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Letzte Ruhe im Staudengarten

Nur wenige Friedhöfe leisten sich eine Marketingabteilung. Bertram von Boxberg hat in der Berliner Zwölf-Apostel-Gemeinde einen dieser seltenen Posten inne. Seine Aufgabe: Den Friedhof für ein breiteres Publikum öffnen und bekannt machen. Dabei helfen ihm Bienen, seltene Kräuter und längst vergessene Schriftstellerinnen. Aber auch moderne Bestattungsformen sollen den Kirchhof wieder attraktiv machen.

Letzte Ruhe im Staudengarten
Impression Alter Zwölf-Apostel-Kirchhof

Kaum haben wir Bertram von Boxberg begrüßt, tauchen wir auch schon ein in seine Geschichten vom Friedhof. Auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof in Berlin-Schöneberg ist es drückend heiß an diesem Sommertag. Doch Bertram von Boxberg lähmt das nicht. Als wir unseren Friedhofsspaziergang starten, sprudeln die Anekdoten förmlich aus ihm heraus. Seit 2013 leitet der 62-Jährige die Öffentlichkeitsarbeit der Berliner Zwölf-Apostel Gemeinde und das mit ganzem Herzen. „Als ich 2013 die Stellenanzeige ‚Friedhof sucht Pressesprecher‘ las, fand ich das derart ungewöhnlich, dass ich mich sofort beworben habe“, erzählt der Journalist und Filmemacher. Er bekam die Stelle und legte los. „Ich bin einfach über den Friedhof gegangen, habe mir die alten Gräber angeschaut und recherchiert, wer all diese Menschen waren. Dabei stoße ich bis heute auf die verrücktesten Biographien und entdecke vergessene Berühmtheiten. Dazu organisiere ich dann Veranstaltungen – Lesungen, Filmabende, Führungen. So versuche ich, den Friedhof für ein breites Publikum und auch für junge Menschen zu öffnen.“

Journalist, Filmemacher und Pressesprecher Bertram von Boxberg

Die Arbeit auf dem Friedhof ist wie Filme machen ohne Film.

// Bertram von Boxberg

So wurden jüngst Gedenksteine für vier vergessene Berliner Schriftstellerinnen enthüllt – in Verbindung mit einer Lesung. Gleiches tat Boxberg in Gedenken an den hier ruhenden Bildhauer Ernst Herter. Von ihm geschaffene Denkmäler gibt es in ganz Deutschland, eines der bekanntesten ist das damals umstrittene Denkmal für Heinrich Heine, das Kaiserin „Sissy“ bezahlt hatte und das nach übler Kritik in Deutschland dann in New York seinen Platz fand. „Es macht einfach Spaß, all diese Geschichten, die auf diesem Friedhof ruhen, zu recherchieren und zu präsentieren. Es ist für mich wie Filme machen ohne Film. Als Friedhof können wir keine klassische Werbung betreiben. Aber auf diese Art und Weise wollen wir die Friedhofs- und Trauerkultur stärker ins Bewusstsein bringen.“

Neben Vorträgen zu Persönlichkeiten und kulturhistorischen Führungen bietet der Kirchhof auch eine eigene Bienenzucht. Die Bienenführungen sind ebenso gut nachgefragt wie die Pflanzenerlebnistouren. Die Hoffnung: Wer zu Lebzeiten so den Kirchhof kennenlernt, wird womöglich später seine letzte Ruhestätte hier auswählen

Und auch in diesem Bereich zeigt sich die Zwölf-Apostel-Gemeinde innovativ. Gegen den allgemeinen Trend der Anonymisierung und immer größer werdender Freiflächen auf Friedhöfen arbeitet die Gemeinde mit neuen Bestattungsformen.

​Gemeinschaftsgärten als neue Trauerorte

Bertram von Boxberg führt uns zum „Garten der kleinen Ewigkeit“, einem üppig blühenden Staudengarten mit einer großen Sitzgruppe in der Mitte. Gestaltet von renommierten Landschaftsplanern und Steinmetzen, ist ein bereits preisgekröntes Kleinod entstanden, das wie ein Park im Park wirkt. Die Verwaltung kommt so dem Wunsch nach, die Angehörigen von der Grabpflege zu entlasten, an den Beisetzungsorten jedoch selbst zu bestimmen, was sie tun oder lassen. Obwohl sie ihr Grab nicht pflegen oder gärtnerisch betreuen müssen, können sie hier Blumen, schmückende Gegenstände oder Andenken ablegen. Alles ist persönlich und individuell. Die im Voraus gesetzten Grabmale fügen sich harmonisch in den Staudengarten ein – klassische Grabbegrenzungen gibt es hier nicht. „Eine solche Bestattungsform hat natürlich auch seinen Preis. Daher versuchen wir, auch günstige Varianten würdig zu gestalten.“ So sind unter einer alten Eiche Reihenurnengräber entstanden, bei denen Steinplatten in den Boden eingearbeitet werden. „Die Steine werden alle mit Namen versehen und wirken unter der alten Eiche sehr natürlich“, sagt von Boxberg.

Den Mittelweg findet die Gemeinde mit dem Angebot des Gemeinschaftsgartens, in dem die Grabsteine erschwinglicher sind als im Staudengarten und die Pflege ebenfalls übernommen wird. Auch hier können die Angehörigen Schmuck oder Blumen ablegen. „Wenn Trauernde zu uns kommen und eigentlich eine einfache Wiesenbestattung wünschen, zeigen wir ihnen auch unsere anderen Angebote. Nach dem Wegfall des Sterbegeldes 2006 ist eine Art ‚Wisch-und-Weg-Philosophie‘ entstanden, der wir entgegenwirken wollen. Manchmal gelingt es uns dann, die Menschen doch von einer schöneren und für sie sicher auch sinnvolleren Bestattungsform zu überzeugen.“

Öffnung zum Kiez hin: die umliegenden Schulen versucht Bertram von Boxberg durch Projekttage an das Thema Friedhof und Trauer heranzuführen

Der Friedhof als Teil vom Kiez: Schulprojekte neben der Grabstätte

Ein dritter Weg, den der Apostel-Kirchhof geht, ist jener hinein in den Stadtteil. „Wir versuchen, den Friedhof als Teil vom Kiez zu sehen. So laden wir regelmäßig Schüler der umliegenden Schulen zu Projekttagen ein.“ Die mediterrane Sitzecke mitten auf dem Kirchhof ist daraus hervorgegangen. Für besonders erhaltenswerte, schöne Gräber sucht Bertram von Boxberg zudem Grabpaten, um die Restaurierungskosten zu stemmen. Einen Friedhof über Gebühreneinnahmen, und so nur von den Angehörigen finanzieren zu lassen, hält er nicht mehr für zeitgemäß. Sein Wunsch an die Politik: „Es sollte öffentliche Zuschüsse für die Instandhaltung geben, denn der Friedhof ist vielerorts wie ein öffentlicher Park.“

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