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„Ich studiere den Tod“ ⑫

„Perimortale Wissenschaften“ ist der neue Master-Studiengang an der Universität Regensburg: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. Die Autorin Sarah Zinn ist seit Oktober 2020 immatrikulierte Studierende und berichtet in unserer Serie von ihren Erfahrungen mit diesen großen Lebensthemen.

„Ich studiere den Tod“ ⑫
Logogestaltung: Sophie Wetterich

Digitale Trauerbegleitung – Mitfühlen am Bildschirm

Auch das dritte Studiensemester der Perimortalen Wissenschaften ist geprägt von der anhaltenden Corona-Pandemie. Ob in digitalen Seminaren oder im Praktikum – die Herausforderungen an uns Studierende und auch an die Dozent:innen werden nicht weniger. Mit pragmatischen Ansätzen und gut handhabbaren Anpassungen kann die Lehre aber weitergehen. Unter diesen besonderen Voraussetzungen zeigt sich für mich immer wieder, dass die Arbeit im Themenkomplex Trauer, Tod und Sterben auch dann möglich ist, wenn wir einander nicht ganz so persönlich begegnen können, wie wir es uns wünschen. Und das ist doch auch eine wichtige Erkenntnis.

Draußen sind es wenige Grad über Null, der Regen prasselt an die Fensterscheibe und der Himmel ist seit Tagen grau. Mit meiner Tasse Tee und den Kopfhörern im Ohr sitze ich eingemummelt in eine weiche Decke vor dem Rechner – gleich geht das Blockseminar zum Thema Trauerbegleitung los. Und heute bin ich ganz froh darüber, dafür nicht nach draußen zu müssen… Nach und nach füllt sich der Bildschirm mit bunten Kacheln: meine Kommiliton:innen schalten sich im digitalen Hörsaal dazu. In Vorbereitung auf das Seminar habe ich mit anderen Studierenden überlegt, wie die Veranstaltung wohl ablaufen wird. Obwohl wir es ja kaum anders kennen, ist es immer wieder spannend zu erleben, wie digitale Lehre didaktisch sinnvoll gestaltet und inhaltlich strukturiert werden kann – hier haben Vortragende (wie ja auch in Präsenzveranstaltungen) ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Aber kann Trauerbegleitung denn überhaupt digital geübt geschweige denn sinnvoll angewendet werden?

Es klappt besser als erwartet!

Nach einer kurzen Einführung in das Thema und der Vorstellung verschiedener Haltungsansätze bei der Begleitung trauernder Menschen wird es schnell sehr praktisch. In Kleingruppen üben wir anhand von Beispielen, wie auf komplexe Fragestellungen reagiert werden kann, ohne unserem Gegenüber Emotionen oder Aussagen in den Mund zu legen und wie wir auch bei herausfordernden Situationen offen, zugewandt und bedürfnisorientiert agieren können. Anfangs erinnern mich die Dialoge noch etwas an Textpassagen aus der Laienspielgruppe – aber je länger wir gemeinsam im Gespräch sind, umso freier und authentischer werden Interaktionen, Nachfragen, Mimik und Gestik.

Wir begegnen uns in diesem Seminar nicht nur als Studierende, die neue Gesprächstechniken ausprobieren oder sinnvolle Methodiken für die Arbeit mit Trauernden erlernen – viele von uns teilen in den Einheiten persönliche Erlebnisse und ich erlebe, wie die gemeinsamen Übungen zu realen Begleitungen, zu zwischenmenschlicher Unterstützung werden. Obwohl wir uns nur in kleinen Kacheln auf dem Bildschirm sehen, trotz der Entfernung, die zwischen uns liegt: auch digital kann heilsame, aufrichtige Begleitung gelingen. Das dürfen wir in Seminaren wie diesem erfahren.

Bedürfnisorientierte Hospizarbeit in Pandemiezeiten

Während meines Praktikums im Hospiz erlebe ich immer wieder An- und Zugehörige, die sehr froh darüber sind, dass sie die ihnen lieben Menschen auch in der Pandemiezeit sehen können. Klar, die Tests bei jedem Besuch, die FFP2-Masken und auch die Abstandsregelungen sind nicht schön und schränken auch manchen Besuch ein. Außerdem fordern die Maßnahmen den Pflegekräften zusätzliche Ressourcen ab: es braucht Menschen, die die Tests koordinieren und durchführen, Material muss bestellt und verteilt werden oder es gilt offene Fragen und Unsicherheiten rund um die Präventionsmaßnahmen verständlich zu erläutern. Wenn dann aber eine letzte Begegnung mit der Großmutter, eine Schachpartie mit dem ehemaligen Arbeitskollegen oder das Wiedersehen mit dem geliebten Hund eines Gastes ermöglicht werden können, dann ist der Aufwand gerechtfertigt.

Ich darf in meinem Praktikum erleben, wie vielschichtig und komplex die Arbeit im Themenfeld Sterben, Tod und Trauer in der Praxis ist. Gleichzeitig sehe ich, wie die Mitarbeitenden in einer besonders herausfordernden Situation auf ein dynamisches Pandemiegeschehen reagieren, Kompetenzen ineinandergreifen und pragmatische Lösungen im Sinne der Hospizgäste gefunden werden. Auch und gerade in diesem Kontext wird mir noch einmal deutlich, wie wichtig die bedürfnisorientierte Arbeit im Umgang mit sterbenden und trauernden Menschen ist und wie bereichernd es ist, wenn Begegnungen persönlich stattfinden. Denn auch, wenn der Besuch derzeit eine Maske trägt: hier ist ein Mensch, der für einen anderen da ist. Jemand, der das Leid, die Trauer und die Schmerzen mittragen und noch einmal gemeinsame Stunden erleben möchte. Wie schön, dass dies auch jetzt möglich gemacht wird.

Wie kommen die Perimortalen Wissenschaften in die Praxis?

Wenn ich von meinem Studium der Perimortalen Wissenschaften erzähle, werde ich oft gefragt, was ich damit einmal machen will. Oft entwickelt sich daraus ein Gespräch, in dem der Bedarf an Menschen, die den Umgang mit Trauer, Tod und Sterben normalisieren, die Trauernde und Sterbende begleiten oder auch Aufklärungsarbeit betreiben, deutlich wird. Gleichzeitig wird aber in Frage gestellt, ob es dafür denn ein Studium – und entsprechend ausgebildete Personen – brauchen würde. „Das machen doch Ehrenamtliche!“ höre ich dann manchmal. Stimmt! In vielen Einrichtungen ist eine bedürfnisorientierte Begleitung nur deswegen recht engmaschig möglich, weil sich Menschen unentgeltlich in ihrer Freizeit engagieren. Die Beweggründe dafür sind vielfältig: Solidarität mit den Mitmenschen, religiöse Überzeugungen, der Wunsch nach einer bereichernden Tätigkeit neben dem Beruf,…  Und auch ein großer Teil der Bildungsarbeit, besonders in den sozialen Medien, wird von Freiwilligen koordiniert, die oft eigene Erfahrungen teilen oder über konkrete Themen aufklären wollen. Das ist toll und wertvoll.

Trauer-Kompetenz im Alltag?!

Perspektivisch bin ich fest davon überzeugt, dass eine für unsere Gesellschaft so essentiell notwendige Arbeit auch in den Lehrplänen und Ausbildungseinheiten vieler etablierter Berufe und Professionen integriert werden muss, um auch im regulären Alltag einen Platz finden zu können. Nicht nur Seelsorger:innen oder Bestattungsunternehmen sollten sich mit Trauer auskennen – auch Menschen in der Sozialen Arbeit, Pflegekräfte, Medizinerinnen und Mediziner, Lehrkräfte oder Erzieher:innen sollten dazu in der Lage sein, im Kontext der jeweiligen Arbeitsfelder unbefangen und bedürfnisorientiert auf Trauersituationen und Verlusterfahrungen reagieren zu können. Hier kann das Studium der Perimortalen Wissenschaften eine sinnvolle Ergänzung bestehender Kompetenzen sein und neue Blickwinkel auf den Themenkomplex Trauer, Tod und Sterben erschließen. Das kann ein Weg sein, um Trauerarbeit ganz selbstverständlich im Alltag zu integrieren und ihr den Raum zu geben, den sie in der Gesellschaft wieder braucht.

Und auch ganz unabhängig von Weiterbildungen, Abschlüssen oder Zusatzqualifikationen können wir alle uns jeden Tag fragen: wo findet Trauer in meinem Umfeld statt und wie möchte ich ihr begegnen? Denn schon durch diese kleinen Momente der Unterstützung, des Bewusst-Werdens und des Hinschauens prägen wir eine neue Trauerkultur, die wir gemeinsam gestalten können.

 

Sarah Zinn / Autorin, Medienschaffende und Studentin der PERIMORTALEN WISSENSCHAFTEN/Universität Regensburg https://www.uni-regens­burg.de/theo­logie/moral­theo­logie/peri­mor­tale-wissen­schaften-ma/index.html

 

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