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„Ich studiere den Tod“ ①

„Perimortale Wissenschaften“ ist der neue Master-Studiengang an der Universität Regensburg: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. Die Autorin Sarah Zinn ist seit Oktober 2020 immatrikulierte Studierende und berichtet für uns – ab März – in unserer neu eingerichteten Serie von ihren Erfahrungen mit diesen großen Lebensthemen.

„Ich studiere den Tod“ ①

Ausstellung: „Dialog mit dem Ende“, Foto: Steffen Baraniak

27.Oktober 2020

Nach knapp 10 Jahren in der Arbeitswelt bin ich wieder Studentin! An der Universität Regensburg, im neuen Master-Studiengang „Perimortale Wissenschaften: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär“. Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich ein hoffentlich sehr praktisches Studium (https://www.uni-regensburg.de/theologie/moraltheologie/perimortale-wissenschaften-ma/index.html), dass den Tod und alles drum herum in vielschichtigen Facetten lebensnah betrachten wird. Ich finde, es wird Zeit für diesen weiten Blick!

Denn: Wir leben in einer alternden Gesellschaft, Sterben ist Zukunftsthema. Für viele von uns ist der Tod ja aber nichts worüber wir viel nachdenken, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Patientenverfügung, Organspende-Ausweis, Erbschaftsregelung…. Das alles scheint sehr weit weg von der eigenen Lebensrealität zu sein, oft höre ich bei Nachfragen dazu bei Freund:innen und in der Familie Aussagen wie „Darum kümmere ich mich, wenn es soweit ist.“ Schade eigentlich – denn der Umgang mit diesen Dingen gibt uns nicht nur für uns selbst Klarheit darüber, wie wir uns unser Sterben vorstellen. Es schafft auch ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse von Müttern, Vätern, Großeltern, Geschwistern und Herzensmenschen. Es lässt uns einander im Leben näher sein

02.November 2020

Eigentlich sollte das erste Kennenlernen in einem gemeinsamen Wochenend-Seminar stattfinden. Stattdessen begegnen wir uns nun am ersten Tag des Semesters online, es sind nur Präsenzveranstaltungen in sehr kleinen Gruppen möglich. Der vorfreudigen Spannung tut das jedoch keinen Abbruch: In der Vorstellungsrunde kommt jede:r kurz zu Wort und ich bin ganz begeistert von der Diversität in der Runde. Sowohl fachlich als auch im Altersschnitt sind wir eine sehr bunte Mischung – wenn auch größtenteils weiblich. Knapp 40 Personen haben sich für die Perimortalen Wissenschaften entschieden, darunter finden sich Jurist:innen, Pflegefachkräfte, Sozialarbeiter:innen und Pädagogen, aber auch Mediziner:innen, Medienschaffende und viele weitere Professionen. Die angedachte Themenvielfalt des Studiums zeigt sich also schon bei den Studierenden selbst!

Die ersten Einblicke in die geplanten Studieninhalte klingen sehr spannend. Bereits im ersten Semester wird praktisch gearbeitet, so werden wir als Studierende zum Beispiel den für das Frühjahr 2022 an der Uni geplanten Aufenthalt der Wanderausstellung Dialog mit dem Ende mit Workshops, einem breiten Rahmenprogramm und einer konkreten Kommunikationsstrategie unterstützen. Da wird der Umgang mit dem Thema Tod tatsächlich direkt greifbar gemacht. Es gibt außerdem eine Vielzahl an Vorlesungen und Seminaren, bei denen die Lehrenden der Uni Regensburg aber auch externe Expert:innen ganz konkrete Einblicke in verschiedene Themenbereiche im perimortalen Kontext geben. Sei es die Betrachtung von Totendarstellungen im Wandel der Zeit oder auch der ganz praktische Umgang mit ethischen Herausforderungen im perimortalen (Arbeits-)Alltag: meine Mitstudierenden und ich werden direkt hineingeworfen in die erstaunlich abwechslungsreiche Themenwelt rund um Trauer, Tod und Sterben.

06.November 2020

Nach der ersten Studienwoche konnte sich unsere Studierenden-Gruppe schon gut zusammenfinden und wir haben einander besser kennenlernen können. So unterschiedlich unsere beruflichen Werdegänge und auch persönlichen Meinungen sind: uns eint der Wunsch nach einem offenen und tabubefreiten Umgang mit dem Tod. In unserer Gesellschaft und auch im Privatbereich. In spannenden Diskussionen nähern wir uns Schritt für Schritt den großen Themen des perimortalen Raums. Ab wann ist man eigentlich tot? Wie sehr prägen christliche Rituale und Traditionen auch heute noch die letzten Tage und Stunden eines Menschen? Was hat die menschliche Sterblichkeit mit der Abgrenzung zu Gott zu tun? Welche Ansätze gibt es, um Trauernde nach einem Verlust zu unterstützen – und wann müssen wir als Begleitende auch einfach mal die Klappe halten und still die Gefühle des Gegenübers aus-halten? All diese Themen sind für sich allein schon spannend – zusätzlich zeigen sich aber immer wieder Verbindungen, Seitenstränge und gesellschaftliche Entwicklungen, die alle Aspekte miteinander zu verweben scheinen. Tod, Trauer und Sterben sind eben doch essentieller Bestandteil des Lebens, auch wenn viele dies gerne ausblenden möchten.

10.November 2020

Bei meiner Ummeldung im Bürgerbüro fragt mich die Sachbearbeiterin, was ich denn in Regensburg studieren würde. Ich erkläre ihr kurz, worum es in den Perimortalen Wissenschaften geht. Sie schaut mich verdutzt an und fragt „Machen Sie das freiwillig? Das klingt ja ziemlich deprimierend – ich hätte gedacht, Sie machen was mit Medien.“

Von Freund:innen und Familie habe ich einige ähnliche Rückmeldungen bekommen.
Eine kleine Auswahl:
„Du bist doch viel zu jung, um dich mit dem Tod zu beschäftigen.“
„Müssen wir uns Sorgen um dich machen?“
„Sterben müssen wir doch eh alle – dafür braucht es doch kein Studium!“
„Ist das jetzt Trend, dass plötzlich überall über den Tod gesprochen wird?“
„Voll gruselig – beschäftigt ihr euch da auch mit Geisterbeschwörung und so?“

Zumindest meine 8-jährige Nichte kann der Sache bei dem Gedanken an einen vermeintlichen Austausch mit den Verstorbenen etwas Interesse abgewinnen und möchte mehr wissen – ist dann aber doch eher enttäuscht, dass es nicht so „praktisch“ ist, wie gehofft. Direktes positives Feedback oder gar weitere Nachfragen im ersten Gespräch sind eher selten. Viele, die von meinen Plänen wissen, melden sich aber später nochmal. Alle mit einem ähnlichen Gedanken: „Das Thema ging mir nicht mehr aus dem Kopf… Es betrifft uns ja alle, da ist es doch eigentlich blöd, nie drüber zu sprechen, oder?“

Sehe ich genauso! Und ich bin mir sicher, meine Mitstudierenden können dies alle ebenfalls unterschreiben!

12.November 2020

Ich bin eigentlich „fachfremd“ zum Thema Tod, Sterben und Trauer gekommen. Seit fast 10 Jahren kümmere ich mich hauptberuflich um Kulturprojekte und Veranstaltungen, arbeite als freie Konzepterin sowie Kommunikationsberaterin in Agenturen und bei großen Kunden. Ich entspreche auch sonst ziemlich genau dem Bild von einer, „die was mit Medien macht“ – die Dame aus dem Bürgerbüro hatte da schon einen guten Riecher. Zur Trauer kam ich, als ich selbst jemanden verlor und auf der Suche war nach einer professionellen Begleitung, die das Thema modern und aufgeschlossen anging. Schwieriger als gedacht! In meiner Heimatstadt, die mit über 500.000 Einwohnern nun auch kein komplett verschlafenes Nest ist, schien es quasi unmöglich zu sein, etwas Passendes zu finden. Zu eingestaubt, zu klischeebehaftet waren mir die Angebote, die ich finden konnte. Als überzeugte Agnostikerin vermisste ich außerdem oft einen sachlicheren Blick auf das Thema Trauer, Tod und Sterben. Irgendwann habe ich die Suche aufgegeben.

Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt und ein paar Monate später meldete ich mich für die Ausbildung zur Trauerbegleiterin an – ganz nach dem Motto „Werde die Person, die du selbst gebraucht hättest.“ Hier sprang der Funke über. Das Thema begeisterte mich ungemein, gleichzeitig sah ich so viel Potential, wie Begleitungen für Angehörige vielfältiger und zeitgemäßer gestaltet werden können. Und mit diesem Veränderungswillen war ich nicht allein! Spannende neue Ansätze, wie die wunderbar kreativen und herznahen Angebote für Trauernde von Vergiss Mein Nie in Hamburg oder die ganz persönlich geprägten Bestattungen von lebensnah bestattungen in Berlin /Leipzig wurden bekannter und die Menschen dahinter wurden zu den Stimmen einer neuen Trauerkultur. Mehr und mehr Personen setzen ihre Energie, Kreativität, Empathie und natürlich ihr Fachwissen mittlerweile dafür ein, die Themen Trauer, Tod und Sterben zurück in die Gesellschaft und in das Erleben von uns allen zu bringen. 

Der Studiengang Perimortale Wissenschaften kommt also genau zur richtigen Zeit. Hier wird etwas Neues geschaffen, an dem wir alle gemeinsam mitwirken können.

15.November 2020

Heute haben wir in einem Seminar über die Bedeutung von Ritualen zum und nach dem Tod eines Menschen gesprochen. Diese meist christlich geprägten Abläufe geben Trauernden durch klare Strukturen Halt und helfen, den Verlust als Gemeinschaft zu verarbeiten. Auch können sie mit einer symbolischen Verheißung auf ein Leben nach dem Tod oder ein Wiedersehen mit den Liebsten Trost spenden.

Ich sehe den Wert dieser Rituale und beneide die Menschen, die dadurch Erleichterung finden. Als beinharte Agnostikerin bin ich hier in der Vergangenheit aber an meine Grenzen gestoßen. Ich bin auf der Suche nach neuen Ritualen, ich möchte Traditionen erweitern, neu schreiben, und als Alternativen in einem Kanon der Trauerarbeit involviert wissen. Ich glaube daran, dass Trauerarbeit zu großen Teilen eine gesellschaftliche Arbeit ist, die ein großes „WIR“ voraussetzt. Wir alle müssen den Tod wieder in unsere Mitte holen und der Unabwendbarkeit des irdischen Endes ein Leben voller Fülle und gemeinschaftlichen Seins entgegensetzen. In der Gemeinsamkeit entstehen neue, bedeutungsvolle Rituale. Ich bin gespannt darauf, was sich zeigen wird!

18.November 2020

Manchmal taucht das Thema Tod an Orten auf, an denen man es so nun gar nicht erwartet hat. Beim Friseurbesuch zum Beispiel. Neben mir auf dem Stuhl sitzt eine Frau, die davon erzählt, dass ihre Tante gerne im Kreis der Familie sterben möchte. Es hätte dazu eine Familiensitzung gegeben, bei der sie ihre Wünsche kundgetan habe. Ihre Krebserkrankung sei nicht weiter therapierbar, ein Platz im Hospiz wäre eine Option – aber sie möchte für den letzten Weg in ihr Elternhaus zurück. Gespannt verfolge ich das Gespräch, auch eine weitere Kollegin im Salon schaltet sich ein. „Ist doch super, dass deine Tante das sagt! Da wisst ihr wenigstens, woran ihr seid. Hätte ich mir auch gewünscht, als meine Oma dran war!“ Die Botschaft ist klar: Über das Ende reden ist wichtig und hilfreich zugleich. Es stellt eine Handlungsfähigkeit her, die sonst vielleicht aufgrund von Unsicherheit, Angst oder falschen Annahmen nicht gegeben ist. Ich freue mich, dass hier so offen diskutiert wird! Es geht noch eine Weile hin und her – mit dem Ergebnis, dass alle sich einig sind: wir sollten alle so klar über unsere Wünsche sprechen, wie die Tante. Denn wir wissen am besten, was gut für uns ist. Und unsere Zugehörigen sind dankbar, die großen Entscheidungen nicht allein und für jemand anderen treffen zu müssen.

27.November 2020

Nun sind auch wir zu 100% in der digitalen Lehre angekommen. Die Corona-Bestimmungen erlauben keinerlei Präsenzveranstaltungen mehr – wie lange es so bleibt wissen wir noch nicht. Die ganze Welt ächzt unter einer so noch nie dagewesenen Last. Täglich hören wir die Zahlen – bisher sind laut offizieller Angaben mehr als 20.000 Menschen (Anm. Redaktion: ca. 70.000, Februar 2021) in Deutschland im Zusammenhang mit dem Corona-Virus gestorben. Jed:er hatte Familie, Bekannte, Freundschaften. Jede:r hatte ein Leben. Aber unser gesellschaftlicher und medialer Umgang mit diesen Toten zeigt, wie wenig wir das Menschliche im Sterben zulassen können. Es werden Nummern, Statistiken, Diagramme gezeigt – die Menschen dahinter bleiben für die meisten von uns unsichtbar. Auch das ist der perimortale Raum. Wie erinnern wir uns als Gesellschaft in dieser besonderen Situation an die Menschen, die wir nicht persönlich kennen, deren Schicksal aber auch das unsere sein könnte? Wie zeigen wir Empathie und Anteilnahme, wenn uns das konkrete Gegenüber fehlt? Diese Fragen sind schwer zu beantworten. Ich hoffe, dass wir Lösungen finden – und diese dann auch über diese Krise hinaus anwenden können.

Sarah Zinn / Autorin, Medienschaffende und Studentin der PERIMORTALEN WISSENSCHAFTEN/Universität Regensburg
https://www.uni-regensburg.de/theologie/moraltheologie/perimortale-wissenschaften-ma/index.html

Logogestaltung: Sophie Wetterich

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„Ich studiere den Tod“ ⑥

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