talent brauchen Trauerredner ein feines Gespür für Lebensgeschichten, für das Gesagte und das, was ungesagt bleiben darf. Sie sollten empathisch sein, aber niemals Emotionen vorspielen. Und sie sollten Persönlichkeiten sein, die sich intensiv mit den letzten Fragen auseinandergesetzt haben.“

Was ich nicht leisten kann ist die Aufarbeitung einer ganzen Lebensgeschichte. Stattdessen konzentriere ich mich auf wichtige, entscheidende Dinge und versuche diese zu einer Geschichte zu formen.

Herrmann Bayer, Trauerredner

„Würdigen – nicht heiligsprechen“: Was eine gute Trauerrede auszeichnet

Die große Kunst der Trauerrede lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Es gilt, ein ganzes Leben in wenigen Minuten zu würdigen. Damit das gelingt, setzt sich der Trauerredner mit den Hinterbliebenen für ein Gespräch zusammen. Das Vorgehen kann dabei sehr unterschiedlich sein. Manche arbeiten mit einer Art Interviewleitfaden und arbeiten einen Fragenkatalog ab. Hermann Bayer gehört zu denen, die eher intuitiv vorgehen und der Eigendynamik des Gesprächs Raum geben. „Beim Trauergespräch begebe ich mich in einen Dialog. Ich höre ungefiltert, was die Hinterbliebenen aus dem Leben des Verstorbenen erzählen. Meine Aufgabe ist es, heraushören, was ihnen wichtig ist. Was ich nicht leisten kann ist die Aufarbeitung einer ganzen Lebensgeschichte. Stattdessen konzentriere ich mich auf wichtige, entscheidende Dinge und versuche diese zu einer Geschichte zu formen. Denn Geschichten trösten – und sie schaffen so etwas wie Sinn, wo sonst keiner wäre.“

Manchmal besteht seine Aufgabe auch darin, nachzufragen. Schließlich erschöpft sich eine gute Grabrede nicht in der Aufzählung von guten Charaktereigenschaften. Zwar heißt es, man solle über Verstorbene nicht schlecht reden. Aber Aussagen wie Er war bei allen beliebt wirken nicht besonders glaubwürdig und authentisch. Wer ein Mensch mit Ecken und Kanten war, sollte auch in der Trauerrede als solcher kenntlich werden. „Wenn ich ausschließlich positive Dinge höre, hake ich nach: Soll es eine Würdigung werden oder eine Heiligsprechung?“, erklärt Hermann Bayer. Denn natürlich bietet eine Trauerrede durchaus auch Platz für Anekdoten, für Streitbares. Oft erweisen sich diese Passagen im Vortrag als diejenigen, die von den Zuhörern als besonders authentisch wahrgenommen werden – und als diejenigen, für die der Trauerredner im Nachhinein besonders positive Rückmeldungen bekommt. 

Die Trauerrede selbst halten – eine gute Idee?

„Wir sind heute hier zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von …“ – wenn eine Trauerrede schon so floskelhaft beginnt, geht sie oft auch genauso weiter. Mitunter fragt man sich als Angehöriger, ob der Redner tatsächlich von der Person spricht, von der man sich gerade verabschiedet. Viele nehmen sich nach einer solchen Erfahrung vor, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, wenn das nächste Mal jemand gehen muss, der ihnen am Herzen liegt. Das ist in jedem Fall eine naheliegende Idee. Ob es auch eine gute Idee ist, hängt von vielen Umständen ab. Nicht umsonst heißt es: „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selbst sagen.“ Andererseits ist es für alle Beteiligten bewegend, wenn ein Sohn, eine Tochter, ein guter Freund oder auch ein langjähriger Kollege das Wort ergreift – vielleicht auch als Ergänzung zur „offiziellen“ Rede des Pfarrers oder Trauerredners.

In jedem Fall sollte man sich bewusst sein, dass eine Trauerrede viel Verantwortung, viel Mut und eine aufwendige Vorbereitung erfordert. In einer emotionalen Ausnahmesituation vor vielen Menschen zu sprechen, kann eine hohe Belastung darstellen.

Ein paar wichtige Grundregeln für Wortbeiträge auf einer Trauerfeier sollten dabei in jedem Fall beachtet werden:

    • nicht länger als 5 Minuten reden,
    • den eigenen Beitrag mit den Angehörigen und dem Leiter der Trauerfeier abstimmen,
    • prüfen, ob der Beitrag als Hörtext funktioniert – was sich auf dem Papier gut liest, kann im Vortrag ganz anders wirken,
    • Vorsicht mit Ironie und Metaphern,
    • langsam und deutlich sprechen,
    • Blickkontakt mit den Zuhörern halten.
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