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„Ich studiere den Tod“ ⑨

„Perimortale Wissenschaften“ ist der neue Master-Studiengang an der Universität Regensburg: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. Die Autorin Sarah Zinn ist seit Oktober 2020 immatrikulierte Studierende und berichtet in unserer Serie von ihren Erfahrungen mit diesen großen Lebensthemen.

„Ich studiere den Tod“ ⑨

Logogestaltung: Sophie Wetterich

Unsere Friedhofskultur – Gestalten wir mit!

Juli 2021 – Abschiede sind immer individuell. Aber wie gestalten wir Erinnerungsorte, wie können wir persönliche Trauer leben? Dafür braucht es die passenden Räume und das Wissen darum, was uns guttut. Und es erfordert unser aktives Zutun. Erinnerungs- und Abschiedskultur entwickelt sich stetig weiter, orientiert sich an unseren Bedürfnissen und dem gesellschaftlichen Wandel. „Das haben wir schon immer so gemacht“ ist hier kein guter Berater. Friedhöfe brauchen Inspiration und Veränderungswillen – und in der persönlichen Trauer kann Vorbereitung manchmal den Unterschied für eine passende Trauerarbeit machen.

Unsere Friedhofskultur wird geprägt von den Trauerritualen, mit denen wir Abschied von verstorbenen Menschen nehmen. Nach einem Verlust können sie Halt geben und Handlungsoptionen für eine individuelle Trauerarbeit aufzeigen. So gehören beispielsweise das Schmücken von Särgen und Grabstellen, die Gestaltung des Steins, die Formulierung einer Erinnerungsrede oder die musikalische Begleitung der Abschiedsfeier zu diesen Ritualen. Der zentrale Handlungsrahmen ist dabei die Beisetzung auf dem Friedhof.

Die verschiedenen Trauerrituale haben sich über Jahrhunderte entwickelt und verändern sich stetig weiter. So können zum Beispiel anhand von Grabgestaltungen über die Jahre hinweg auch Bestattungstrends, individuelle Vorlieben im Wandel der Zeit und handwerkliche Entwicklungen nachverfolgt werden, welche spannende Belege für die Veränderung und damit die Lebendigkeit der Bestattungskultur sind. Friedhöfe werden dadurch zu einem wichtigen Kulturgut, welche nicht nur als Orte für Abschied, Trauern und Erinnern fungieren, sondern auch den Traditionen und Wertevorstellungen einer Gesellschaft Ausdruck verleihen.

Bei der Ausgestaltung der Trauerrituale sind die Wünsche und Vorlieben der verstorbenen Person sowie der bestattungspflichtigen An- oder Zugehörigen entscheidend. Auf dieser Basis werden trauernde Menschen nicht nur von Bestatter:innen mit ihrem Wissen und Können unterstützt, auch Florist:innen, Steinmetze, Trauerredner:innen, Musiker:innen oder die Friedhofsverwaltung sind wichtige Akteure, die mit ihrer Expertise zu einer gelungenen Abschiednahme und Trauerarbeit beitragen können. Oft wird besonders dann von einem Gefühl des guten Abschieds gesprochen, wenn die Beisetzung in ihren Details an die verstorbene Person erinnert und Momente aus ihrem Leben oder besondere Vorlieben aufgegriffen werden – zum Beispiel durch einen Grabschmuck aus den liebsten Blumen der verstorbenen Person, Musik- oder Textstücken, die mit wichtigen Erlebnissen verknüpft sind oder einer individuellen Gestaltung des Grabsteins.

Mit dem stärker werdenden gesellschaftlichen Trend zu anonymen oder sehr minimalistischen Bestattungen verliert der Friedhof mehr und mehr sein individuelles, sich stetig im Wandel befindliches Gesicht. Auch ich habe lange gedacht, dass ich keine Beisetzung mit Grabstein und -stätte brauche, dass das Konzept „Friedhof“ für mich zu starr und überholt wäre. Mittlerweile sehe ich Friedhöfe als Chance auf Mitgestaltung und Modernisierung eines wichtigen Kulturguts. Denn ohne Menschen, die neue Formen der Trauerarbeit auf die Friedhöfe bringen, die Konventionen und Traditionen weiterentwickeln und hinterfragen, verlieren wir als Gesellschaft eine wichtige Stütze in Trauerzeiten. Lassen Sie uns also gemeinsam daran arbeiten, Friedhöfe (wieder) zu Orten zu machen, an denen unsere Trauer gut sein kann. An denen nicht nur „Dienst nach Vorschrift“ im Sinne alter Traditionen betrieben wird, sondern wo eine neue Kultur entsteht, die wir alle mitgestalten – eine Kultur, die Trauernden dient.

Ein Abschied mit vollem Werkzeugkoffer

In diesem Monat ist mein Großvater gestorben. Mit 94 Jahren, nach einem erfüllten Leben, wie man so sagt. Ein Leben, in dem ihm Gutes und Schlechtes widerfahren ist. Geprägt durch Krieg, Umbruch, Neuorientierung, beruflichen Aufstieg, Familienstreitigkeiten und -versöhnungen. Seine letzten Jahre konnte er sehr selbstbestimmt und mit klarem Kopf in dem Haus verbringen, welches er vor vielen Jahren für seine Familie selbst gebaut hat. Mit seinen Büchern, im Garten, mit Malerei und Sudokus. Jetzt wird das Haus verkauft. Neue Menschen mit ihren ganz eigenen Sorgen, Freuden und Wünschen ziehen ein – darüber bin ich froh. Ich habe in meiner Kindheit viel Zeit dort verbracht und wollte noch einmal Abschied nehmen, vom Haus, vom Garten und der vergangenen Zeit. Also kletterte ich an einem warmen Donnerstagabend über den Zaun und spazierte durch den Garten, schaute durch die Fenster in die nun leeren Räume, in denen früher die Werke der Weltliteratur bis zur Decke standen, setzte mich ins Gras und hörte den Vögeln zu. Knapp zwei Stunden war ich dort. Dann konnte ich mit leichtem Herzen gehen und nicht nur das Haus, sondern auch meinen Großvater verabschieden. Tschüss Opa, danke für die gemeinsame Zeit.

Egal, wie viel man weiß über Trauerarbeit, Rituale, Abschiednahme und Bestattungsrecht – der Schmerz bleibt. Der Verlust wiegt schwer, bei mir und in der Familie. Dinge, die nicht mehr ausgesprochen werden konnten, müssen Raum finden. Und das Familiensystem ordnet sich neu. Das braucht Zeit, kostet Energie und fordert bestehende Strukturen heraus. Schwierige Entscheidungen müssen getroffen werden. Aber was ist für mich anders bei diesem Verlust? Dinge, die ich in Seminaren und Vorlesungen gehört, in Übungen trainiert habe, sind nun wichtige Werkzeuge für mich. Die Trauer ist schmerzlich da – aber überwältigt mich nicht. Ich kann mit dem Bestattungshaus reden, meinen Vater unterstützen, wenn ihn alles zu erschlagen scheint oder auch klarer formulieren, was bei der Beerdigung gewünscht ist. Weil ich weiß, was möglich ist, was hilft. Das gibt mir Sicherheit und ich kann meine Familie bei den anstehenden Veränderungen aktiv stützen.

Auf die Leerstelle, die ein Verlust in unserem Leben hinterlässt, können wir uns kaum vorbereiten. Aber wir können die Rahmenbedingungen etwas beeinflussen, in denen wir Trauer, Tod und Sterben begegnen. Ich bin sehr froh, dass ich den Mut hatte, hinzuschauen. Zu lernen, was Abschiednahme bedeuten kann, was im Sterbeprozess passiert und welche Formalitäten nach dem Tod auf die Angehörige zukommen. So bin ich jetzt, wenn es für mich drauf ankommt, nicht das Reh im Scheinwerferlicht – starr vor Angst und ohne klaren Gedanken – sondern kann agieren. In meinem Interesse, aber auch für meine Familie und für Opa.

Sarah Zinn / Autorin, Medienschaffende und Studentin der PERIMORTALEN WISSENSCHAFTEN/Universität Regensburg
https://www.uni-regensburg.de/theologie/moraltheologie/perimortale-wissenschaften-ma/index.html

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