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Kein Trauerspiel: ein Plädoyer für das Lachen

Lachen ist die beste Medizin. Aber gilt das auch für Trauernde und Sterbende? Wir alle kennen die gesellschaftlichen Konventionen, die besagen, dass es pietätlos sei, wenn Trauernde lachen. Wer es dennoch tut, irritiert, macht aber erstaunliche Erfahrungen. Humor und Lachen können nämlich in der Trauerphase helfen. Wir haben dazu u.a. einen Humor-Coach, der in einem Hospiz tätig ist, befragt.

Kein Trauerspiel: ein Plädoyer für das Lachen
Für Hermann J. Bayer gehören Lachen und Weinen einfach zusammen. Es gibt den Sterbenden, aber auch den Trauernden Energie.

„Ein Hospiz in Berlin. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter betrete ich ein Zimmer, sehe eine neue Bewohnerin. Die Frau schaut mich traurig an. Ich merke am Geruch, dass sie starken Durchfall hat, was ihr natürlich peinlich ist. Die Hygienehose muss gewechselt werden. Das darf ich als ehrenamtlicher Mitarbeiter nicht allein tun, also rufe ich eine Pflegerin. Zusammen lagern wir die neue Bewohnerin auf die Seite, öffnen die Hygienehose. Plötzlich dreht sie sich um, grinst uns an und sagt: ‚Himmeldonnerwetter, so kann man sich also auch kennenlernen!‘ Wir alle müssen herzlich lachen.“ Diese Anekdote, erzählt vom Humor-Coach Harald-Alexander Korp, illustriert, wie wohltuend Lachen auch in vermeintlich ernsten Situationen sein kann.

In der Freude liegt eine Kraft, die uns eine Erholungszeit in der Trauerphase verschafft. Harald-Alexander Korp wünscht sich mehr Lachen und Freude auf den Friedhöfen; so wie es in vielen anderen Ländern der Welt bereits die Regel ist.

Wenn ein geliebter Mensch plötzlich stirbt, ist nichts mehr wie zuvor. Die Hinterbliebenen sind oft wie gelähmt. Viele stürzen unvorbereitet in die Trauer. Manch einer kommt da nicht unbeschadet heraus. Warum? Trauer braucht Zeit, die unsere moderne Gesellschaft den Trauernden oft nicht zugesteht. Schnell müssen sie wieder im Alltag funktionieren. Dabei ist Trauer ein komplexes, nicht lineares Phänomen wie Dr. Ruthmarijke Smeding in ihrem Modell „Trauer erschließen“ erläutert. Jeder Mensch trauert anders, jeder Mensch reagiert anders auf Trauer – etwa mit Zweifeln, Denken, Tun, Nicht-Tun, Weinen oder auch Lachen. So wie es in Ordnung ist, Schmerz und Tränen zu zeigen, ist es in Ordnung, in der schmerzvollen Zeit zu lachen. Für Hermann J. Bayer, freiberuflicher Hospiz-Referent und Trauerbegleiter, gehören Lachen und Weinen zusammen. Wenn jemand versuche, das Weinen zu unterdrücken, stark sein zu wollen bzw. zu müssen, dann versiege auch das Lachen. „Ich erlebe oft sehr muntere Gespräche im Zusammensein mit Schwerkranken wie auch beim Trauergespräch in der Vorbereitung für die Beerdigung. Weinen und lachen, schweigen und unentwegt erzählen wollen… Das ist eine Haltung die aus einer (Lebens-)Quelle schöpft… und durchaus als Humor wahrgenommen wird.“

Lachyoga am Grab

Welchen Effekt hat es, wenn wir in der Trauerphase lachen? Humor-Coach Harald-Alexander Korp ist unmittelbar mit Sterben und Tod konfrontiert. Seit zehn Jahren arbeitet er als Sterbebegleiter und ehrenamtlicher Mitarbeiter im Hospiz. „Trauer ist ein ganz wichtiger Prozess. Es ist eine körperliche, psychische und seelische Reaktion, um mit einem Verlust umzugehen. Dazu braucht es Kraft und Zeit. Lachen und Humor sind für mich Werkzeuge, um an die Freude heranzukommen. Die Freude gibt uns Kraft und kann uns für kurze oder auch längere Momente eine Erholungszeit in der Trauerphase verschaffen. Das heißt nicht, sich einen Comedian nach dem anderen reinzuziehen. Das würde den Trauerprozess stören. Es geht eher um einen Ausgleich zwischen den Gefühlen der Trauer und positiven Emotionen.“ Korp erlebt immer wieder, wie viel im Hospiz gelacht wird und welche große Rolle der Humor dort spielt. Selbst Lachyoga wird praktiziert. Dass gerade Menschen mit Krebsdiagnosen oder anderen schweren Krankheiten sehr offen dafür sind, sei kein Zufall. Sie kämen dabei an andere Energien heran. „Es gibt Sterbende, die verfügen, dass an ihrem Grab eine Lachyogaübung gemacht wird. Ich habe das bei mir auch vorgesehen. Bei aller Trauer, bei allem Schmerz ist auch die Freude ein Teil des Sterbens. Man kann ja trotzdem weinen; weinen und lachen liegen oft beisammen. Das ist eine sehr heilsame Kombination.“

Die Deutschen gelten landläufig als humorloses Volk, insofern erstaunt ihr Umgang mit dem Lachen angesichts von Sterben und Tod wenig. In anderen Ländern sieht das ganz anders aus. So wird bei Beerdigungen in Thailand, Ghana oder Madagaskar auch die Freude in der Trauer berücksichtigt. Dort tragen die Menschen weiße Kleider, singen freudvolle Lieder, erzählen Geschichten und lachen. Sie sind überzeugt, dass es dem Menschen, der gestorben ist, nun besser geht. Harald-Alexander Korp erinnert sich in dem Zusammenhang an eine Begebenheit auf einem deutschen Friedhof. Als dort eine Frau aus Ghana beerdigt wurde, haben ihre Angehörigen getanzt, gelacht und getrommelt. Dafür gab es prompt einen Strafzettel.

Lachen muss erlaubt sein

Wann darf ein trauernder Mensch wieder lachen? Für den Humor-Coach gibt es da keine Regel. Lachen dürfe man sowieso. Die Frage ist, warum sollte man es nicht dürfen? Die gesellschaftlichen Konventionen hemmen viele Trauernde, ihren freudigen und positiven Gefühlen, die sich neben all dem Schmerz mitunter auch zeigen, Ausdruck zu verleihen. „Wenn es bei einem Menschen einen langen Leidensweg über Wochen, Monate oder gar Jahre gab und dieser nun endet, dann muss auch Freude möglich sein; Freude darüber, dass dieser Mensch nun nicht mehr leiden muss, aber auch dass man selber von vielen Anstrengungen befreit ist. Das hat nichts damit zu tun, dass man diesem Menschen schaden will oder dass man nicht mehr trauert.“ Wenn jemand gestorben ist, gebe es immer auch Momente, die etwas Positives haben. Korp erzählt von einer Situation in einem Trauercafé als er einen Mann, dessen Frau gestorben und der in seiner Trauer gefangen war, fragt: „Gibt es auch etwas, das Ihnen nun leichter fällt in Ihrem Leben?“ Nachdem er ihn zunächst überrascht angeschaut habe, antwortet er: „Ja, ich kann endlich meine Zeitung am Morgen in Ruhe lesen.“

Zum Weiter- und Nachlesen:

Harald-Alexander Korp: Am Ende ist nicht Schluss mit lustig. Humor angesichts von Sterben und Tod. Mit Karikaturen von Karl-Horst Möhl

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