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„Ich studiere den Tod“ ⑲

„Perimortale Wissenschaften“ ist der neue Master-Studiengang an der Universität Regensburg: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. Die Autorin Sarah Zinn ist seit Oktober 2020 immatrikulierte Studierende und berichtet in unserer Serie von ihren Erfahrungen mit diesen großen Lebensthemen.

„Ich studiere den Tod“ ⑲
Logogestaltung: Sophie Wetterich

„Und was mache ich jetzt damit?“

Im Oktober 2020 begann meine Studienzeit an der Universität Regensburg. Die „Perimortalen Wissenschaften“ hatten es sich auf die Fahne geschrieben, den Themenkomplex Trauer, Tod und Sterben interdisziplinär und praxisnah zu erforschen. Und ich durfte dabei sein, im ersten Jahrgang des neuen Studiengangs! Jetzt, zwei Jahre später, habe ich viel neues Wissen und inspirierende Impulse im Gepäck – schaue aber auch zurück auf eine Zeit, die geprägt war von einem turbulenten Entwicklungsprozess des neuen Masterangebots, der Corona-Pandemie sowie der Frage „Und was mache ich damit jetzt eigentlich?“.

Der Beginn von etwas ganz Neuem

Zum Start des neuen Masterstudiengang „Perimortale Wissenschaften“ im Wintersemester 2020 gab es eine große mediale Präsenz – immerhin ist ein Master dieser Art in Deutschland bisher einzigartig. Menschen aus dem ganzen Land hatten im Radio, in der Zeitung oder über die sozialen Netzwerke davon gehört und sich für ein Studium entschieden.

So saßen knapp 50 Studierende in der Willkommens-Veranstaltung. Eine ganz bunt gemischte Gruppe an Personen zwischen 20 und 65 Jahren: mit und ohne Erfahrung im Themenfeld Trauer, Tod und Sterben, auf der Suche nach beruflicher oder privater Weiterbildung, religiös, spirituell, atheistisch, nichts von alledem. Auf den ersten Blick hatten wir nicht viel gemeinsam. Bis auf die Wünsche, Berührungsängste im Umgang mit dem Tod abzubauen und zu lernen, Menschen in Verlusterfahrungen besser unterstützen zu können. Die Erwartungen waren groß – genauso wie die Vorfreude. Wann kann man schon mal Pionier:in für einen neuen Studiengang sein! Die Heterogenität der Gruppe wurde jedoch bald eine Herausforderung. So waren nicht alle Studierende auf die Anforderungen eines Präsenzstudiums eingestellt und Veranstaltungen mussten aufgrund langer Anreisewege bei einigen Teilnehmenden (später auch aufgrund der COVID19-Pandemie) zu Blockseminaren oder Online-Veranstaltungen umgebaut werden und es gab teils sehr unterschiedliche Wünsche zu Lernerfolgen oder Inhalten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass der Studiengang viel stärker in der Katholischen Theologie verankert ist, als Anfangs dargestellt. Mir persönlich fehlte der interdisziplinäre sowie interreligiöse Zugang zur Themenwelt an vielen Stellen, um das Gelernte sinnvoll in meinem eigenen Handeln verankern zu können.

Der Aufbau eines neuen Studiengangs ist eine große Herausforderung. Nicht nur inhaltlich – auch strukturell, personell und kommunikativ. Am Lehrstuhl wurde vieles möglich gemacht und es wurde versucht uns Studierende gerade in den besonderen Zeiten der COVID19-Pandemie bestmöglich zu unterstützen. Wir als erster Jahrgang sind ein Stück weit „Versuchskaninchen“ für die Studierenden, die nach uns kommen – das ist auch okay so. Dennoch hoffe ich, dass zukünftig klarer wird, an wen sich der Studiengang richtet, was behandelt wird und welche Anforderungen der Abschluss mit sich bringt. So können echte Mehrwerte und inspirierende Lernimpulse entstehen, die auch in der Zeit nach dem Studium nachhallen.

Und was nehme ich mit?

Das Studium war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Das bedeutet aber auch, dass ich nun Dinge, Themen und Begegnungen daraus mitnehme, die ich mir vorher nicht hätte vorstellen können. Wer hätte gedacht, dass ich mich so für die Trauer- und Sterberituale der Alten Ägypter interessieren würde? Oder das aus einer theoretischen Konzeptarbeit zum Thema „Begegnungsort Hospiz“ ein konkretes Angebot in meiner Stadt werden würde, welches ich ehrenamtlich begleiten darf? Ich habe auch gelernt, was mich NICHT interessiert und welche Rituale oder Maßnahmen weniger gut in meinen Werkzeugkoffer passen. Und das fühlt sich eigentlich ganz gut an.

Was mir sehr gefehlt hat, ist der direkte Kontakt mit meinen Kommiliton:innen und die Zeit als Studentin am Campus. Mein kleines Wohnheimzimmer in Regensburg war eingerichtet, ich freute mich auf den Start des Semesters – dann kam Corona. Nach nur wenigen Wochen fanden alle Veranstaltungen digital statt, ich blieb also in meiner Heimatstadt Dresden. Das Vernetzen mit den anderen Studierenden ist mir dadurch schwergefallen. Dabei denke ich, dass besonders diese Begegnungen außerhalb des Vorlesungssaals spannend und lehrreich hätten sein können. 

Aber ich nehme noch etwas Wunderbares aus den letzten zwei Jahren mit: das Vertrauen in mich selbst, mich im Themenfeld Trauer, Tod und Sterben bewegen zu können. Der Austausch mit den anderen Studierenden und die konzentrierte Arbeit mit verschiedenen Schwerpunktthemen hat mich darin bestärkt, dass ich für mich auf dem richtigen Weg bin. Auch, wenn ich noch nicht weiß, wie es mit mir und den „Perimortalen Wissenschaften“ nach dem Abschluss weitergehen wird.

Ein letztes Mal Studentin sein

„Vielen Dank für Ihre rege Anteilnahme an diesem Seminar. Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft! Auf Wiedersehen!“ Unser Dozent winkt ein letztes Mal in die Kamera, langsam leert sich der digitale Seminarraum und auch ich drücke auf den Button „Meeting verlassen“ – das letzte Mal als Studentin der Perimortalen Wissenschaften. Ich schreibe meiner Schwester eine Nachricht. Wie seltsam es sei, dass das Studium nun vorbei ist. Und ich berichte auch von meinen Sorgen darüber, was ich denn nun überhaupt als Quereinsteigerin mit diesem exotischen Master-Abschluss anfangen könne. Ideen dafür habe ich genug – aber in der Praxis sieht es dann eben doch anders aus. Die Hospizarbeit habe ich in einem Praktikum bereits kennenlernen dürfen und hatte sehr viel Freude daran, die Kolleg:innen im Sozialdienst bei täglichen Begegnungen mit Gästen und deren An- und Zugehörigen zu unterstützen. Aber ohne einen Abschluss im sozialen Bereich ist eine hauptamtliche Anstellung nahezu unmöglich. Auch Beratungsstellen, Hospizvereine oder Bildungsträger, bei denen ich mich vorgestellt habe, verweisen auf etablierte Studienfächer als Zugangsvoraussetzung für eine Anstellung – als Ehrenamtliche sei man aber immer gern gesehen. Pling! Meine Schwester antwortet. „Arbeite doch weiter selbstständig, das wird schon.“ Neben dem Studium habe ich bereits Angebote für Teams und Unternehmen in Trauerprozessen entwickelt und erste Gespräche geführt. Der Bedarf ist da – gleichzeitig fehlt es aber noch an Aufklärungsarbeit, gepflegten Synergien und einer grundlegenden Kommunikation rund um Trauer, Tod und Sterben. Das alles zeitgleich stemmen und auch noch die Miete davon zahlen können? Puh – ein ganz schönes Mammutprojekt.

Auch, wenn sich für mich bisher nur wenig konkrete berufliche Perspektiven durch den Masterabschluss ergeben haben, die „Perimortalen Wissenschaften“ erwecken auf jeden Fall Aufmerksamkeit und sind immer großes Gesprächsthema bei der Arbeitssuche. Außerdem bin ich mir sicher, dass der Master für viele meiner Kommiliton:innen aus themennahen Berufen wie der Sozialen Arbeit oder den Pflegewissenschaften eine sinnvolle Ergänzung der Kompetenzen sein kann.

Pling! „Und weißt du was – auch, wenn kein konkretes Jobangebot dranhängt: das Thema ist so wichtig! Toll, dass du das durchgezogen hast!“

 

Sarah Zinn / www.zinneswandel.de
Autorin, Medienschaffende und Studentin der PERIMORTALEN WISSENSCHAFTEN/Universität Regensburg https://www.uni-regens­burg.de/theo­logie/moral­theo­logie/peri­mor­tale-wissen­schaften-ma/index.html

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