6 min

„Ich studiere den Tod“ ⑮

„Perimortale Wissenschaften“ ist der neue Master-Studiengang an der Universität Regensburg: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. Die Autorin Sarah Zinn ist seit Oktober 2020 immatrikulierte Studierende und berichtet in unserer Serie von ihren Erfahrungen mit diesen großen Lebensthemen.

„Ich studiere den Tod“ ⑮
Logogestaltung: Sophie Wetterich

Wenn die Trauer mit zur Arbeit kommt

Im Studium lernen wir, wie Trauerarbeit gelingen kann und wie unterschiedlich die Bedürfnisse der Menschen sein können, die wir begleiten dürfen. Genauso wichtig wie das „Wer?“ ist aber auch die Frage nach dem „Wo?“. Daher habe ich mich damit beschäftigt, welche Heraus-forderungen Trauer am Arbeitsplatz mit sich bringt. In meiner Freizeit wurde ich – im Gespräch mit einem ehemaligen Arbeitskollegen – dann auch prompt mit einem Beispiel aus der Praxis konfrontiert. Und ich durfte spannende nächste Schritte in der Vernetzung mit anderen Akteuren im Themenfeld Trauer, Tod und Sterben erleben.

Ist Trauer Privatsache?

Können wir Betroffenheit, Schmerz oder Sprachlosigkeit an der Bürotür abschütteln, an der Werkbank ablegen? Sie werden mir sicher zustimmen – eine Verlusterfahrung tragen wir in alle Aspekte des Lebens hinein. Die Trauer begleitet uns. Mal stärker und mal schwächer – aber wir können sie nicht auf Knopfdruck ausschalten, wenn wir am Arbeitsplatz ankommen. Dennoch wird in vielen Unternehmen nicht ausreichend über Trauer gesprochen. Kehrt ein Mensch nach einer Verlusterfahrung zurück auf die Arbeit, schlägt ihm oder ihr häufig eine Welle der Unsicherheit entgegen. Kolleg:innen und auch Führungskräfte wissen oft nicht, wie man der trauernden Person begegnen soll, welche Unterstützung hilfreich wäre – oder ob sie überhaupt in der Lage ist, das anfallende Arbeitspensum zu erledigen. Oft folgen Mitarbeitende dann der Prämisse „Bevor ich etwas Falsches sage, sage ich lieber gar nichts.“ So kann es passieren, dass der Mensch in Trauer zusätzlich isoliert wird und sich in dieser fordernden und belastenden Zeit zusätzlich allein gelassen fühlt. Dabei kann der Balanceakt zwischen der Rückkehr zum Tagesgeschäft und einer empathischen Auseinandersetzung mit der Trauer durchaus gelingen.

Entscheidend sind die richtige Kommunikation und ein gewisses Maß an Vorbereitung. Manche Unternehmen haben bereits interne Richtlinien für den Umgang mit Trauerfällen, schulen Mitarbeitende für den Ernstfall oder bieten konkrete Hilfsangebote für Angestellte an.  Grundlage für die Unterstützung einer Kollegin/eines Kollegen in Trauer sollte immer ehrliches Mitgefühl und ein bedürfnisorientierter Ansatz sein. Gemeinsam mit der betroffenen Person sollte überlegt werden, welche Unterstützung hilft und welche Rahmenbedingungen für einen guten Umgang mit der Trauer geschaffen werden können. Denn – auch wenn diese Betrachtungsweise erstmal ungewöhnlich klingt – aus Sicht eines Unternehmens liegt in der Trauerarbeit am Arbeitsplatz auch eine große Chance. Ein sicherer und menschlicher Umgang mit Ausnahmesituationen stärkt langfristig die Unternehmenskultur und die Motivation der Mitarbeitenden. Die Möglichkeiten der Unterstützung sind vielfältig – um hier aktiv zu werden, braucht es zuerst ein Bewusstsein für den Bedarf bei den Unternehmen, Führungskräften und den Mitarbeitenden. Und hier kann jede:r Einzelne von uns Impulsgeber sein!

Wiedersehen mit alten Bekannten

Es scheint, als wäre der Frühling nun wirklich da. So saß ich also mit einem guten Buch und einem Glas Himbeerfassbrause im Straßencafé, als ich bemerkte, dass dort auch ein ehemaliger Kollege von mir seinen Feierabend genoss. Wir nickten uns kurz zu – er war in Begleitung und ich ja auch beschäftigt. Nach einer Weile kam er jedoch rüber. „Hey, lange nicht gesehen! Sag mal, machst du immer noch diese Trauersache, wie läuft´s da?“ begrüßte er mich. Ich erzählte vom Studium, meinen Plänen für die Zeit danach und den spannenden Menschen, die ich schon kennenlernen durfte. „Na, ich könnte das ja nicht, ständig so traurige Themen… Aber wo du so erzählst, vielleicht hast du einen Tipp für mich…?“ Er berichtete mir von einer Kollegin von ihm, deren Vater verstorben war. Seitdem würde sie sich total isolieren – nicht nur auf der Arbeit, sondern auch bei den Treffen zum Feierabend – und er wüsste auch nicht, ob sie überhaupt noch zu den gemeinsamen zweiwöchentlichen Kochabenden im Team mitkommen wolle. Außerdem habe er Angst, dass sie die Stimmung runterziehen würde und es super unentspannt wäre, wenn sie wieder mit dabei ist. „Aber sie fehlt schon echt, in unserer Runde…“, schloss er seine Ausführungen. Ihm war anzusehen, dass ihn die Situation sehr beschäftigte, er aber auch keinen Ausweg wusste. Wir sprachen dann einige Zeit darüber, was er sich wünschen würde, in einer ähnlichen Situation. „Naja – ich glaube mich würde das total nerven, dass alle so rumdrucksen und keiner normal mit mir spricht! Da hätte ich dann auch keine Lust, mehr Zeit als nötig im Team zu verbringen. Wir behandeln sie halt alle wie ein rohes Ei, außer der Chef, der tut als wäre alles wie immer und knallt ihr den Schreibtisch mit Arbeit zu.“ Gemeinsam verfassten wir eine Nachricht an seine Kollegin. Er wollte ihr anbieten, mal gemeinsam zu Mittag zu essen. Und es war ihm wichtig, zu sagen, dass er ihr bei Bedarf gerne ein paar Aufgaben abnehmen kann. Als der Text verschickt war, wirkte er recht zufrieden. „Eigentlich gar nicht so schwer, sich mal wieder zu melden… Mal sehen, was sie sagt.“ Wir saßen noch eine Weile in der Sonne, plauderten über dies und das und verabschiedeten uns irgendwann.

Ein paar Tage später sendet er mir ein Foto vom Kochabend – einige Gesichter sind mir noch aus alten Zeiten bekannt, viele Kolleg:innen kenne ich nicht mehr. „Wir sind wieder vollzählig! :)“, schreibt er dazu.

Trauerarbeit ist Netzwerkarbeit

Vor einer Weile habe ich mich mit Lara Schink, Friedhofsverwalterin der Annenfriedhöfe Dresden getroffen. Für einen kommenden Beitrag bei TRAUER NOW (es wird spannend!) haben wir über die Rolle des Friedhofs in der Gesellschaft, über den Wandel der Bestattungs- und Trauerkultur und über die Integration von Friedhöfen in Wohnquartiere gesprochen. Ich war überrascht: Bei ihrer vielfältigen Tätigkeit lernt sie die unterschiedlichsten Perspektiven im Hinblick auf die Friedhofsarbeit kennen – so steht sie zum Beispiel auch in Kontakt mit öffentlichen Einrichtungen, Stadtämtern oder sozialen Trägern, die alle aus sehr individuellen Bedarfen heraus eine Zusammenarbeit anstreben.
Mich fasziniert es, wie stark die Netzwerke im Arbeitsfeld Trauer, Tod und Sterben sein können und wie vielfältige die Akteure oft sind. Die Trauer- und Bestattungsarbeit und ihre Entwicklung in der Gesellschaft können Türöffner bei ganz unerwarteten Ansprechpersonen sein. So finden sich hier nicht nur (wie zu erwarten wäre) Handwerk, soziale Begleitung oder Dienstleister des Bestattungswesens wieder – auch Kunstschaffende, Tech-Start-Ups, Bildungsträger oder Medienschaffende erkennen, dass Trauer, Tod und Sterben zum Leben dazugehören und es wichtige Schnittstellen zu ihren Arbeitsfeldern geben kann. Die Ressourcen, auf die Menschen in Trauer zurückgreifen können, werden immer vielfältiger, leichter zugänglich und werden konkreter benannt. So erlebt auch Lara Schink ein wachsendes und oft schon sehr selbstverständliches Interesse an ihrer Arbeit – nicht nur von Fachkolleg:innen, sondern von Menschen aus dem Viertel, aus der Nachbarschaft. Denn es wird deutlich: der Friedhof ist mehr als nur der letzte Ruheort der Verstorbenen. Der Friedhof ist Ort der Trauer, Begegnungsstätte, Kulturgut, Raum der Artenvielfalt oder auch Freiluft-Galerie.
Ich freue mich, dass die Trauer- und Bestattungskultur von so vielen tollen Menschen unterstützt und durch spannende Angebote lebendig wird – und verfolge natürlich ganz gespannt, was sich auf den Annenfriedhöfen tut.

Im Perimortalen Raum können Menschen ganz unterschiedlich haupt- oder ehrenamtlich aktiv werden, um Sterbende und Trauernde zu unterstützen. Sei es mit individuellen Angeboten rund um die Bestattung, durch persönliche Begleitung oder auch mit der professionellen Beratung auf dem Friedhof. Je vielfältiger Trauerangebote aufgestellt sind, umso leichter finden Menschen heraus, was ihnen guttut und welcher Beistand ihnen dient. In einem spannenden Praxistag durften wir Studierende Einblicke in die Arbeit verschiedener Expert:innen erhalten, Fragen stellen und diskutieren – und neben hoch interessanten Arbeitsfeldern auch die Menschen hinter den Angeboten kennenlernen.

 

Sarah Zinn / Autorin, Medienschaffende und Studentin der PERIMORTALEN WISSENSCHAFTEN/Universität Regensburg https://www.uni-regens­burg.de/theo­logie/moral­theo­logie/peri­mor­tale-wissen­schaften-ma/index.html

 

5 min

„Ich studiere den Tod“ ⑯

„Perimortale Wissenschaften“ ist der neue Master-Studiengang an der Universität Regensburg: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. Die Autorin Sarah Zinn ist seit Oktober 2020 immatrikulierte Studierende und berichtet in unserer Serie von ihren Erfahrungen mit diesen großen ...

Weiterlesen
5 min

Der andere Blick auf meine Trauer

Jugendliche, die um einen nahestehenden Menschen trauern, können über das Medium Fotografie eine neue Perspektive zur Bewältigung ihrer Trauer bekommen....

Weiterlesen
6 min

„Ich studiere den Tod“ ⑮

„Perimortale Wissenschaften“ ist der neue Master-Studiengang an der Universität Regensburg: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. Die Autorin Sarah Zinn ist seit Oktober 2020 immatrikulierte Studierende und berichtet in unserer Serie von ihren Erfahrungen mit diesen großen ...

Weiterlesen