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Schuldvorwürfe nach einem Suizid

„Ich bin ihm nie gerecht geworden“ sagt ein Mann nach dem Suizid seines siebzehnjährigen Sohnes. Schuldvorwürfe gehören nach einem Suizid fast immer dazu. Sie können Ausdruck der unerträglichen Ohnmacht und Hilflosigkeit angesichts des plötzlichen Todes durch „eigene Hand“ sein. Was bringen uns Schuldvorwürfe? Können sie uns sogar dabei helfen uns über sie innig mit dem Verstorbenen zu verbinden.

Schuldvorwürfe nach einem Suizid

© Rosa Fux/Aussenwelt_Innen „Narbe“

Als Trauerberaterin habe ich es oft mit Schuldvorwürfen nach einem Suizid zu tun, die in die verschiedensten Richtungen gehen. Entweder werden Andere angeklagt – manchmal sogar der/die Verstorbene, oder die Hinterbliebenen müssen erleben, dass sie beschuldigt werden.

Schuld?

Oft wird nach einem Suizid hinter vorgehaltener Hand getuschelt, was in der Familie oder Partnerschaft „denn wohl schiefgelaufen“ sei. Das gesellschaftliche Stigma wird auch heute noch übertragen und macht es betroffenen Familien sehr schwer, sich wieder als normal und wertvoll zu erleben. Normalerweise erheben die Trauernden jedoch Vorwürfe gegen sich selbst. Sie kreiden sich an, etwas falsch oder zumindest nicht richtig gemacht zu haben. Sie beschuldigen sich des Egoismus und der Rücksichtslosigkeit. Vor allem verurteilen sie ihre eigene Unwissenheit oder die Situation nicht richtig eingeschätzt zu haben, sie verurteilen sich sogar für das Vertrauen und die Zuversicht, die sie hatten.

Strafe?

Heftige Vorwürfe gegen andere sind fast automatisch mit Rachegedanken verbunden. Es hilft, darüber zu reden, sich diese Emotionen einzugestehen und die zugrunde liegende Gewalt auf die Phantasie zu beschränken. Oft bestrafen wir andere unbewusst mit abwertenden Bemerkungen oder mit öffentlicher Bloßstellung.

Die begleitende Person kann hier nur sehr begrenzt eingreifen. Wer mit einer anderen Person nichts mehr zu tun haben möchte, empfindet meist so starke innere Abwehr gegen diesen Menschen, dass nur die Hoffnung darauf bleibt, dass sich das Problem irgendwann lösen wird. Ich habe immer wieder erlebt, dass erst mit den Jahren ein neues Verständnis wächst oder der Wunsch nach Kontakt dem nach Bestrafung weicht.

Heftige Vorwürfe gegen sich selbst können dazu führen, sich selbst bestrafen zu wollen oder etwas abbüßen zu müssen. „Das habe ich doch nicht mehr verdient“; „das steht mir nicht mehr zu“. Es hilft darüber zu reden und sich diesen Mechanismus klarzumachen. Wenn die betreffende Person, weiterhin etwas abbüßen will, können in der Beratung Alternativen zu diesen oft sehr selbst- verletzenden Bußen besprochen werden.

„Wiedergutmachung“ ist eine Alternative zu Verzicht und Qual. Wiedergutmachung heißt nach einem Tod – ich kann zwar nicht mehr „reparieren“, was mit dem Verstorbenen nicht gut gewesen ist, aber ich kann „Gutes in die Welt bringen“ als Ausgleich für den Schaden, der durch seinen oder ihren Tod entstanden ist; z. B. kann etwas für einen Verein gespendet werden, der Trauernde unterstützt oder der für die Entstigmatisierung von psychischen Krisen eintritt. Man kann freundlicher zu seinen Freunden und Angehörigen sein als bisher oder ein Ehrenamt beginnen, wenn die schwerste Zeit der Trauer vorüber ist. Manche Menschen werden schließlich selbst TrauerbegleiterIn oder gründen eine Selbsthilfegruppe für andere Suizidhinterbliebene im Verbund des bundesweiten Vereins AGUS e.V.

Antworten?!

Jeder einzelne Suizid unterscheidet sich von jedem anderen sowohl in der Durchführung wie in der Vorgeschichte. Die Frage nach dem „Warum“ bedrängt Suizidhinterbliebene ebenso, wie sie Menschen nach einem Unfall oder sogar einer schweren, tödlichen verlaufenden Erkrankung quält. Die Trauernden/Hinterbliebenen glauben, eine Antwort auf das „Warum?“ würde ihnen Sicherheit geben – sie glauben, wenn sie bestimmte Verhaltensweisen verändern, bestimmte Orte und Menschen meiden, dann wären sie so in Sicherheit vor weiteren Verlusten. Manchmal ist das Bedürfnis nach einer solchen vermeintlichen Sicherheit größer als jede Vernunft und die Betreffenden suchen nach irgendeinem Sündenbock.

Schuldvorwürfe entstehen meist, wenn die Verunsicherung durch ein unerklärliches Ereignis zu groß ist, als dass sie ausgehalten werden kann. Sie schaffen eine vordergründige Sicherheit. Das gilt sogar, wenn sich der Vorwurf gegen sich selbst richtet. Wüssten wir, was wir falsch gemacht haben, so könnten wir das in Zukunft vermeiden und hätten unser eigenes Glück ohne weitere Unglücksfälle und Verluste selbst in der Hand.

Hilfe:

Häufig wird Suizidtrauernden gesagt, sie sollten sich damit abfinden, dass es keine Antwort gäbe. Das ist allerdings nicht immer hilfreich. Die Suche nach einer Antwort auf das Warum ist auch eine Suche nach einem „Narrativ“, also einer zusammenhängenden Geschichte des eigenen Lebens. Wir alle suchen nach solchen Narrativen, um die Gesamtheit der glücklichen und unglücklichen Fügungen des Seins in einen Zusammenhang zu bringen, der Identität herstellt. Das Gefühl einer zerrissenen Lebensgeschichte und einer nicht erklärbaren Welt ist schier unerträglich.

Meiner Erfahrung nach ist es hilfreich, an die Stelle eines pauschalen „da gibt es sowieso keine Antwort“, sich der Suche nach dem Narrativ zu stellen oder diese zu unterstützen. Gemeinsam mit der SuizidbegleiterIn können Menschen aus dem Umfeld befragt, Fachleute für Krise und psychische Erkrankungen zu Rate gezogen werden, polizeiliche Ermittlungsakten eingesehen und Hinterlassenschaften durchsucht werden. Selbst der Ort des Todes kann Antworten auf das „Warum“ das „Wie“ und das „Wieso hier“ geben.

Diese Suche (?)beginnt meist kurz nach dem Tod und kann einige Jahre dauern, in denen immer wieder neue kleine Informationen zu neuen Narrativen zusammengesetzt werden können. „Es ist wie ein Puzzle“, sagt eine Mutter über den Suizid ihrer Tochter. „Die einzelnen Teile sind an sich kein großes Problem. Aber alle zusammen, so wie sie zusammengetroffen sind, haben diese Katastrophe bewirkt.“

Ein Suizid verletzt das Grundbedürfnis nach Wirksamkeit im eigene Leben und nach einer gewissen Kontrolle über das, was mit mir geschieht. Die schwere Erkrankung eines anderen, geliebten, vertrauten Menschen raubt dem eigenen Leben Qualität. Das eigene Bangen, Tun, Flehen, Sorgen erweisen sich als nutzlos. Die eigene Existenz ist nicht wichtig genug, um einen anderen davon abzuhalten, sich zu töten. Diese Erfahrung von absoluter Hilflosigkeit ist bedrohlich für die menschliche Seele und tatsächlich vergleichbar mit Erfahrungen von physischer Gewalt oder Folter. Auch die Folgen sind vergleichbar. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein ist so unverträglich, dass der menschliche Geist eine Art Umkehr der Verhältnisse herbeiführt.
Man ist lieber ein „böser“ aber einflussreicher Täter, der Leben und Tod beeinflusse kann, als ein „unschuldiges“ aber komplett ausgeliefertes Opfer der Umstände. Schuldvorwürfe können also Ausdruck der unerträglichen Ohnmacht und Hilflosigkeit angesichts des plötzlichen Todes durch „eigene Hand“ sein.

Eine Selbsttötung erschüttert nicht nur die engsten Zugehörigen sondern auch deren berufliche UnterstützerInnen. Das kann dazu führen, dass diese den Hinterbliebenen wenig zutrauen, eigene Entscheidungen zu treffen oder sich selbst emotional zu regulieren. Automatisch verabreichte Beruhigungsmittel oder die sofortige Überweisung in eine Trauma-Ambulanz können aber auch zu sehr in die (Trauer/Bewältigungs-)Prozesse der Hinterbliebenen eingreifen. Es muss darum gehen, die Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit mit fachlichen Impulsen auszubalancieren. Diese sind nach einem Suizid genauso wichtig wie nach jedem anderen Todesfall.

Bindung!

„Wenn die Schuld weg wäre, dann wäre auch mein Sohn weg“ – mit diesem Satz einer trauernden Mutter begann vor fünfzehn Jahren meine Suche nach dem, was Schuldvorwürfe uns geben können. In vielen Geschichten habe ich seither erlebt, wie sich eine starke Emotionalität aus Wut, Scham, Reue, Zweifel und Sehnsucht zusammenballt, die – stärker als jede glückliche Erinnerung – ein Gefühl der Verbundenheit herstellen kann.
Mein Kollege, Bestatter und Trauerbegleiter, Jan Möllers aus dem Team der schuld*werker*innen hat als Symbol für diese Form des Verbunden Seins schwere Ketten gewählt, wie sie früher Gefangenen angelegt wurden. Dieses Verbunden Sein ist stark, aber auch hart und unerbittlich. Es ermöglicht keine Weichheit, keine Dankbarkeit und kein Lachen in der Erinnerung an gemeinsame Zeiten. Manchmal fühlt sich ein Verlust so übermächtig an, dass er besser auszuhalten ist, mit diesen Schuld-Ketten aneinandergefesselt zu sein, als gar keine innere Verbindung zu spüren. Nach einem Suizid mit all seinen Warum-Fragen, liegt es nahe, sich über Schuldvorwürfe innig zu verbinden. Die Schuldzuweisungen gegen sich selbst und auch oft unterschwellig gegen den Verstorbenen erfüllen dann gleichzeitig die Funktion des Narratives und des inneren Kontakts.

Vorwürfe, die verbinden, können nicht ausgeredet werden. Sie lassen sich auch nicht vergeben – solange es keine andere Möglichkeit der inneren Verbundenheit gibt. Deshalb geht es in der Begleitung darum, die intensive Sehnsucht wahrzunehmen und nach Wegen zu suchen, die Verbundenheit auf eine sanftere Art und Weise zu spüren. Dazu trägt die sogenannte ganzheitliche Erinnerung bei. Ganzheitliche Erinnerungen konzentrieren sich nicht nur auf den Suizid und seine Vorgeschichten, sondern nimmt den ganzen Menschen in den Blick. Denn betrauert wird ja der ganze Mensch und nicht (nur) die Art seines Sterbens.
Dabei ist die innere Haltung der Begleitenden wichtig. Zorn auf den Menschen, der eine Familie zurücklässt oder traumatische Bilder verursacht, helfen Trauernden nicht weiter. Ebenso wenig eine starke Identifikation mit dem Leid des Menschen, der sich getötet hat. Sie brauchen stabile und respektvolle Begleitende, die weder dramatisieren noch idealisieren.

Literatur:
John R. Jordan (ed): Grief after Suicide. New York 2011.
Chris Paul: Warum hast du uns das angetan? Gütersloh 2018.
Chris Paul: Schuld Macht Sinn. Gütersloh 2010.
Chris Paul: Schuldvorwürfe im Trauerprozess nach einem Suizid. AGUS-Schriftenreihe 2018.
Chris Paul und Suse Schweizer: Gelbe Blumen für Papa. Mit Kindern über Suizid reden. Köln 2021
Jörg Schmidt: Trauer nach Suizd (k)eine Trauer wie jede andere. AGUS-Schriftenreihe 2018.

Internetquellen:
https://chrispaul.de/schuld/ (Mehrere Interviews u.a. zum Thema Vergebung)
https://agus-selbsthilfe.de/

 

Autorin: CHRIS PAUL
Soziale Verhaltenswissenschaftlerin B.A., Heilpraktikerin für Psychotherapie mit Schwerpunkt Trauerbegleitung, lebt und arbeitet in Bonn als Leiterin des TrauerInstitut Deutschland, Dozentin und Fachautorin. Ihre Bücher sind Standardwerke für Betroffene und Facheute, denn es gelingt ihr, auch komplizierte theoretische Zusammenhänge allgemein zugänglich zu machen.
www.chrispaul.de

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