4 min

Trauer als wertvolle Zeit und warum sie einen Ort braucht

Ein Expertenbeitrag von Diplom-Psychologin Silvia Schäfer im Buch „RAUM FÜR TRAUER“ von Gisela Zimmermann, Trauerbegleiterin

Trauer als wertvolle Zeit und warum sie einen Ort braucht
Heilsame Trauerorte als Brücke zwischen den Lebenden und den Toten
Was mich mit meiner Lieblingspsychologin Silvia Schäfer verbindet, ist, dass sie in mir lesen kann, wie in einem offenen Buch – sie ihr Wissen aber nur für mich verwendet. Im Gegenzug bringe ich sie zum Lachen der giselalaischen Art – und unsere gemeinsame Abneigung gegen Milchreis. Kennengelernt haben wir uns an der Akademie für Palliativmedizin zu Nürnberg. Ich absolvierte dort meine Ausbildung zur Trauerbegleiterin und Silvia Schäfer war unsere Dozentin, zuständig für den analytisch psychologischen Aspekt der Trauer in unserer Gesellschaft. Um zu verstehen, was Trauer mit uns macht, mit unserem Tun und Handeln, Denken und Fühlen, müssen auch die „Leichen“ im eigenen Seelen-Keller angeschaut werden. Das ist wahrlich mühsam, aber analytisch sehr erhellend, weil ich an mir selbst am nachhaltigsten lerne zu verstehen, wie konsequent wir alle das Thema Trauer aus unserem Leben zu verdrängen wünschen.

Wir haben von Silvia gelernt, dass Trauer eine Art Raum ist, den man betreten, durchschreiten und aushalten muss, um dann irgendwann in einem neuen Raum anzukommen, in einem neuen Lebensabschnitt. Und wir haben gelernt, dass es unsere Aufgabe ist, den Menschen die Angst vor der Trauer zu nehmen, die Angst vor der Auseinandersetzung damit, vom sich Zeit lassen dürfen und die Gesellschaft davon zu überzeugen, sich mehr mit der Trauer zu befassen. Dieser Prozess ist für unsere Psyche gesünder, das können wir spüren – ohne es lernen zu müssen.

Trauer auszuhalten ist oft ein schmerzhafter Prozess. Dann tut es gut dieser Trauer einen Ort zu geben – zum Beispiel das Grab auf dem Friedhof – und sie an diesem Ort auch ein wenig zurücklassen zu dürfen.

Die Bedeutung eines Trauerorts auf dem Friedhof wird oft übersehen, weil die Rituale, die Menschen dort ausführen, oft im Verborgenen geschehen.

// Silvia Schäfer, Diplom-Psychologin

In dem Buch „RAUM FÜR TRAUER“ schreibt Silvia Schäfer über den Friedhof als Ort, dem ich meine Trauer zumuten darf. „Trauer dient dazu, zu lernen mit dem Verlust umzugehen, aber auch dazu, das eigene Leben und die veränderten Bedingungen und Rollen anzunehmen und sich in ihnen zu finden. Die Bedeutung eines Trauerorts auf dem Friedhof in diesem Prozess wird oft übersehen, weil die Rituale, die Menschen dort ausführen, oft im Verborgenen geschehen“, sagt Silvia Schäfer.

Drei Gründe für den Friedhof als Ort für einen guten Trauerprozess

  1. Der Friedhof ist der sichere Ort, an dem der Tote verwahrt wird. Er ist zudem ein Ort, an dem eine Brücke zu existieren scheint, zwischen der Welt der Lebenden und der Toten.
  2. Hier empfinden viele, dass sie die Welt für einen Moment anhalten können und durch ihre Rituale Verbundenheit spüren.
  3. Friedhöfe lassen auch dann noch Trauer zu, wenn in der öffentlichen Wahrnehmung die Trauer ein „Verfallsdatum“ erreicht zu haben scheint. Sie können so Orte sein, wo man seinen Schmerz zeigen kann und einen schlussendlich versöhnen.

Komplizierte Trauerverläufe entstehen oft, wenn dieser Ort fehlt, weil die Überreste des Verstorbenen zum Beispiel nicht auffindbar sind.“

// Silvia Schäfer, Diplom-Psychologin

Aus ihrer Erfahrung in der Trauerarbeit weiß Silvia Schäfer: „Komplizierte Trauerverläufe entstehen oft, wenn dieser Ort fehlt, weil die Überreste des Verstorbenen zum Beispiel nicht auffindbar sind.“ Sie plädiert zudem für einen Friedhof mit viel Gestaltungsfreiheit, um den Bedürfnissen der Trauerenden gerecht zu werden. Die Friedhofsverantwortlichen müssen erkennen: „Ein „Beisetzungsort“ wird nur dann zu einem „heilsamen Trauerort“, wenn er von den Angehörigen so in „Anspruch genommen“ und „gehandhabt“ werden kann, wie sie es für die Bewältigung ihrer Trauer wünschen und benötigen. Der Friedhof muss als Ort konzipiert sein, dem ich meine Trauer zumuten kann, ein Ort, an dem ich sein darf, wie ich in dieser Situation sein will.“
i
Download

Trauer als wertvolle Zeit und der Friedhof als Ort der Zumutung, Kapitel 4

von Diplom-Psychologin Silvia Schäfer

Das vollständige Buch RAUM FÜR TRAUER erhalten Sie über den Online-Shop des Sepulkralmuseums in Kassel.

Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des Herausgebers.

5 min

„Was bleibt, verändert sich – was sich verändert, bleibt“

Die deutsche Friedhofskultur als Immaterielles ...

Weiterlesen
6 min

Gehen ohne letzten Gruß

Immer mehr Menschen halten ein klassisches Grab auf dem Friedhof nicht mehr für zeitgemäß. Wo aber sollen die Hinterbliebenen mit ihrer Trauer hin, wenn die Asche im Meer verstreut wird oder Verstorbene anonym beigesetzt wurden?...

Weiterlesen
6 min

Mit einer Paketschnur zur Beerdigung: Verbindungen, die nicht nur in Corona-Zeiten tragen können

„Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, einen Code, der weit in die Zukunft weist“, schreibt Matthias Horx (Publizist und Zukunftsforscher) in seinem aktuellen Buch „Die Zukunft nach Corona“. Dies zeigte sich für mich im April ...

Weiterlesen