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Gibt es ein Leben vor dem Tod?

Es kann nur sterben, was gelebt hat? Wir atmen ein, wir atmen aus ... Aber wo ist der Sinn, der Inhalt unseres Lebens? Warum fürchten wir sein Ende, unseren Tod, wenn wir es vielleicht noch nicht einmal bewusst begonnen haben? Eine Lebens-Mutprobe. Beginnen wir doch jetzt. Sofort.

Gibt es ein Leben vor dem Tod?

In einem Leben …

konsumieren wir mehr als 33 Jahre Medien, schlafen wir 24 Jahre und fünf Monate, arbeiten wir sieben Jahre, verbringen wir fünf Jahre mit Essen, reden wir zwei Jahre und zehn Monate mit anderen Menschen, sitzen wir zwei Jahre im Auto – davon sechs Monate im Stau –, treiben wir ein Jahr und sieben Monate Sport, gehen wir ein Jahr ins Museum, Kino, Theater oder zu Konzerten, waschen und bügeln wir neun Monate und spielen neun Monate mit unseren Kindern, sitzen wir sechs Monate auf der Toilette, spielen wir vier Monate am Computer, nehmen wir drei Monate an Vereinssitzungen teil und stehen oder sitzen wir drei Monate in Kneipen und wir beten zwei Wochen und – ach – küssen auch nur zwei Wochen.

… in 80 Jahren

Diese statistischen Erhebungen gehen von 80 Lebensjahren in Deutschland aus (Quelle: Deutschland verstehen/Ein Lese-, Lern- und Anschau-Buch/Gestalten Verlag, Berlin) und wurden vor Corona erstellt. Vermutlich haben sich die freigewordenen Zeit-Kontingente weder aufs Küssen noch aufs Beten ausgewirkt – wer weiß?

1,53 Worte zu Statistiken

Statistiker werten unsere Lebens-Daten aus, egal wie viel Leben oder Tod darin steckt, und wandeln sie mit – eher mehr als weniger­­ – Deutungshoheit in Tabellen, mit denen dann wirtschaftlich-politische Interpretationen untermauert werden. Kleines Baby-Beispiel: 2018 lag die jährliche Geburtenziffer bei 1,57 Kindern je Frau. Die Geburtenziffer der deutschen Frauen stieg zwischen 2011 und 2017 von 1,34 auf 1,45. Nach letzten Erhebungen (in 2021) lag der Stand bei doch nur 1,53 – trotz Corona und Homeoffice.

Ein Hase, den der Jäger knapp vor der Schnauze und knapp hinter dem Pürzel verfehlte, ist statistisch leider tot, da immer der Mittelwert errechnet wird. Und somit erklären sich auch die 1,53 deutschen Kinder. Übrigens der Pürzel vom Hasen heißt „Blume“, aber das hätte außer den Jägern niemand verstanden. Und manchmal begegnen mir erwachsene Menschen, die mit weit unter 0,53 Menschsein unterwegs sind; was ich nun verstehe, weil sie ja, obwohl sie hinter dem Komma waren, auch irgendwie groß geworden sind, zumindest: statistisch, genau wie all die glücklichen, nicht erschossenen Hasen.

 

„Das Leben hört nicht auf komisch zu sein, wenn Menschen sterben –
ebenso wenig, wie es aufhört, ernst zu sein, wenn man lacht.“

(George Bernhard Shaw)

 

Wenn alles in meinem Leben gut läuft, ich gesund bin, geliebt werde, anerkannt, dann gewöhne ich mich sehr schnell an diesen Zustand als etwas völlig Normales. Ich vergesse, dass ich ein „Glückskind“ bin und bedanke mich auch nicht bei irgendwelchen spirituellen Wesen für diesen Zustand. Vielleicht glaube ich stattdessen: Das steht mir zu. Und noch mehr. Denn zu den wahrhaftig Glücklichen gehören wir in Europa nicht. Laut Statistik des World Happiness Report 2021 sind die Skandinavier glücklicher, weil sie die größeren Resilienz-Fähigkeiten haben. Diese Steh-Auf-Männlein-Faktoren kann man trainieren, liegen aber mehr in den Genen begründet. Pech gehabt. Dazu passt, dass irgendwann eine von diesen Gesund-, Geliebt-, Anerkannt-Säulen einknicken oder wegbrechen, dann spüre ich die Härte des Schicksals, die Verletzlichkeit dieser Glückskeks-Prognostik und: bin mächtig erstaunt.
Wie oft sprechen wir diese tollen Aphorismen aus, ohne sie zu verstehen: Nichts im Leben ist sicher – alles wandelt sich. Oder: Das einzig Sichere ist die Veränderung! Ein Ende der Pandemie hat irgendwie stattgefunden, wurde aber überdeckt vom Krieg, der Inflation, der Energiekrise und der Klimakrise, die eigentlich steinalt ist. Fazit: Eigentlich sollten wir schleunigst mit Veränderungen beginnen, aber die meisten wünschen sich das alte Leben zurück, den Davor-Zustand. Wir halten am Bekannten fest, weil wir es kennen – nicht, weil es besonders gut war!

Fast alle Menschen haben Angst vor dem Tod – und noch mehr vor dem Sterben

In den späten 1980ern traf ich einen ehemaligen Kommilitonen Wilm wieder; er war gerade mitten in seinem dritten Studium, aber alles zum Wohle der Menschheit. Als wir uns kannten, hatte er Soziologie belegt, danach Psychologie, dazwischen eine Ausbildung zum Krankenpfleger – und nun Philosophie. Er bot Krankenhäusern seine kostenfreien Dienste an, um sterbende Menschen in ihren letzten Tagen und Stunden zu betreuen. Sterbebegleitung, Hospize, Palliativmedizin waren in Deutschland Begriffe, die noch niemand kannte.
Wilm trug bodenlange Röcke. Die Kliniken nahmen trotzdem seine Dienste in Anspruch, weil er, unsichtbar wie die Sterbenden, in Räume kam, in denen man sich auch bei bester Gesundheit nicht gerne aufhalten würde. Im Klinikbetrieb bedeutete Sterben ein Versagen der Medizin. Einen „guten Tod“ durfte nur erfahren, der oder die im eigenen Bett, umgeben von den Angehörigen und Freunden sterben durfte. Diese Art des Erlebens eines privaten „Guten Todes“ war in den 90ern schon fast ausgestorben.
Wilm erzählte mir von seinen Klinik-Sterbenden. Die meisten wirkten, nach der direkten Konfrontation mit ihrem bevorstehenden Ableben, irgendwie überrascht. Wilm scherzte trostspendend mit seinen männlichen Sterbenden: In Deutschland sterben doch nur Frauen und Ausländer. Lieb gemeint, aber die Statistik spricht von 100%, und da ist kein Mittelwert gemeint. Vermutlich war es eine Mischung aus Medizin-Fortschritts-Gläubigkeit und Verdrängung einer absoluten Erkenntnis.

Die Familien überließen Wilm dankbar ihre Sterbenden mit der Bitte sie, „wenn alles vorbei ist“, bitte anzurufen. Die Angst vor dem Tod hatte sogar die Begriffe: „Sterben“ und „Tod“ aus ihrem Wortschatz gelöscht. Trauer über den erlittenen Verlust und der lange Prozess ihrer Bewältigung waren eine zu verbergende private Angelegenheit. Manchmal halfen Gin oder vom Hausarzt verschriebene Psychopharmaka. Die hießen damals „Mothers little Helpers“, weil Männer einige Jahre früher als Frauen starben, statistisch, was sich inzwischen, zu Ungunsten der Frauen, zunehmend angeglichen hat.

Findet mich das Glück?

Es gibt keine geheime Formel für Glückseligkeit. Sie wohnt ausschließlich in uns und wir müssen sie nur einfach finden. Außerdem führt Glückseligkeit, als Dauerzustand, zum Tod; allerdings einem glücklichen. (belegt durch eine Studie mit Primaten und Ratten)

Es gibt drei große Lebensirrtümer:

  • Dass man so planen kann, dass das Leben endgültig sicher wird.
  • Dass man lieben kann, ohne dass einem das Herz gebrochen wird.
  • Und dass man sich selbst bleiben kann, ohne sich dauernd zu verändern.

(David Whyte, Poet und Business-Coach)

Warum fürchten wir den Tod!

Er ist ungewiss. Sehr wahrscheinlich mit Schmerzen verbunden und es mangelt den meisten von uns an überzeugenden und trostspendenden Jenseitsvorstellungen. „Der Tod ist ein Skandal“, schrieb Elias Canetti, Schriftsteller und Nobelpreisträger, der sich sehr ausführlich mit dem Thema beschäftigt hat. Dann müsste doch der Umkehrschluss dieser Formel lauten: Wir lieben das Leben VOR dem Tod ­– und leben jeden Moment bewusst und intensiv im Hier und Jetzt.

„Wenn ihr das Leben genutzt habt, könnt ihr gesättigt und befriedigt scheiden. Und wenn ihr nichts damit habt anfangen können, wenn ihr es nutzlos vertan habt, dann kann es euch doch erst recht gleichgültig sein, wenn es weg ist; was wollt ihr denn noch damit?
(Michel de Montaigne, 1533-1592)

Es ist nie zu spät mit dem Beginnen

Wilm betreute einen Sterbenden, der Beamter gewesen war. Er erzählte Wilm, dass er viel lieber Schneider geworden wäre, wie sein Großvater, mit dem er als Kind viel Zeit verbracht hatte. Er sprach von der Entstehung eines Anzuges. Vom Zuschnitt des feinen Stoffes, des Innenfutters, dem Heften, den Anproben, den handgenähten Knopflöchern. Dem fertigen Sonntagsanzug. Da der Sterbende immer nur kurz bei Bewusstsein war, aber Wilm Tag und Nacht bei ihm, dauerte die Fertigung des imaginären Sonntagsanzuges genau so lang, wie ein realer Maßanzug gedauert hätte. Wilm sagte: „Ich wusste, als ich die handgenähten Knopflöcher fühlen durfte, und der vormals Beamte lächelte: Jetzt kann er gut sterben, denn das Meisterstück ist fertig.“

 

 

Gisela Zimmermann Filmemacherin, Autorin und Trauerbegleiterin

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