5 min

„Was bleibt, verändert sich – was sich verändert, bleibt“

Die deutsche Friedhofskultur als Immaterielles Kulturerbe

„Was bleibt, verändert sich – was sich verändert, bleibt“

Engel fliegen, weil sie sich selbst leichtnehmen

Im März 2020 wurde die deutsche Friedhofskultur in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Damit würdigte die deutsche UNESCO-Kommission einen über Jahrhunderte gewachsenen Schatz an Wissen und Fertigkeiten sowie die Bedeutung der Friedhöfe als Orte der Trauer und der Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Lebens. Gewürdigt fühlen darf sich aber auch jeder Einzelne, der mit der Pflege von Gräbern und einem darüber hinausgehendem Engagement seinen kleinen Teil zu einem großen Ganzen beiträgt.

Das Immaterielle Kulturerbe der UNESCO

Was verbindet den Orgelbau, den Rheinischen Karneval, das Hebammenwesen und die deutsche Friedhofskultur? Sie alle sind im bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes gelistet, das inzwischen mehr als 100 Gemeinschaft und Identität stiftende Traditionen umfasst. Getragen werden sie von menschlichem Wissen und Können, das über Generationen weitergegeben wurde – und von dem Anspruch, diese beständig zu erneuern. Die Würdigung hat keinen abschließenden oder musealen Charakter, im Gegenteil: Sie soll Aufmerksamkeit und Wertschätzung generieren und auf diese Weise Brücken von der Geschichte in die Zukunft schlagen.

Was macht im Kern die deutsche Friedhofskultur aus?

Was genau meinen wir, wenn wir von Friedhofskultur sprechen?

Doch was genau macht im Kern eigentlich die deutsche Friedhofskultur aus? Ganz einfach gesagt: alles, was Sie sehen, wenn Sie einen beliebigen Friedhof in Ihrer Nähe besuchen – und darüber hinaus vieles, was Sie nicht sehen können. Im Gegensatz zu anderen ausgezeichneten Kulturpraktiken lässt sich die deutsche Friedhofskultur nicht so einfach einer speziellen Kategorie zuordnen. Sie umfasst verschiedenen Formen der Bestattung und der Beisetzung, sie gibt Raum für persönliche Trauer- und Erinnerungsrituale, für Orte des Trostes und der inneren Einkehr. Diese und viele andere Komponenten geben dem Umgang mit Verlust und Trauer in Deutschland eine ganz eigene Prägung, die Teil unserer Identität ist. Das Wenigste davon ist – separat betrachtet – „typisch deutsch“ in dem Sinne, dass es sich grundlegend von den Praktiken und Gebräuchen in anderen Ländern unterscheiden würde. Beispiele sind die Einbettung von Gräbern in Parklandschaften oder den im Vergleich z. B. zu mediterranen Grabstätten hohen Individualisierungsgrad der Gräber. Es ist vielmehr das Zusammenspiel all dieser Phänomene, das die deutsche Friedhofskultur zu etwas Besonderem macht. Und dieser Charakter des Besonderen, des Einzigartigen und organisch Gewachsenen ist das wichtigste Kriterium für die Aufnahme in die Liste des Immateriellen Kulturerbes.

Trauer braucht einen Ort

Innerhalb der deutsche Friedhofskultur nimmt der Friedhof als Institution eine besondere Stellung ein. Das belegen auch aktuelle empirische Studien: Für den größeren Teil aller Deutschen sind Beisetzungsorte der zentrale Ort des Erinnerns und Gedenkens. Sie bieten Gelegenheit, die Beziehung zu einem geliebten Menschen aufrechtzuerhalten und auf andere Weise weiterführen – denn das Bedürfnis nach Nähe endet nicht mit dem Tod.

Viele empfinden zudem regelmäßige Besuche am Grab als heilsam und förderlich für den Trauerprozess. Dieses Ergebnis deckt sich mit Erkenntnissen aus der Trauerpsychologie, die davon ausgeht, dass nur gelebte Trauer das Loslassen ermöglicht und auf lange Sicht Wege in die Zukunft eröffnet. In diesem sind Friedhöfe nicht nur Orte der Trauer und des Gedenkens, sondern auch Ausdruck der Wertschätzung des Lebens – vorausgesetzt, sie geben den Hinterbliebenen das, was sie sich am sehnlichsten wünschen: Freiheit und Raum für persönliche Handlungen und Rituale. Ob man etwas am Grab hinterlässt oder ein Gespräch mit dem/der Verstorbenen beginnt: Der erste Schritt in Richtung eines neuen Lebens ist der Schritt von der Passivität zur Aktivität.

Genau aus diesem Grund sind die alternativen Bestattungsformen wie Friedwälder oder anonyme Grabfelder, die jüngster Vergangenheit eine Konjunktur erlebt haben, keine echte Alternative. Zwar befreien sie von Verpflichtungen wie der Grabpflege, die von vielen als lästig wahrgenommen werden. Aber sie nehmen der Trauer auch ihren Ort und Raum. Anonymität und Trauerbewältigung – das passt nur in den seltensten Fällen zusammen.  

Friedhöfe erlauben Beisetzungs- und Erinnerungs-Rituale

Mehr als Kulisse und Handlungsrahmen

Doch das ist längst nicht alles, was Friedhöfe für die Gesellschaft leisten. Für die Auszeichnung als Immaterielles Kulturerbe spielen viele weitere Aspekte eine Rolle, die durch die Auszeichnung und die damit verbundene Aufmerksamkeit hoffentlich wieder mehr ins Bewusstsein rücken.

 

  • Friedhöfe in Deutschland sind Orte der Begegnung. Sie fördern die Kommunikation und wirken der Vereinsamung Alleinstehender entgegen.
  • Die Rituale auf dem Friedhof fördern die aktive Auseinandersetzung mit den großen Sinnfragen. An keinem anderen Ort wird so intensiv über das Leben nachgedacht wie hier.
  • Der Friedhof wirkt integrativ und trägt zur Überwindung kultureller und religiöser Gräben bei. Sie umfasst christliche und jüdische Friedhöfe und Grabfelder für weitere Religionen und Glaubensgemeinschaften. Auch der Antrag zur Aufnahme ins Immaterielle Kulturerbe wurde von Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften gemeinsam gestellt.
  • Friedhöfe sind lebendige Geschichtsbücher. An den Gräbern, den Grabzeichen und Skulpturen, der landschaftlichen Gestaltung ist Regionalgeschichte ebenso ablesbar wie große kulturgeschichtliche Entwicklungslinien.
  • Gerade in den großen Metropolen zählen Friedhöfe zu den größten Grünflächen der Städte. Sie mildern die Aufheizung urbaner Räume ab und tragen so wesentlich zum Klima- und Naturschutz bei.

Friedhöfe sind „grüne Lungen“

Friedhöfe als Erinnerungsorte „Und dennoch bin ich stets bei dir“

Ein Blick nach vorn

Auf den ersten Blick mag auf unseren Friedhöfen vieles noch genauso aussehen „wie früher“. Tatsächlich sind diese Orte alles andere als statisch und bilden den gesellschaftlichen Wandel genauso ab wie unsere Wohnungseinrichtung und unsere Innenstädte – wenn auch etwas verzögert.

Genau dieser Wandlungsfähigkeit ist es zu verdanken, dass Friedhöfe ihre Relevanz über Jahrhunderte erhalten konnten. Die mit der Aufnahme in das Immaterielles Kulturerbe verbundene Aufmerksamkeit bietet eine große Chance, die Idee des Friedhofs weiterzuentwickeln und so verlorene Akzeptanz zurückzugewinnen: als ein Ort, der neue Formen des Trauerns ermöglicht und den Bedürfnissen der Hinterbliebenen oberste Priorität einräumt.

Informationen:
www.kulturerbe-friedhof.de
und über unsere Social-Media-Plattformen

6 min

Das Gespenst von Wawa Bar: Seelenbestattung bei den Miskito Nicaraguas

Wir sind auf dem Weg nach Wawa Bar, zu einer kleinen Gemeinde von etwa 1.500 Personen an der Karibikküste von Nicaragua. Das Motorboot durchkreuzt die von Mangroven gesäumten Kanäle. Wir sehen Fischer in kleinen Bötchen ...

Weiterlesen
5 min

Wie unterscheiden sich Trauer- und Gedenkfeiern in Corona-Zeiten?

Einige Monate sind nun vergangen seit Mitte März der Lockdown vieles in unserem Land unterbrochen hat und es fast unmöglich wurde ein soziales Miteinander zu leben – auch Angehörige im Sterben zu begleiten und zu verabschieden. ...

Weiterlesen
5 min

„Was bleibt, verändert sich – was sich verändert, bleibt“

Die deutsche Friedhofskultur als Immaterielles ...

Weiterlesen