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„Ich studiere den Tod“ ⑰

„Perimortale Wissenschaften“ ist der neue Master-Studiengang an der Universität Regensburg: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. Die Autorin Sarah Zinn ist seit Oktober 2020 immatrikulierte Studierende und berichtet in unserer Serie von ihren Erfahrungen mit diesen großen Lebensthemen.

„Ich studiere den Tod“ ⑰
Logogestaltung: Sophie Wetterich

Endlichkeitstraining

„Endlichkeitstraining“ – hinter der Überschrift des Seminars verbergen sich zwei angeleitete Meditationen, die uns Studierende dazu einladen, auf eine ganz persönliche Gedankenreise zu gehen. Übungen wie diese können helfen, wertschätzend auf das eigene Leben zu schauen, Dinge oder Menschen gut freigeben zu können und sich der Realität des Todes bewusst zu werden. Sie sind Deutungs- und Hilfsangebote, die eine Begegnung mit der eigenen Vergänglichkeit leichter machen sollen. Und auch, wenn man wie ich kein großer Fan von Meditationen ist: die Fragen und Impulse des Erlebten können Türöffner sein für ein tieferes Verständnis der eigenen Vorstellung zu Sterben und Tod.

Ein Koffer voller Leben

„Stellen Sie sich einen großen Koffer vor, aufgeklappt und leer steht er vor Ihnen.“ Ich liege auf meiner Sportmatte im Hörsaal und versuche, mich auf die Stimme des Dozenten zu konzentrieren. Die Geräusche meiner Mitstudierenden um mich herum und das grelle Neonlicht, was durch meine geschlossenen Augenlider scheint, lassen mich noch nicht so recht zur Ruhe kommen. Tief einatmen… Ausatmen… Okay. Ein großer Koffer also. Und jetzt? „Überlegen Sie, was wichtig war in Ihrem Leben.“ fährt der Professor fort. „Prägende Momente, besondere Begegnungen, Symbole oder Bilder – Gutes und Schwieriges gleichermaßen. Was kommt Ihnen da in den Sinn?“ Ganz langsam zeigen sich Details aus meinem Leben. Einiges, wie die Trennung meiner Eltern oder die erste eigene Wohnung, scheint nicht überraschend – andere Aspekte und Gesichter, die an die Oberfläche kommen, verwundern mich aber. Ich erfühle Verbindungen und Weichenstellungen in meinem Leben, die mir neu sind. Und es entstehen Knotenpunkte, die mich dazu einladend, nochmal genauer hinzuschauen.

All die Dinge, die mein Leben ausmachen, soll ich nun im Koffer verstauen. Manches kann ich ohne Probleme freigeben, einige Begegnungen und Momente möchte ich noch nicht ziehen lassen – sind sie mir doch noch zu nah, um ohne sie zu sein. Und doch ist das Gepäckstück bald gut gefüllt und bereit, geschlossen zu werden. Auch, wenn es ein Gedankenspiel ist: es fällt mir überraschend schwer, den Deckel des Koffers zuzuklappen und das Zahlenschloss einrasten zu lassen. „Stellen Sie sich jetzt vor, dass ein Gepäckträger Ihren Koffer nimmt und wegbringt. Er ist sicher verwahrt, aber nicht mehr bei Ihnen.“ Huch – diese Anleitung in der Gedankenreise kommt unerwartet! Plötzlich sind die Dinge, die ich so sorgfältig ausgewählt, angeschaut und sicher verpackt habe, nicht mehr in meiner Verantwortung. Aber es heißt ja, mit leichtem Gepäck lasse es sich am besten reisen… Also auf zum nächsten Zwischenstopp.

Hallo, Tod!

Der Koffer des Lebens ist gepackt und sicher verstaut – nun führt uns die Gedankenreise zu einer Begegnung mit dem Tod. „Sie stehen auf einer weiten Landschaft. Hinten am Horizont wartet jemand oder etwas auf Sie – bewegen Sie sich in diese Richtung.“ Wortwörtlich Schritt für Schritt nähern wir uns der Person, dem Wesen, der Gestalt, die sich uns bei der Vorstellung an eine Begleitung im Sterbeprozess und darüber hinaus zeigt. Für manche mag es der Sensenmann oder ein Engel sein, andere werden von lieben Verwandten oder dem verstorbenen Haustier abgeholt.
In der gemeinsamen Auswertung im Anschluss an die Meditation werden wir Studierende von ganz unterschiedlich nahen Begegnungen, ganz verschiedenen Vorstellungen und auch wechselnden Gefühlen bei dem Zusammentreffen mit dem Tod berichten.

Anfangs fällt es mir schwer, einen Fokus zu setzen – ist die Vorstellung eines figürlichen Todes, der mich abholt, mir doch sehr fern. „Wie sieht die Gestalt aus, der Sie sich nähern? Wie riecht sie, hat sie eine Stimme? Wie weit ist sie von Ihnen entfernt, können und wollen Sie sie berühren? Wie fühlen Sie sich dabei, was wollen Sie fragen?“ Viele Impulse wie diese helfen mir in der Gedankenreise dabei, das Bild vor meinem inneren Auge zu schärfen. Was es mir auf jeden Fall verdeutlicht: die Frage nach einer Vorstellung zum Tod ist viel facettenreicher, als ich anfangs dachte. Es ist mehr als die Suche nach einer Gestalt. Natürlich nimmt es uns etwas die Angst, wenn der Tod ein Gesicht bekommt, begreiflich und spürbar wird. Doch auch unsere eigene Rolle in dieser Begegnung wird mir in dieser Übung bewusst. Wir können trainieren, wie wir uns dem eigenen Tod nähern, können der Realität des Sterbens selbstbestimmt und nach unseren Regeln entgegentreten und die Begegnung mitgestalten. Nicht erst, wenn der Sterbeprozess fortgeschritten und der Tod kurz bevorsteht. Schon im Leben können wir vorsichtig hinüberschauen, mit sicherem Abstand und in der Annahme, dass es noch etwas dauert, bis wir dem Tod die Hand reichen. Und wenn es dann soweit ist, sind wir einander vielleicht schon vertraut.

 

Sarah Zinn / Autorin, Medienschaffende und Studentin der PERIMORTALEN WISSENSCHAFTEN/Universität Regensburg https://www.uni-regens­burg.de/theo­logie/moral­theo­logie/peri­mor­tale-wissen­schaften-ma/index.html

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