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„Friedhofsgeschichten – Marie“ ①

Unsere Autorin, Louise Brown war bis zum Tod ihrer Eltern nie auf dem Friedhof. Als Trauernde und später als Trauerrednerin lernte sie den Friedhof erst kennen – dann schätzen. Heute trifft sie Marie auf dem Friedhof Bergholz-Rehbrücke. Am Geburtstag ihres verstorbenen Mannes verstreut sie mit ihren Kindern Konfetti und isst Kuchen.

„Friedhofsgeschichten – Marie“ ①

Foto: Louise Brown

„Ich komme hierher, weil ich Mathis hier am nächsten sein kann und am ehesten mit ihm in Verbindung gehen kann. Das war vom ersten Moment an so. Wenn ich mit ihm ins Gespräch gehe, gucke ich in den Himmel und stelle mir vor, dass Mathis von dort herunterschaut. Ich habe das Gefühl, dass er hier ist.

Was ich am Friedhof noch mag?

Ich mag es, draußen zu sein und die Tiergeräusche zu hören, weil wir beide viel in der Natur waren. Hier bin ich auch im Kopf bei ihm und denke nicht an alle möglichen anderen Dinge. Es ist meine Zeit mit ihm und es ist ein bisschen, als wäre er hier.

Seit 14 Monaten komme ich jeden zweiten Tag hierher. Ich brauche es ganz doll für mich. Ich komme her, bevor ich zur Arbeit fahre und bevor ich meine Kinder abhole. Mal bleibe ich fünf Minuten, mal länger. Es ist meine Zeit mit Mathis.
Ich hatte nie einen grünen Daumen, aber hier ist es mir wichtig, dass die Pflanzen gut wachsen. Ich gebe viel Geld aus für Grabkerzen. Ich möchte nicht, dass er in der Nacht im Dunklen liegt. Bevor wir in den Urlaub fahren, sage ich ihm Bescheid. Immer wenn ich ankomme, klingele ich am Windlicht und sage: „Hallo, mein Herr Martin“ und wenn ich gehe, „Tschüss, mein Herr Martin“.

Für meine Kinder ist das Grab der Ort, an dem sie wissen, dass hier die Verbindung zu ihrem Papa ist. Hier erzählen sie, dass Papa gestorben ist, sonst reden sie ungern darüber.
An Geburtstagen kommen wir zum Friedhof: „Papa ein bisschen Kuchen bringen“. Wir lassen Luftballons steigen, sitzen hier und bemalen Steine. Sie können von den Himbeer- und Tomatensträuchern naschen, die wir gepflanzt haben. Es ist ein vertrauter Ort für sie.
Was es für sie schwierig macht, ist meine Trauer. Manchmal spielen sie hier ein Ballspiel, wenn ich am Grab etwas mache. Es ist ein Ort, der sich für sie wandelt, der wächst, der immer anderes ist. Neulich hat jemand Kohl auf das Grab gepflanzt. Die Leute wissen, dass ich mich darüber freue. Es ist jedes Mal anders und dadurch lebt es weiter.

Mathis ist am 27. Juni 2021 gestorben. Sein bester Freund war zu Besuch und wir haben draußen im Garten gefrühstückt. Mathis hat in der Küche aufgeräumt. Ich habe ihm einen Kuss gegeben und bin Duschen gegangen. Als ich runterkam, lag er auf dem Boden. Er hatte seine Brille zur Seite gelegt. Er war da bereits tot. Zwei Wochen vor seinem Tod hatte er Schmerzen in der Brust und war ängstlich. Er sagte: „Ich werde jung sterben.“ Wir hatten viele Pläne und bis dahin hatte ich ein Grundvertrauen ins Leben. Nie dachte ich, mir würde so etwas passieren.

Mathias Martin wurde am 27. September 1987 geboren. Er wuchs in Uder, einem Dorf in Thüringen auf. Sein Papa war Bürgermeister, seine Mutter arbeitete in der Gemeinde. Er hatte eine ältere Schwester, Steffi. Er hat sich mit seiner Familie gut verstanden und hatte bis zuletzt Freunde dort. Er mochte die Gemeinschaft dort, das Landleben, dass man mit dem Fahrrad alles abfahren konnte. Aber es war ihm auch klar, dass er nicht mehr zurückgehen wird. Es ist spannend, wie er dort herausgewachsen ist.

Als Kind war er gemütlich, hat sich gerne tragen lassen, hat ruhig gespielt. In der 9.Klasse ist er aufgeblüht, hat die Klasse bereichert, war lebhaft, laut, eloquent, belesen. Bei Feiern war er der Stimmungsaufheller. Er war politisch interessiert. 2008 ging er nach Erfurt, um Staatswissenschaften zu studieren. Warum dieses Fach? Ihn faszinierte das Konkrete, das Theoretische. Es musste für ihn greifbar sein. Zuletzt arbeitete er im Finanzministerium in Potsdam.

2009 hatten wir den gleichen Freundeskreis. Als Mathis für ein halbes Jahr nach Barcelona ging, haben wir uns viel geschrieben. Als er zurück war, waren wir abends tanzen und haben uns im Club geküsst. Was ich an ihm mochte? Seinen Humor. Ich fand ihn so lustig und unterhaltsam. Wir haben uns toll ergänzt. Er war liebevoll witzig. Er hatte immer Verständnis für mich. Wir sind gerne gereist. Waren zusammen in Asien, in Vietnam, China, Thailand. In Hostels und im Bus. Das kannte er nicht aus seiner Kindheit.
In der Elternzeit waren wir mit unserer Tochter in Australien. Er mochte es, am Strand zu liegen und ein Buch zu lesen, wollte aber auch die Stadt sehen und sich mit Leuten unterhalten. Er wollte alles entdecken, alles mitnehmen. Er hat gerne gegessen und hat an jedem Straßenstand geschaut, ob es dort besser schmeckt. Er ist weltoffen geworden.

Als Papa war er großartig. Bei den Geburten weinte er vor Glück. Als unser Sohn 8 Monate alt war, ist er in Elternzeit gegangen. Die Kinder waren sein alles. Wenn er im Home Office gearbeitet hat, konnten sie bei ihm etwas malen. Er hat mit ihnen gebastelt, sie sind auf ihm herumgeritten. Er war groß, bärig und hat gerne gekuschelt. Ich höre es immer noch, wie er im Hintergrund mit den Kindern gespielt hat.

Er hat gerne gearbeitet, wusste aber auch, dass er von seiner Arbeitsstelle weg will. Ihm waren die Strukturen zu eingestaubt.

Bei sich war er beim Rennradfahren. Das hat er mit einem Freund entdeckt.
Er war Schalke Fan. Schon mit drei Jahren war er mit seinem Papa beim Spiel. Er hat bis zuletzt täglich mit seiner Familie telefoniert. Er mochte Kaffee und ein gutes Bier mit Freunden. Er mochte Nilpferde, weil sie rund und gemütlich waren.

Fotos: Louise Brown

Fotos: Louise Brown

Er war geradeaus, vorsichtig und aufrichtig. Er hatte Angst um seine Gesundheit. Wenn er Probleme groß gesehen hat, haben wir sie gemeinsam heruntergebrochen. Ich konnte ihn gut beruhigen. Wenn ich wiederum Sorgen hatte, hat er mich genommen und mir einen Kuss gegeben. Trotz seiner Angst hatte er mit mir das Vertrauen, dass alles gut wird, und ich hatte das auch. Wir haben von einem Sabbatjahr geträumt; davon, ein Jahr im Ausland zu leben und ehrenamtlich Menschen zu helfen. Ein Jahr im Ausland zu leben, bevor die Kinder zur Schule gehen.
Ich vermisse es, abends mit ihm im Bett zu lesen. Ich bin oft auf seinem Bauch eingeschlafen. Zur Zeit seines Todes war er gut drauf. Er hatte gute Laune und Spaß. Er hat sich gefreut auf alles, was kommt: draußen zu sein, ins Theater zu gehen, auf den Sommerurlaub. Er war lebensfroh. Auch deshalb soll das Grab ein lebendiger Ort sein, nicht kalt oder traurig.“

 

Autorin: Louise Brown
Sie studierte Politikwissenschaft in Nordengland, Kiel und Berlin. Sie ist Journalistin und seit einigen Jahren auch als Trauerrednerin in Hamburg tätig. Dort moderierte sie auch das erste ›Death Café‹. In ihrem Podcast ›Meine perfekte Beerdigung‹ spricht sie mit Menschen darüber, wie sie einmal verabschiedet werden wollen.
Ihr aktuelles BuchWas bleibt, wenn wir sterben ist im Diogenes-Verlag erschienen.

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