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„In Schönheit gestorben“

Wohl an keinem Ort Europas ist die Völkerverständigung friedlicher als auf dem Wiener Zentralfriedhof. 85 Nationalitäten liegen in ihren eigenen Terrains, aber nur in Rufweite voneinander entfernt.

„In Schönheit gestorben“
Foto: © Gisela Zimmermann
Es ist ewig schad´, dass der Aphorismus „In Schönheit gestorben“ zunehmend für schön gespielte, aber dennoch verlorene Fußball-Spiele verwendet wird. Denn eigentlich ist die Hingabe zur „schönen Leich“ eine melancholische Leidenschaft der Wiener und der Oper. Keine Oper ohne schönen Tod. Im Duett, im gesungenen Dialog mit vielen Wiederholungen des schon Gesungen-sagten, wird der Tod des meist männlichen Protagonisten lang und furchtbar schön hinausgezögert. Langsam, ganz langsam – denn die Arie ist noch nicht zu Ende – singt und sinkt der tödlich Verwundete, fast immer ist es ein Messerstich, zwischen den Fingern quillt das Theaterblut und färbt, das immer helle Gewand, wegen der Theatralik, dunkelrot. Noch am Boden kniend singt der Sterbende wunderschöne letzte Botschaften, dann knickt er laaaangsam um und die Geigen machen den Rest.

„Aaaah… seufzzzzzz“

Das Publikum ist tief ergriffen, würde gerne in Szenen-Applaus ausbrechen, aber das könnte den eben in Schönheit Verstorbenen zum Aufspringen, sich Verbeugen und eventuell einer Wiedergabe der eben gehörten Arie nötigen, weshalb erprobt-gereiftes Opernpublikum nur ergriffen schweigt.

Foto: © Gisela Zimmermann

„A schöne Leich“…

…meint in Österreich vor allem eine würdevolle Bestattung. Die Wiener waren und sind die Profis für den Trauerfall. Ein krönender Abschluss, selbst eines bescheidenen Lebens, war essenziell. Der Tod, das muss ein Wiener sein, genau wie die „Liab“ (Liebe) eine Französin. Denn wer bringt dich pünktlich zur Himmelstür, da hat nur a Wiener des Gspür dafür, sang der bekannte Liedermacher Georg Kreisler, der auch gern Tauben-vergiftend im Park unterwegs war, Liedtextmäßig.

Gehen wir jetzt noch auf Sigmund Freud ein?, fragt ein Inneres Stimmchen. Denn er war ursächlich am Wiener Profi-Image für Trauerarbeit, der Begriff wurde 1912 von ihm kreiert, beteiligt. Nein, heute nicht, antworte ich mir.

Also gut.

Foto: © Gisela Zimmermann
Der Wiener Zentralfriedhof ist mit einer Gesamtfläche von 2,5 Quadratkilometern der zweitgrößte Friedhof Europas, nach Hamburg-Ohlsdorf, dem größten Parkfriedhof der Welt. Geht man jedoch von der Anzahl der circa 330.000 Grabstellen aus, ist der Wiener der größte Friedhof Europas. Der Wiener Zentralfriedhof hat mehr Einwohner unter der Erde als ganz Wien über der Erde, „es lebe der Zentralfriedhof“, sagt Erich Traxler vom Wiener Bestattungsmuseum. Stolz auf seine Toten schwingt mit. Auch sein Museum vor Ort ist beliebt. In der langen Nacht der Museen kommen bis zu 2.500 Besucher. Gezeigt werden unter anderem Herzstichmesser und Rettungswecker, als Zeugen für die einstmalige Angst, lebendig begraben zu werden. Gesetzlich sei der Herzstich auch heute noch erlaubt, von zwei Ärzten zu protokollieren und durchzuführen, sagt Erich Traxler, kann sich aber nicht erinnern, wann das zuletzt geschah.

Der Zentralfriedhof wurde 1874 am südöstlichen Stadtrand Wiens, also weit draußen angelegt mit der Überlegung, dass der Wind aus dem Wien-Tal möglicherweise entstehenden Leichengeruch nicht in die Stadt, sondern aus ihr hinaus bläst. Denn nur der Hochadel konnte sich Sarkophage leisten, die ein Metall-Inletts besaßen, dass mehrfach verschweißt war und keinerlei Luftaustausch erlaubte. Der Zahn der Zeit nagt an allem Irdischen. Die hohe Luftfeuchtigkeit in den Gruften hat zu Korrosionen geführt. Nach den Restaurierungen wurden Klimaanlagen eingebaut. Jetzt ist es auch im Winter kuschlig.

Foto: © Gisela Zimmermann

Innige Verbindungen

Der alte und der neue jüdische Friedhof nehmen zusammen fast ein Drittel der gesamten Fläche ein. Wohl an keinem Ort Europas ist die Völkerverständigung friedlicher als auf dem Wiener Zentralfriedhof. 85 Nationalitäten fast aller Religionen liegen zwar in ihren eigenen Terrains, aber nur in Rufweite voneinander entfernt. Im Wien der Lebenden bewacht die Polizei die Synagogen und Moscheen, wie überall im Europa. Die Lebenden schließen die Augen der Toten, aber die Toten öffnen die Augen der Lebenden, sagt eine Volksweisheit.

Foto: © Gisela Zimmermann / Grabmal von Bruno Kreisky / 1970-1983 Bundeskanzler von Österreich  
Es gibt ein schönes Ritual auf jüdischen Friedhöfen. Auf dem Grab oder oben auf dem Stein werden von den Besuchern Steine hinterlassen. Ein Ich-war-hier-Erinnerungsstein. Auf dem Grab von Bruno Kreisky sehe ich eine wunderschöne Steinscheibe, eine Empfangsschale für die Steine der Besucher seine Ruhestätte. Die Steine erinnern an die Migrationsgeschichte des Jüdischen Volkes: Als die Juden durch die Wüste zogen, war es schwierig die Verstorbenen beizusetzen. Die Trauernden brachten Steine mit als Symbol der immerwährenden Anteilnahme und um den Leichnam zu bedecken und zu schützen. Der Brauch ist geblieben, nur die Steine sind kleiner geworden.

Oft werde ich gefragt, ob es nicht unendlich traurig sei, jeden Tag mit Trauer zu tun zu haben. Vielleicht lehrt das Zulassen der Nähe zum Tod, die Angst vor dem eigenen Tod zu überwinden, das Leben jeden Tag bewusst zu leben, zu lieben? Und erklärt warum mich diese Steinschale von Bruno Kreisky so berührt hat: Weil ich jetzt ganz hier bin. Etwas hinterlasse, was mir gut tut und – so Gott will – dem Verstorbenen und seiner Seele auch. Und dann gehe ich zurück in mein Leben. Mit dieser Kraft. Wenn es wirkt, sind Erklärungen überflüssig.

Foto: © Gisela Zimmermann   Zentralfriedhof Wien / Kindergrabfeld

Die Kinder sind das Herz des Friedhofs

Das Kinder-Gräberfeld liegt fast in der Mitte, also im Herzen des Wiener Zentralfriedhofs. Alle verstorbenen Kinder sind hier vereint, ob Sternenkind, stille Geburt, ob das Kind einen Monat oder mehrere Jahre gelebt hat. Hier wird nicht nach Nationalität, Herkunft, Glaube, reich oder arm getrennt, hier sind alle Eltern und Zugehörigen in ihrem unsagbaren Schmerz verbunden und jede tröstet jeden; mit einem Blick, einer Umarmung. Kaum Worte. In der Mitte des großen Kinder-Grabfeldes wurde auf einem Kraftplatz, der von vier Bäumen umgeben ist, ein Pavillon in erhöhter Lage errichtet, welche einen Rundumblick auf alle Grabstellen gewährt. Von hier führen sechs Wege in Form von geschwungenen Strahlen, wie die eines Windrades zu den Kindergräbern. Im Pavillon brennen Tag und Nacht Kerzen.

Entwurf: Architekt Prof. Dr. Riccabona
Die Stadt Wien hat schon 1985 am Zentralfriedhof begonnen, für Totgeburten gebührenfreie Grabstätten anzulegen und auch die Begräbnisse kostenlos durchzuführen.

 

Autorin: Gisela Zimmermann/Filmemacherin und Trauerbegleiterin

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