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Wird das wieder gut? Wo bekommen Trauernde in Zeiten von Corona Hilfe?

Gestern war ich über vier Stunden wandern. Allein. Ich brauchte Natur-pur als Seelenfutter. Für einen Werktag sind mir viele Familien begegnet; wir hielten vorbildlich Abstand, lächelten und wechselten freundliche Wünsche. Nur ein junger Jogger rannte mich, von hinten kommend, fast um. Wollte gerade loslegen mich richtig aufzuregen, da fiel mir ein: In seinem Alter habe ich mich auch ‚unsterblich‘ verhalten. Manche Menschen sind frustriert, weil ihre Freiräume eingeschränkt wurden, und sie können nicht immer gut damit umgehen. Außerdem ist es ein wichtiger Teil meiner Profession: Nicht zu werten – und meine ewige Herausforderung: Nicht ins Drama gehen.

Wird das wieder gut? Wo bekommen Trauernde in Zeiten von Corona Hilfe?

Weil ich immer Home-Office mache, ganzjährig, muss ich im Wald laufen, damit sich die Gedanken-Strukturen zu einem Konzept-Mycel verknüpfen. Gelingt oft.

Habe in den vergangenen Tagen mehrere Interviews mit Bestatterinnen und Trauerbegleitern geführt, am Telefon. Nicht repräsentativ, ich weiß. Es ging mir mehr um die besondere Auswahl, um Gespräche mit Menschen, die um die Wichtigkeit von gelingenden Trauerprozessen und um die Bedeutung von Ritualen wissen – speziell in einer Zeit, in der nicht berührt, nicht umarmt, oft nicht im Sterben begleitet, nicht gemeinsam verabschiedet werden darf. Weil Corona unser momentanes Leben weit über den Tod hinaus bestimmt.

„Es geht nun darum, den Angehörigen andere Rituale anzubieten, denn die alten lassen sich momentan nicht leben.“

 

Rituale müssen nicht neu erfunden, sondern nur kreativ gewandelt oder wieder mit Leben befüllt werden. Sie sind ein ewiger Teil unserer Seele. Rituale vermitteln Vitalität, ihre Wirkkräfte binden in eine Schicksalsgemeinschaft ein und vergewissern den Einzelnen seines in dieser Gemeinschaft Aufgefangenseins: „You will never walk alone„ … denn viele andere haben das auch erlebt und überlebt, du bist nicht allein.

Auch in Corona-Zeiten Schmerz nicht alleine durchleben

Gerade jetzt ist es wichtig zu wissen, dass man diese Corona-Vorschriften als zusätzlichen Schmerz nicht alleine durchleben muss. Eine Bestatterin und Trauerbegleiterin aus dem Norden Deutschlands erzählte mir, dass bei ihnen das Aufbahren am geöffneten Sarg noch erlaubt ist. Allerdings verändern sich die lokal gefassten Friedhofserlasse fast täglich. Sie darf den Schlüssel zum Abschiedsraum nicht, wie zuvor, der Familie überlassen. Die Angehörigen dürfen nur einzeln Abschied nehmen. Abstand auch zur verstorbenen Mutter, zu Bruder, Schwester, zum Vater. Keine Berührung. Und sie, die Bestatterin muss immer anwesend sein und kontrollieren. Um den Tod zu be-greifen, muss ich ihn zumindest sehen, den Verstorbenen. Er ist tot, wenn ich ihn nicht berühren darf, dann wenigstens sehen. Sie spricht weiter und ich spüre deutlich ihr politisches Engagement: Vielleicht birgt die Krise auch die Chance auf große Veränderungen. Ob sie damit die Friedhöfe, die soziale Gemeinschaft oder unser Konsumverhalten meint, frage ich nicht nach. Das wird ein spannendes Nach-Corona-Thema werden.

Und gleich danach wird sie auf eine traurige Art zornig: Wie hart ist das denn, sagt sie, ich muss als Trauernder eine Auswahl treffen.

Abschied feiern im Ausnahmezustand

Wer darf bei der Abschiedsfeier, die zahlenmäßig eng begrenzt ist, überhaupt teilnehmen? Nur Familie ersten Grades? Keine Freunde und Nachbarn? Und da sie auch Lebenskunst-Helferin ist, hatte sie, auch schon vor Corona, gute Ideen für den Fall, dass Angehörige, sei es krankheitsbedingt oder weil sie sehr weit entfernt in einem anderen Land leben, nicht an der Trauerfeier teilnehmen können. Dabei zu sein, mit einer ganz persönlichen Botschaft, sagt sie, tut gut: Schreib einfach deine persönlichen Erinnerungen mit dem Verstorbenen auf. Die Menschen reagieren dann meist mit dem Satz: Ich kann doch nicht schreiben. Sie kontert mit einem ersten (HILFE-)Satz: „Weißt du noch: Papa, Mama, Bruder?“ Es funktioniert immer.

Sich mit Verstorbenen gut verbunden fühlen

Es geht nur darum, sich gut mit der Gemeinschaft und dem Verstorbenen verbunden zu fühlen. Diese Texte der Abwesenden werden bei der Abschiedsfeier am Grab vorgelesen und filmisch, via Handy, festgehalten und später, nach Corona, bei einem Erinnerungsfest mit allen gemeinsam angeschaut. Es werden nochmal Erinnerungen ausgetauscht, umarmt, gut gegessen, gelacht, um wieder ins Leben zu kommen.

Eine Trauerfeier ist ein Stück Erinnerung an die eigene Endlichkeit, aber auch die Chance im Hier und Jetzt sich der Freude am eigenen Leben bewusst zu werden. Außerdem fährt es das Immunsystem hoch. Das kann nur noch von einem Kuss in Verbindung mit einem alles überraschenden Liebesakt getoppt werden.

Hilfe suchen, gute Hilfe finden und Hilfe annehmen

Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, im Gegenteil. Einem guten Freund Herman Bayer, Trauerbegleiter, verdanke ich den mit Gewissheit besten Link für Trauernde in der Corona-Krise. Für Trauernde, die darunter leiden, dass sie ihren geliebten Menschen nicht im Sterbeprozess begleiten konnten. Es gibt Familien, die nicht zur Beerdigung konnten, weil sie selbst in Quarantäne waren.

Hilfe gibt es unter:
Website: www.chrispaul.de/kontact2020
E-Mail: kontact2020@web.de
Telefonisch: 0228 24 33 1660

Gestern beim Schlangestehen vor der ersten, aber sehr erfolgreich wiederentdeckten Tante-Emma-Laden-Konzeption: ursprünglich nur Metzger, alles Bio, jetzt auch mit Brot-Sortiment, Gemüse und Mopros (Molkerei-Produkten) kommt man mit mehr oder weniger zwei Meter Abstand und einer mindestens halbstündigen, sehr kontemplativen Wartezeit, irgendwie zurufenderweise ins Gespräch. Eine ältere Dame erzählt mir, dass bei ihr im Viertel, immer um 19 Uhr, die Fenster aufgehen, die Balkone bevölkert werden und man singt gemeinsam: Der Mond ist aufgegangen. Und wenn einer von uns mal nicht dabei sein kann, sagt die alleinlebende alte Dame und lächelt, muss man sich vorher abmelden, weil sich sonst die Nachbarn – aber richtig ernsthaft – Gedanken machen. Und das in einer Großstadt, dass ich das noch erleben darf. Aber Holla.

„Wir glauben Erfahrungen zu machen. Aber die Erfahrungen machen uns.“

// Eugéne Ionesco

Eine meiner einschneidenden, aber besten Erkenntnisse war: Ich will nicht mehr, dass mein Leben mich lebt – sondern, ich mein Leben lebe.

 

// Gisela Zimmermann

Momentaner Info-Stand: Mai 2020
Einschränkungen bei Bestattungen in Zeiten von Corona

Bestattungen unterliegen aufgrund der Corona-Pandemie zwar strengen Auflagen, von dem allgemeinen Kontaktverbot sind sie jedoch ausdrücklich ausgenommen.
Die genauen Bestimmungen zur Abhaltung von Urnen- oder Sargbestattungen unterscheiden sich von Kommune zu Kommune, von Bundesland zu Bundesland.

In Nordrhein-Westfalen dürfen Beerdigungen zum Beispiel aktuell nur im Kreise der engsten Familie und unter Einhaltung strengster Hygienemaßnahmen abgehalten werden, wobei ein Abstand von mindestens 1,5 Metern eingehalten werden muss. Auf körperliche Gesten der Anteilnahme wie Händeschütteln, Küsse oder Umarmungen muss während der Trauerveranstaltung verzichtet werden. Gottesdienste sind auch im Rahmen der Bestattung nicht erlaubt, Totengebete im Kreise der Familie hingegen schon.
(Quelle FAZ/28.04.2020)

Für Bestattungen in Baden-Württemberg gilt ab Mai die Obergrenze von 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern unter Beachtung des Mindestabstands.

Es gibt also weiterhin keinen einheitlichen Konsens!
Bitte fragen Sie bei Ihrem Bestatter vor Ort nach, was für sie möglich ist.

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