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Im „Nachen des Charon“ – Bestattungskultur in Venedig

In einer Stadt, die auf 118 Inseln errichtet wurde, und in der die Straßen weitgehend aus Kanälen bestehen, wird auch der Tod und der Umgang mit toten Körpern zu einer Frage der Navigation. Tag und Nacht ist der Bestatter Giacomo Filippi per Mobiltelefon erreichbar, um mit seinem Schiff quer durch Venedig zu fahren, Familien beizustehen und die Toten durch die Kanäle zu schippern.

Im „Nachen des Charon“ – Bestattungskultur in Venedig

San Michele, Friedhof von Venedig  ©Kasa Fue

In den Wintermonaten, die sich weit über die Hälfte des Jahres ziehen, wenn dichte Nebel über der Lagune liegen, sieht man wie sich die Körper der Schiffe tastend über das Wasser bewegen: dort ein Bug, hier eine Flanke – der Rest bleibt in Nebelschwaden verborgen. Umschlossen von hellen Dämpfen gleiten Lastkähne und Passagierschiffe still vorbei.

Letzter Anlegeplatz im Leben

Nahezu alles in Venedig wird auf dem Wasser transportiert: Gemüse, Waschmaschinen und Müll – ebenso wie Menschen und Tiere. Umzugsunternehmen schippern ganze Familien, auf ihrem aufgestapelten Hausrat thronend, ihrem neuen Domizil entgegen. Auch die Toten der Stadt werden durch Wasserstraßen geschifft: im Schnellboot eines Bestattungs-Unternehmens oder in der Trauergondel, die sich mit aufgebahrtem Sarg und den Familienangehörigen langsam durch einen Kanal schiebt. Touristen fotografieren das gerne, sehr zum Leidwesen der Trauergäste, die vor den voyeuristischen Blicken die Augen niederschlagen.

San Michele, Friedhof von Venedig © Natalie.Goeltenboth@ethnologie.lmu.de

Letzter Anlegeplatz im Leben der Bewohner Venedigs ist die Toteninsel San Michele, die mit ihrer verblichenen Mauer und den Zypressen zwischen Murano und der Fondamente Nove liegt. Das war jedoch nicht immer so. Vor Napoleons Edikt aus dem Jahr 1804, in dem eine räumliche Trennung zwischen den Lebenden und Toten gefordert wurde, waren die Menschen in den Kirchen und Friedhöfen der Stadt beerdigt worden. Erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts wurde die ehemalige Klosterinsel zum einzigen Friedhof Venedigs umgestaltet.

Tod in Venedig!?!

Doch was passiert genau, wenn ein Mensch in Venedig verstirbt, und vor allem – wem obliegt die Organisation all dieser auf mehrfachen Navigationen beruhenden Wegstrecke vom Totenbett zur Friedhofsinsel? Diese Fragen beantwortet mir bereitwillig und gutgelaunt Signore Filippi. Er ist der Spezialist für die Todesfälle in Venedig und er ist der, den man als Ersten ruft, wenn ein geliebtes Familienmitglied sich für immer verabschiedet hat.

In seinem Bestattungsunternehmen geht Signore Filippi mit einem seiner drei Mobiltelefone am Ohr auf und ab. „Die kleinen venezianischen Besonderheiten“, sagt Signore Filippi zwinkernd und halb mir zugewandt, während er versucht Angehörige am anderen Ende der Leitung zu beschwichtigen. Denn der Nebel in der Lagune hatte den Transport eines Sargs nach San Michele vereitelt, nun muss die Beerdigung verschoben werden, was weitere vier Telefonanrufe nach sich zieht. Wie allen Bestattern, weltweit, ist es Signore Filippis heilige Pflicht alles rund um den Tod zu organisieren, doch der Tod in Venedig hat seine Tücken. In der Lagunenstadt richten sich Trauerumzüge nach Gezeiten, Wetterverhältnissen, und Wasserständen, müssen nicht nur Priester und Kirchen, sondern auch Gondeln und Gondoliers reserviert und koordiniert werden.

 

 

„Ich liebe meine Arbeit“

Signore Filippi ist rund um die Uhr erreichbar und er ist im Besitz seines eigenen Bestatter-Boots, was ihn in die Lage versetzt auch mitten in der Nacht durch die schwarzen Wasserstraßen Venedigs zu einem Todesfall aufzubrechen. „Ich steige dann sofort in mein Boot, fahre zu den Familien, spende Trost und höre mir ihre Wünsche an, bevor ich dann den Leichnam in die Leichenhalle navigiere. Dann sitze ich alleine mit dem toten Körper in meinem Schiff und steure durch die Kanäle“ –  hier wird der Signore kurz nachdenklich und mir drängt sich das Bild des Fährmanns Charon, aus der griechischen Mythologie auf, der die Toten über den Fluss ins Jenseits befördert – ein Motiv, dem man hier in Venedig alltäglich begegnen kann.

Während die junge Stadtbevölkerung mit den Jahren eher abgenommen hat, leben nach wie vor viele alte Menschen hier, die, wenn sie länger als 5 Jahre Bürger Venedigs waren, das Recht auf eine Beisetzung in San Michele haben. Zwischen 200 und 6000 Euro kostet ein Grab auf der Toteninsel, je nach Lage auf dem Friedhof.

Signore Fillipi ist stolz als einer der ersten in Venedig die „funerali low cost“ eine kostensparende Beerdigung für den kleinen Geldbeutel angeboten zu haben. Selbst Tierbestattungen stehen auf seiner Agenda. Verstirbt das Haustier, so bietet der Signore auch hier den vollen Service an: Abholen, nach San Michele zur Einäscherung bringen und die Urne dem Besitzer übergeben. „Ich lasse allerdings nicht gerne mit mir handeln“ sagt Signore Fillipi und berichtet von einer Katzenbesitzerin, die mit ihm um die Einäscherung ihres Tiers feilschen wollte. Als Alternative kommt da noch Véritas, der Umweltdienstleister für Venedig in Frage, die würden das Tier allerdings in der Kategorie „Müll“ entsorgen.

Begleitet von den erklärenden Worten des Bestatters setze ich am nächsten Morgen nach San Michele über und habe den Eindruck in einer kleinen Stadt angelandet zu sein. Nachdem wir den Kreuzgang des ehemaligen Klosters durchschritten haben, erreichen wir die Straßen der Columbarien aus weißem Marmor. Auf jeder Marmorplatte sind die Bewohner mit Namenszügen und schwarz-weiß Fotografien präsentiert, die sie den zurückgelassenen Lebenden nahebringen sollen. Doch die Bilder sind – ähnlich wie die Verstorbenen und die Erinnerungen an sie – ihrerseits im Prozess des Schwindens begriffen: die auf ovalen Medaillons geprägten Fotografien blättern ab oder sind dabei in ein sepiafarbenes Nichts auszubleichen. Hier wird man Zeugnis eines seltsamen Ineinandergreifens von Anwesenheit und Abwesenheit, sowohl von Menschen als auch von Zeiten: das Lächeln einer jungen Frau, eingefangen in einem Augenblick des Jahres 1950 ist nur noch schemenhaft zu erkennen.

 

Eine Art heiliges Chaos

Der Friedhof ist kreuzförmig angelegt und in Sektionen mit Nummern und Namen unterteilt: dort die Kindergräber, hier die Soldaten, dann die Evangelischen, die Griechisch-Orthodoxen und die Katholischen, dazwischen breite Wege. Ich suche das Grab des Dichters Joseph Brodsky und weiß, dass auch Igor Stravinsky im hinteren Teil des Friedhofs zu finden sein muss. Eine Art heiliges Chaos herrscht hier: verlassene Grabstätten, ein paar alte Sträußchen aus Plastikblumen als Beigabe, mächtiges Wurzelwerk, wohl erst kürzlich ausgerissen, welches aufgestapelt an der Friedhofsmauer liegt. Spatenstriche dringen von Sektion 20 herauf. Arbeiter exhumieren einen Leichnam. Das muss früh am Morgen geschehen, solange San Michele noch ganz ohne Touristen im morgendlichen Nebel versteckt ist. Nach spätestens 10 Jahren werden die Toten aus ihren Erdgräbern geholt, um dann entweder in eigens dafür bestimmten Schädelstätten aufgehoben, oder aber in einer Nische untergebracht zu werden. Ganze 30 Jahre dürfen die Verstorbenen dagegen in ihren weißen Marmor-Apartments bleiben. Zwischen 10 und 12 Uhr sind die Beerdigungen anberaumt, der Nachmittag gehört dann den Besuchern und den Touristen, die auf ihren Fahrten nach Murano hier einen Zwischenstopp einlegen.

„Der Tod will geordnet und strukturiert werden – das ist mein Job“, sagt Signore Filippi. Wir verabschieden uns und ich sehe das Schiff mit einer eleganten Wendung in den Nebeln der Lagune verschwinden. In Venedig ist der „Nachen des Charon“ ein Schnellboot mit dem der Fährmann unterwegs zu seinem nächsten Auftrag ist.

Dr.Natalie Göltenboth, Ethnologin an der Ludwigs-Maximilian-Universität/München
Natalie.Goeltenboth@ethnologie.lmu.de

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