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„Ich studiere den Tod“ ⑭

„Perimortale Wissenschaften“ ist der neue Master-Studiengang an der Universität Regensburg: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. Die Autorin Sarah Zinn ist seit Oktober 2020 immatrikulierte Studierende und berichtet in unserer Serie von ihren Erfahrungen mit diesen großen Lebensthemen.

„Ich studiere den Tod“ ⑭
Logogestaltung: Sophie Wetterich

Persönliche Begleitung und professionelle Beratung

Im Perimortalen Raum können Menschen ganz unterschiedlich haupt- oder ehrenamtlich aktiv werden, um Sterbende und Trauernde zu unterstützen. Sei es mit individuellen Angeboten rund um die Bestattung, durch persönliche Begleitung oder auch mit der professionellen Beratung auf dem Friedhof. Je vielfältiger Trauerangebote aufgestellt sind, umso leichter finden Menschen heraus, was ihnen guttut und welcher Beistand ihnen dient. In einem spannenden Praxistag durften wir Studierende Einblicke in die Arbeit verschiedener Expert:innen erhalten, Fragen stellen und diskutieren – und neben hoch interessanten Arbeitsfeldern auch die Menschen hinter den Angeboten kennenlernen.

Nachhaltigkeit und zeitgemäße Ästhetik bei der Urnenwahl

Die Zahl der Feuerbestattungen nimmt in Deutschland seit Jahren zu. Dadurch steigt auch der Bedarf an individuellen und ansprechenden Angeboten rund um die Urnenbeisetzung. Viele Bestattungsunternehmen arbeiten aber nach wie vor mit einem sehr traditionellen Sortiment – die Auswahl an Materialien und Gestaltungen sowie die Möglichkeiten zur Individualisierung der Urnen sind oft sehr begrenzt. Trauernde können es dann als schwierig empfinden, eine Schmuckurne zu finden, die zu der ihnen lieben verstorbenen Person passt. Hier möchte URNFOLD aktiv sein und Menschen dabei unterstützen, zeitgemäß und persönlich Abschied zu nehmen. Gründerin Kristina Steinhauf berichtet in einem sehr persönlichen Impulsvortrag von eigenen Erfahrungen im Trauerprozess, dem Wunsch nach einer individuelleren Abschiednahme und wie daraus gemeinsam mit Mitgründerin Katharina Scheidig die Idee zu einer nachhaltigen Schmuckurne aus hochwertigem Papier entstand, die Trauernde ganz nach Belieben individuell gestalten können. In der darauffolgenden Diskussion im Hörsaal zeigt sich, welche Relevanz Angebote wie dieses bei der Gestaltung einer neuen, weitergedachten Bestattungskultur haben können. Neben den Fragen zur Handhabbarkeit – bei Urnen aus Papier wird natürlich über Stabilität bei Wind und Wetter, Falzung und die Möglichkeiten zur Arbeit mit dem Material gesprochen – geht es auch um Preistransparenz oder angestrebte Marktanteile. Mich beeindruckt die Klarheit, mit der Kristina über ihr Produkt spricht. Aber es geht nicht um unendliches Wirtschaftswachstum oder darum, allen Bestattungshäusern ihre Urnen zu verkaufen. Es soll ein zusätzliches Angebot geschaffen werden. Für Menschen, die selbst gestalterisch aktiv werden wollen, denen Nachhaltigkeit auch bei einer Bestattung wichtig ist oder die eine Schmuckurne in moderner Ästhetik suchen. Wahrscheinlich wird es etwas für Liebhaber bleiben – eine besondere Art des Abschieds. Aber für diese Menschen und ihren ganz persönlichen Trauerweg kann solch eine Option maßgeblich dazu beitragen, das Lebewohl an die ihnen liebe Person genau so gestalten zu können, wie es ihnen dient.

Der Hospizverein als Arbeitgeber?

Hospizvereine begleiten sterbende Menschen sowie ihre An- und Zugehörigen auf dem letzten Stück des Lebensweges. Das Engagement kann vielfältig sein – so freut sich manch einer über Besuch am Krankenbett, an anderer Stelle ist eine Nachtwache zur Entlastung eines Lebenspartners sinnvoll oder es kann mit sozialrechtlichen Beratungen geholfen werden. Hospizarbeit ist unglaublich vielfältig und außerdem eine wichtige gesellschaftliche Stütze für jede:n von uns.

In einer lebendigen Vorstellung lernen wir den Hospiz-Verein Regensburg e.V., seine Arbeitsweise und einige der hauptamtlichen Mitarbeitenden kennen. Besonders spannend ist hierbei der Austausch zur Arbeitssituation des Vereins und dem hohen Engagement der Ehrenamtlichen – ist das Betätigungsfeld für Studierende der Perimortalen Wissenschaften doch sehr interessant. So erhalten wir Einblicke in die fachlich klar strukturierte und gleichzeitig hoch politische Organisation von Hospizvereinen. Vielen von uns (inklusive mir) war das komplexe Geflecht von Regelungen, Vorgaben und Einschränkungen dieses Fachbereichs vorher noch nicht ganz klar. Auch das Verhältnis von Haupt- zu Ehrenamtlichen überrascht mich und wirft viele Fragen zur Positionierung der Angebote im gesellschaftlichen Kontext auf.

Am Ende der Vorstellung bin ich etwas ernüchtert – merke ich doch, dass ein Hospizverein für mich auch nach bestandenem Master als hauptamtliches Betätigungsfeld wohl leider nicht in Frage kommen wird. Ich kann schlicht nicht die Qualifikationen vorweisen, die das enge Regelwerk vorsieht. Gleichzeitig lässt mich das Thema aber nicht los. Besonders die Betrachtung der hohen Relevanz des Ehrenamts im Perimortalen Raum hat mein Interesse geweckt. Nun ja – ich brauche ja noch ein Thema für meine Masterarbeit…?

Friedhofsarbeit ist Kulturarbeit

Zum Abschluss des Praxistages erhielten wir eine Führung über den Städtischen Friedhof Dreifaltigkeitsberg in Regensburg. An wenigen Orten werden der stetige Wandel in der Bestattungskultur und die Bedürfnisse Trauernder aber auch bewährte Traditionen oder gelebte Solidarität mit Angehörigen so sichtbar wie hier. So gibt es auch auf dem Dreifaltigkeitsberg – wie auf vielen Friedhöfen in Deutschland – eine schwindende Nachfrage an Erdbestattungen. Flächen werden begrünt, die Anzahl der klassischen Grabstätten nimmt ab. Gleichzeitig werden Andenken mit liebevollen Gestaltungen und individueller Dekoration lebendig gehalten, es finden sich viele Kunstwerke auf dem gesamten Gelände und es herrscht reger Betrieb auf den Wegen. Dank des langjährigen Engagements des Hospiz-Vereins Regensburg e.V. findet sich auf dem Friedhof außerdem eine ganz besonders farbenfrohe Gestaltung – die Begräbnisstätte der Sternenkinder leuchtet im Sonnenlicht, Windspiele und Kuscheltiere säumen die Fläche. Oft seien Menschen überrascht, was alles im Rahmen einer Beisetzung und der Grabgestaltung möglich sei, meint unser Guide. Natürlich gebe es Einschränkungen durch die Friedhofsordnung – aber das Kollegium der Friedhofsverwaltung versuche immer, bedürfnisorientiert und transparent zu beraten. Wichtig sei vielen Besucher:innen der persönliche Bezug zur Grabstelle und die Möglichkeit, selbst gestalten zu können. Meist unabhängig von der Bestattungsart. Hier kann aber aus meiner Sicht eine Stolperfalle liegen, da vielen Menschen in einer akuten Trauersituation die Tragweite der Entscheidungen zu Bestattungsort und -art nicht klar sind. So haben An- und Zugehörige an einem anonymen Rasengrab oder bei einer Waldbestattung weniger Möglichkeiten der Gestaltung als an einem personalisierten Erdgrab auf einem gut erreichbaren Friedhof. Hier bedarf es feinfühliger Beratung und ein Nachfragen dazu, wie Menschen sich das eigene Trauergeschehen wünschen. Dennoch – ich bin überrascht, wie reflektiert und transparent über die Anforderungen eines modernen Friedhofsbetriebs gesprochen wird.

Wir hören von Menschen, die sich schon über viele Jahre hinweg für eine lebendige Friedhofskultur einsetzen, die beraten und unterstützen – und interkulturelle Vermittlungsarbeit leisten. Auf dem Friedhof Dreifaltigkeitsberg etablierten sich über die Jahre auch Grabflächen für jüdische und muslimische Beisetzungen. Der so entstandenen Bedürfnisvielfalt wird professionell und facettenreich begegnet. So werden selbstverständlich Begräbnisse aller Art so passgenau und individuell wie möglich ausgerichtet, gleichzeitig werden die Mitarbeitenden des Friedhofs aber auch zu Vermittlern zwischen den Kulturen. So wird manchmal die jüdische Tradition des Steineablegens erklärt, das akkurat gepflegte Familiengrab in Kontext gesetzt oder die Ausrichtung der muslimischen Grabstätten erläutert. Auch das ist moderne Friedhofsarbeit: hier finden Menschen zusammen, die die Trauer und das Erinnern eint. Und ihre Bedürfnisse sind so facettenreich wie ihre Leben.

 

Sarah Zinn / Autorin, Medienschaffende und Studentin der PERIMORTALEN WISSENSCHAFTEN/Universität Regensburg https://www.uni-regens­burg.de/theo­logie/moral­theo­logie/peri­mor­tale-wissen­schaften-ma/index.html

 

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