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Stein ist unvergänglich – wie unsere Erinnerungen

In der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien befindet sich ein römischer Votiv-Altar, dessen Inschrift in prägnanter Weise auf ein vielbestauntes Wunder der antiken Mythologie hinweist. Petrae Genetrici „Dem gebärenden Felsen“, hat der Stifter das Sandsteindenkmal (ca.150-200 n. Chr.) in Erfüllung eines Gelübdes geweiht. Der Ausdruck bezieht sich auf die Geburt des ursprünglich iranischen Gottes Mithras, der durch seine Verehrung in weiten Teilen des römischen Heeres, in allen Provinzen des Römischen Reichs Verbreitung fand und eine Zeit lang ein namhafter Konkurrent des aufstrebenden Christentums war.

Stein ist unvergänglich – wie unsere Erinnerungen

Galt der erlösende Gott der Christen als Sohn einer Jungfrau, so glaubten die Anhänger des Mith­ras­kults an die Geburt ihres Gottes aus einem Stein oder Felsen. Da petra „Fels“ im Lateinischen weiblich ist, wurde auch der „gebärende Fels“ als Göttin personifiziert. Bild­lich dargestellt ist die Szene auf einem berühmten Relief aus Rom, in dem der jugendliche Gott gleichsam aus dem Stein heraus­zu­wach­sen scheint.

Aus den Steinen entstand eine neue Menschheit

Eine weitere wunderbare Geburt aus dem Stein kennen wir aus der literarischen Gestaltung des betreffenden Mythos durch den römischen Dichter Ovid: Einst entgingen Deukalion, der Sohn des Prometheus, und seine Frau Pyrrha am Ende des Ehernen Zeitalters als einzige Überlebende einer großen Flut, durch die alle anderen Menschen umkamen. Um die Erde wieder zu bevölkern, rieten ihnen die Götter, „die Knochen der Mutter“ hinter sich zu werfen, was sie nach einigem Nachdenken auf die Mutter Erde und die in ihr verborgenen Steine bezogen. Aus den Steinen, die sie hinter sich warfen, entstand eine neue Menschheit.

Leben aus totem Stein – ein Wunder, das allein Gott wirken kann

Der Gegensatz zwischen Stein und Leben oder, anders gesagt, die Nähe des Steins zum Tod hat in der Religionsgeschichte vielfältigen Aus­druck gefun­den. Da sind zum einen die Erzählungen von versteinerten Men­schen, von denen viele auf eigentümlich geformte oder angeordnete Felsen zurückgehen dürften. Ein typisches Beispiel ist „Der alte Mann von Storr“ (Bodach an Stòrr), eine knapp fünfzig Meter hohe und weithin sichtbare Felsnadel auf der Hebrideninsel Skye, neben der sich einst ein weiterer – inzwischen umgestürzter – klei­nerer Fels­ erhob. Der Sage nach waren dies ursprünglich ein alter Mann und seine Frau, die während ihrer Suche nach einer entlaufenen Kuh zu Stein erstarrten, als sie auf der Flucht vor Riesen einen Blick zurück über die Schulter warfen. Hinweise auf ähnliche Überlieferungen geben etwa die antike Sage von Niobe, die aus Schmerz über den Tod ihrer Kinder versteinerte, oder die noch heute geläufige wali­si­sche Bezeichnung des vor­ge­schichtlichen Steinkreises von Stone­henge als Côr y Cewri („Riesenreigen“), die schon im zwölften Jahrhun­dert in einer lateini­schen Übersetzung als Chorea Gigantum erscheint.

In den monotheistischen Religionen gilt die Verwandlung von Men­schen in leblose Felsen, ebenso wie die Entstehung von Leben aus totem Stein, als Wunder, das allein Gott wirken kann. „Gott vermag dem Abraham aus die­sen Steinen Kinder zu erwecken“, spricht Jesus dem Ver­fasser des Matthäus­evan­geliums zufolge gleich bei seiner ersten öffentlichen Pre­­digt (Matthäus 3,9). Auch im Koran bekräftigt Muhammad auf das aus­drückliche Geheiß Gottes hin die Gewissheit der Auferstehung mit dem Hin­weis darauf, dass der Schöpfer die Menschen am Tag des Jüngsten Gerichts auch dann wieder zum Leben er­wecken würde, wenn sie Steine oder Eisen wären (Sure 17:50).

Anders als im Koran spielt in der Bibel indessen auch die Vorstellung vom Stein oder Fels als Inbegriff der Festigkeit und Dauer eine wichtige Rolle. In Anlehnung an dieses Bild erscheint in den Psalmen mitunter auch Gott selbst als „mein Fels und meine Burg“.

Die zentrale Rolle, die Steine im Kult einer Gottheit spielen konnten, erzählt die Geschichte des faustgroßen Meteoriten, der als Manifestation der Göt­ter­mutter Kybele aus Kleinasien nach Rom überführt und dort in einem eigenen Tempel von Staats wegen verehrt wurde. Der Umstand, dass es sich dabei um einen Meteorstein handelte, zeigt die besondere Bedeu­tung, die eine ungewöhn­liche Färbung, Form oder Ober­fläche für die Verwen­dung eines Steins im Kult spielen konnte – wie man ja auch in dem „Schwarzen Stein“ der Kaaba in Mekka den Überrest eines Meteo­ri­ten vermutet.

Steine im Toten- und Grabbrauchtum

Gleichsam im Schnittpunkt der kultischen oder religiösen Verwendung von Steinen, und der mit ihnen verbundenen Vorstellungen von Kontinuität und Dauer, steht ihre Nutzung im Toten- und Grabbrauchtum. Archäologisch ist die Verwendung von Steinen bei der Anlage von Gräbern schon für die Altsteinzeit nachgewiesen, doch liegen die Gründe dafür weitgehend im Dunkeln und mögen im Einzelnen durchaus verschieden gewesen ein. Vielleicht spielte der Wunsch nach einer dauerhaften Kennzeichnung des Grabs für die Hinter­blie­be­nen dabei eine Rolle, vielleicht auch nur die Sorge um eine Störung der Toten­ruhe durch aasfressende Tiere. Im eisenzeitlichen Grab von Hochdorf aus dem sechsten Jahrhundert v. Chr. war die hölzerne Grabkammer mit dem reich aus­gestatteten Leichnam durch eine darüber ­liegende Steinpackung wie in einem Tresor geschützt, doch vermag letztlich niemand zu sagen, ob dabei die Abwehr von Grabräubern, die Furcht vor einer Wiederkehr des Toten oder ganz andere Gründe den Ausschlag gaben.

Ein besseres Verständnis der Verwendung von Steinen im Grabbrauchtum ermöglichen schriftliche Zeugnisse über Bestattungen und die damit verbunde­nen Riten, die in Ägypten und im Alten Orient im dritten Jahrtausend einsetzen. Reiche Quellen haben wir besonders für die drei monotheistischen Religionen, die auch eine breite Vielfalt unterschiedlicher Bräuche erkennen lassen. Am einen Ende des Spektrums stehen ein oder zwei naturbelassene Steine, mit denen das Kopf- und manchmal auch das Fußende des Grabes bezeichnet werden; am anderen Ende stehen aufwändige, auf Monumentalität und Dauer berechnete steinerne Grabbauten. Wie schon im Alten Ägypten, dokumentieren mitunter Grabinschriften die Individualität der Toten und mahnen zugleich die Lebenden. Vieles jedoch – darunter der bekannte und heute weit verbreitet Brauch des Niederlegens kleiner Steine beim Besuch eines Grabes – hat sich erst im Laufe der Zeit entwickelt. Ist aber ein schöner wiedergefundener Brauch für den Aufbruch in neue Grab- und Trauerrituale.

 

 

Prof. Dr. Bernhard Maier studierte Vergleichende ReligionswissenschaftSprachwissenschaftKeltische Philologie und Semitistik. 1998 habilitierte er sich an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn zum Thema: Die Religion der Kelten: Götter, Mythen, Weltbild. Er ist Autor vieler Publikationen. 

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