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Unsäglicher und unsagbarer Trost

Eine Freundin, deren Sohn mit 17 gestorben ist, erzählt oft, was für sie bei der Beerdigung wirklich tröstlich war. Es war der Satz eines Lehrers, der, erschüttert über den Tod seines Schülers, zu ihr sagte: „Frau H., ich weiß gar nicht was ich sagen soll…“ Von keinem anderen Satz fühlte die Freundin sich in ihrem Schmerz so verstanden. Für das, was passiert war, gab es keine Worte. Diese Fassungslosigkeit galt es auszuhalten. Die Begegnung mit dem Lehrer war ein tröstlicher Moment an einem schweren Tag.

Unsäglicher und unsagbarer Trost

Wenn wir Trost brauchen, treffen wir oft auf Menschen, die uns aus dem Weg gehen oder auf solche, die uns gerne trösten wollen, aber selbst hilflos sind. Trost ist keine einfache Aufgabe, denn wir brauchen ihn in schlimmen Situationen, insbesondere nach dem Tod eines geliebten Menschen. Wie schwer Trost ist, das verrät uns schon die Sprache. Denn das Trostwort kommt in schwierigen Variationen daher: Menschen können „untröstlich“ sein, manche Situationen sind „trostlos“ und wer bei Wettspielen einen „Trostpreis“ bekommt, gehört eigentlich zu den Verlierern. Sieger bekommen richtige Preise. Trostpreise nehmen wir im Spiel hin. Besser als gar nichts! Aber im wirklichen Leben wollen wir nicht vertröstet werden.

Von der Schwierigkeit zu trösten

Es ist schwierig, Trost zu geben, weil nichts den Zustand vor dem Trostbedarf wiederherzustellen vermag. Trost kann das Schlimme, das geschehen ist, nicht rückgängig machen. Beim Verlust eines geliebten Menschen gehen die Trauernden gerne gedanklich zurück in das vom Tod noch nicht verstörte Leben. Zunächst können sie den Tod und den Verlust nicht fassen, und ein Leben ohne den Verstorbenen wollen sie sich nicht vorstellen. Der tröstende Mensch versucht, den Trauernden aus der rückwärtsgewandten Sehnsucht zu einem vertrauensvollen Blick nach vorne zu motivieren, was zur falschen Zeit gründlich danebengehen kann. Natürlich braucht es Vertrauen, dass das Leben weitergeht, aber zu Beginn der Trauer liegt darin kein Trost. Im Gegenteil: Man will lieber die Zeit zurückdrehen.

Weil es schwer ist jemand als untröstlich zu erleben, passiert es – bei bester Absicht – dass in die Kiste der Trostsprüche gegriffen wird mit Sätzen wie „Du musst halt loslassen“, oder „Wenigstens war es ein schöner Tod“ oder „Das Leben geht doch weiter“. Solche Sprüche verletzten genauso wie, der jungen Witwe zu sagen, du bist ja noch jung und wirst schon wieder jemanden finden. Oder die ältere Witwe damit trösten zu wollen, dass sie doch viel Zeit mit ihrem Mann gehabt habe, und dankbar sein müsse. All diese Sätze verharmlosen das Leid, relativieren es und verkünden allgemeingültige Wahrheiten, die das einzelne Schicksal nicht würdigen. Und sie sprechen aus der Position scheinbarer Stärke. So auch die Freunde in der biblischen Ijobsgeschichte, die in vielerlei Hinsicht ein Lehrstück über den Trost ist.

Die Tröstungen Ijobs

Hiob hat alles verloren, was ihm wichtig war, seinen Reichtum, seine Kinder. Einfach alles! Als frommer Mensch versucht er es zunächst mit spiritueller Selbsttröstung: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn.“ (Ijob 1,21) Aber das Leben mutet ihm immer neue Verluste zu. Dann kommen Freunde, die zunächst etwas sehr Richtiges tun: Sie schweigen. „Sieben Tage und sieben Nächte“ sitzen sie schweigend bei ihm. Respekt! Ihr Trost geschieht im Dasein. Eine ideale Ausgangssituation für eine gute Trostbegegnung. Sie scheitert als aus der schweigenden Anteilnahme der Versuch eines deutenden Trostgesprächs wird. Weil Ijob an Gott zu zweifeln beginnt und gegen ihn aufbegehrt, fangen die frommen Freunde an, mit ihm zu diskutieren. Und ganz fatal: sie suchen nach Erklärungen für sein Elend. Um ihr eigenes Weltbild nicht ins Wanken zu bringen, suchen sie bei Ijob eine Schuld. Es muss doch einen Grund geben, warum er so viel Schlimmes erlebt! An Gottes Güte kann es ja nicht liegen. Sie wissen über alles Bescheid, auch über Gott. Welch kluge Theologen!

Dass ihre Besserwisserei kein Trost für ihn ist, sagt Hiob ihnen ganz ehrlich: „Wie wollt ihr mich mit Nichtigem trösten?“ (Ijob 21,34) Er bittet sie, ihm wenigstens zuzuhören. Das wäre ihm schon Trost genug. Der einzige, dem er seine Not schließlich unzensiert zumuten kann, ist Gott. Er wagt es sogar, ihn anzuklagen: „Ich schreie zu dir und du antwortest mir nicht, ich stehe da, doch du achtest nicht auf mich.“ (Ijob 30,20)

Untröstlich sein und klagen dürfen

Manche Narben trägt man für den Rest seines Lebens. Die Herausforderung besteht darin, Verluste als Teil der menschlichen Existenz zu integrieren und trotzdem weiterzuleben. Oft ein sehr langer Weg! Dann kann es schon tröstlich sein, für eine bestimmte Zeit das Untröstliche zuzulassen. Ja, so sagt es der Theologe Fulbert Steffensky, es gehört sogar zu unserer menschlichen Würde, „dass wir uns in bestimmten Momenten nicht über alles hinwegtrösten lassen müssen”.

Manchmal tut es einfach gut, klagen zu dürfen und jemanden an der Seite zu haben, der die Klage aushält. Oder sie wenigstens Gott hin werfen zu können, wie es eine gläubige alte Dame im Hospiz getan hat nachdem sie am Bett ihrer sterbenden Tochter erfahren hat, dass auch ihre andere Tochter krebskrank ist. Unter Tränen sagte sie: „Wir haben wenigstens einen, an den wir unser Elend hin schreien können.“ Für Ijob, der Gott seinen Zweifel zugemutet und an hin geschrien hat, geschieht das Unerwartete darin, dass Gott ihm einen Blick über sein eigenes Elend hinaus eröffnet.

Gott fragt ihn: „Wo warst du, als ich die Erde gegründet?“ (Ijob 38,4) Hast du der Erde Weiten überblickt?“ (Ijob 38,18) und Ijob begreift sich als kleiner Teil einer großen Schöpfung. Er erkennt etwas von der Größe und Unbegreiflichkeit des Lebens, in dem es seit Urzeiten Schönes und Leidvolles gibt. So transzendiert, überschreitet er seine kleine Sicht auf die Welt. Ijob begreift, wie wenig er begreift und dass es an ihm liegt, das Leben in all seiner Schönheit und Härte anzunehmen. Es ist für ihn eine Gotteserfahrung, ja, eine Gotteserkenntnis: „Vom Hörensagen nur hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.“ (Ijob 42,5)

Dann konnte es für ihn wieder gut werden, so sehr im Übermaß, wie wir es nicht erwarten dürfen. Aber vielleicht so wie eine junge Witwe mit zwei kleinen Kindern es für sich vorsichtig formuliert hat: „Es wird wieder schön, aber anders.“

Dass es zwar anders, aber auch wieder schön werden kann, das können Trauernde erfahren. Der Trost stellt sich irgendwann ein, wenn das Leidvolle hindurchgetrauert ist. Es gibt dafür keine Rezepte, aber es gibt hilfreiche Schritte: Die Trauer würdigen und mit aushalten, miteinander schweigen können und mit behutsamen Fragen zum Erzählen anregen, wirklich zuhören ohne sofort eine Antwort parat zu haben, Raum für Trauer und Klage lassen, die gemeinsame Ratlosigkeit annehmen, die „Würde der Untröstlichkeit“ respektieren, hilfreiche Texte und Gebete austauschen, da sein…

Irgendwann geschieht Trost wie ein Geschenk und ist nicht machbar. Der Trost kommt von woanders. Oft wissen wir nicht woher. Aber wir brauchen Menschen an unserer Seite, die mit uns aushalten und darauf vertrauen, dass Trost geschieht.

 

Dr. Angelika Daiker, Theologin, Germanistin  
Von 2007 – 2017 leitete sie das Hospiz St. Martin in Stuttgart, das sie auch konzeptionell aufgebaut hat.
Ihr besonderer Blick galt immer der Begleitung Trauernder. A. Daiker ist Autorin vieler Bücher im Bereich Trauer- und Sterbebegleitung

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