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Die Hoffnung stirbt zuletzt…

Es beschleicht uns ein Gefühl der Ohnmacht und der Trauer, dieser Welt nichts mehr entgegenhalten zu können. Wir leiden am «Koyaanisqatsi», einem Wort aus der Hopi-Sprache für «Die Erde ist aus dem Gleichgewicht geraten».

Die Hoffnung stirbt zuletzt…

© jorono/Pixabay

Wenn sich
auch nur ein Grashalm aufrichtet
bei meinen Gedichten und
sich den niedertrampelnden Stiefeln und
dem Zynismus der Weltverächter und
dem nutzlosen Geschrei
der Fanatiker
und den Angstszenarien
der Katastrophengewinnler
widersetzt, dann
blühen
meine Worte
zwischen Mohnblumen
und Wiesenklee.

(W. Weigand, 2022)

 

Erst waren es die Flüchtlinge ab 2015, dann kam Greta Thunberg und Fridays for Future, dann die Corona-Pandemie, jetzt der Ukraine-Krieg. Und was wird danach kommen? Es scheint so, als gäbe es immer nur Platz für eine Katastrophe in der medialen Berichterstattung und in unserem Erleben dessen, was in der Welt passiert bzw. worüber wir informiert werden. Denn nebenbei bemerkt: Über andere Kriege, wie zum Beispiel in Syrien oder im Jemen, wird seit zwei Jahren nicht mehr berichtet.

«Die Erde ist aus dem Gleichgewicht geraten»

Es beschleicht uns ein Gefühl der Ohnmacht, der Trauer und der Hilflosigkeit, dieser Welt nichts mehr entgegenhalten zu können. Wir leiden am «Koyaanisqatsi», einem Wort aus der Hopi-Sprache für das verrückte, aus dem Gleichgewicht geratene Leben. Der gleichlautende bahnbrechende Dokumentarfilm hat bereits 1982/83 – ganz in der Tradition des Club-of-Rome und den Grenzen des Wachstums – aufgerüttelt und zum radikalen Umdenken eingeladen.

Können wir zwischen Lethargie, Flucht, Aktivitäten wie Spenden oder Flüchtlinge-Aufnehmen, zwischen Culture Canceling, Friedensdemos, Resignation oder Schicksalsergebenheit noch etwas anderes tun? Können wir uns «wie ein Grashalm» immer wieder aufrichten, wenn er zertreten wird durch Desillusionierung oder eben: durch Krieg? Und finden wir wieder eine neue innere Richtschnur zwischen all den Wohlstandssorgen, digitalen Vereinsamungs- oder Überwachungsängsten und dem Leiden an der «Kontingenz», an der Zufälligkeit, an der Relativierung und Gefährdung all dessen, was unser Leben eigentlich ausmacht: Liebe, Nähe, Begegnung, Inspiration, Würde und vieles mehr?

Ein Hinweis gibt die selbsterfüllende Prophezeiung. Diese Theorie beschreibt das Phänomen, dass die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Ereignisses allein durch die Erwartung dieses Ereignisses erhöht wird. Unsere vorgefassten Erwartungen bzw. Annahmen werden also Wirklichkeit und bestätigen sich immer wieder. In der Wirtschaftspsychologie ist das Phänomen bekannt. Wenn die Angst vor einer Krise (z.B. Verknappung) geschürt wird, gibt es Panikkäufe, welche wiederum die Produkte verknappen. Wenn ich davon ausgehe, uninteressant oder nicht liebenswürdig zu sein, verhalte ich mich der Umwelt gegenüber misstrauisch oder ängstlich, was wiederum andere Menschen erschreckt, die dann den Kontakt zu mir meiden: Und schon ist meine Annahme bestätigt.

Wir kennen in der Medizin den Placebo-Effekt: Die positive Erwartung des Patienten, dass beispielsweise die Schmerzen nachlassen, reicht aus, um tatsächlich eine Schmerzlinderung zu erzielen, selbst wenn die eingenommenen Präparate keine medizinisch wirksamen Inhaltsstoffe beinhalten. In vielen therapeutischen Prozessen ist es wichtig, die meist unbewussten negativen Einstellungen, Glaubenssätze oder Annahmen, die zu einem unglücklichen Leben beitragen, zu erkennen – und somit die Wirklichkeit wieder positiv verändern zu können.

Nicht warum geschieht mir etwas, sondern wozu passiert es?

Manche nennen dies auch einfach das Gesetz der Resonanz: Wie ich in den Wald hineinrufe, so schallt es zurück. Das, womit ich mich innerlich beschäftige, wovor ich mich ängstige oder was ich selber an mir ablehne, begegnet mir im Außen wieder in Form von Menschen und Situationen. Deswegen lernen wir dadurch auch so viel. Buddha würde sagen: Jeder Mensch, der dir begegnet, ist entweder dein Freund oder dein Lehrer (es gibt also keinen Antagonismus von Freund und Feind). Oder mit der Logotherapie von Viktor Frankl radikal gefragt: Nicht warum geschieht mir etwas, sondern wozu passiert es?

Wir werden seit 2020 vermehrt mit Ängsten konfrontiert und mit in diesem Ausmaß bisher unbekannten Polarisierungen. Die Fähigkeit zum Konsens und zum Diskurs, zur ehrlichen Auseinandersetzung mit Argumenten, mit ethischen Haltungen und Überzeugungen, mit Alternativen und mit dem Hinterfragen gängiger Narrative hat sehr gelitten.

Wenn wir also die Wirklichkeit positiv verändern wollen, müssen wieder andere Gedanken in den «Wald», also in die Gesellschaft, in Familien und Freundkreise, in Ost und West, in Nord und Süd, ja ins große Universum kommen, damit Positives, Schöpferisches «zurückklingen» kann. Und wenn die selbsterfüllende Prophezeiung bereits auf individueller Ebene so eindrücklich funktioniert: Um wie viel kraftvoller könnte sie sein, wenn sie gesellschaftlich ermöglicht würde, im Sinne einer positiven Resonanz? Auch beim Thema Krieg in der Ukraine ist die Wahrheit vielschichtig und sehr komplex. Reduzierende Schwarz-Weiß-Schablonen helfen uns jetzt genauso wenig weiter wie in den vorangegangenen Katastrophen, in denen ebenso stets nach Schuldigen und Sündenböcken gesucht wurde, auch um von eigenem Versagen oder eigenen Ängsten abzulenken.

Hoffnung, dass sich der Grashalm immer wieder aufrichtet

Eines muss klar sein: Ein Krieg gegen Menschen oder gegen ein Land ist niemals zu rechtfertigen. Im Übrigen ist aber auch ein «Krieg» gegen die Natur oder gegen ein Virus eine Hybris des Menschen, weil dieser niemals zu gewinnen ist. Also friedliche Koexistenz mit einem Virus – oder mit einem scheinbar verrückt gewordenen russischen Präsidenten: Wie soll das gehen?

Dass wir uns jahrzehntelang so sicher fühlen durften im stetigen Zuwachs an materiellem Wohlstand, politischer Sicherheit, scheinbaren Gewissheiten und technologisch-digitaler Entwicklung – und nun seit der Pandemie und dem Ukraine-Konflikt plötzlich alles wieder gefährdet erscheint, löst Trauer aus. Trauer als Reaktion auf eine existenzielle Verlusterfahrung. Das ist verständlich. Der Weg durch die Trauer erfordert viel Bewusstsein, politisches Gespür, integrierende (nicht polarisierende) Botschaften, Verständnis für andere Positionen (ohne sie gut heißen zu müssen), eine Achtsamkeit für die Resonanz dafür, was wir in unserem kleinen und größeren Umfeld ausstrahlen. Und eine Hoffnung, dass sich der Grashalm immer wieder aufrichtet, wenn er zertreten wird.  

Vielleicht hilft auch eine Weisheit aus dem Talmud:

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.

 

Wolfgang Weigand, freischaffender Theologe und Autor, CH-Winterthur
www.abschiedsfeiern.ch  www.schritte.ch

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