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„Friedhofsgeschichten – Julia“ ②

Unsere Autorin Louise Brown war bis zum Tod ihrer Eltern nie auf dem Friedhof. Als Trauernde und später als Trauerrednerin lernte sie den Friedhof erst kennen – dann schätzen. Heute trifft sie Julia auf dem Friedhof Blankenese in Hamburg am Grab ihres verstorbenen Vaters. In den Wintermonaten stellt sie gerne eine Kerze an sein Grab, damit es dort nicht so dunkel ist.

„Friedhofsgeschichten – Julia“ ②

Foto: Louise Brown

„Das hier ist das Grab meines Vaters, Wolfgang Görlitz. Die Eltern meiner Mutter liegen auch hier. Als meine Großmutter starb, hat meine Mutter zusammen mit ihrem Vater das Grab ausgesucht. Sie ist gebürtige Hamburgerin und hat bis zum Tod meines Vaters in Bonn gelebt. Sie sagte damals: „Ich will wieder in meine Heimat.“ Heute lebt sie im Seniorenheim. Sie möchte hier auch liegen.
Meine Mutter wollte schon vor Jahren nach Hamburg, aber das wollte meinen Vater nicht. Er mochte nicht den Hamburger Winter. Am 21. Dezember sagte er immer: „Die gute Nachricht ist: ab heute werden die Tage wieder länger“. Damit es an seinem Grab nicht so dunkel ist, stelle ich in den Wintermonaten eine Kerze für ihn ans Grab.

 

Mein Vater war bei der Bundeswehr und hätte mit militärischen Ehren beerdigt werden können. Er wollte das auf keinen Fall. „Kostet unnötig Geld!“ sagte er. Er war total sparsam. „Mir reicht, wenn auf meiner Beerdigung die Vögel zwitschern.“

 

Nach der Trauerfeier trug ich seine Urne zum Grab. Der Weg fiel mir schwer. Dann sah ich ein Rotkelchen im Baum singen und hatte keine Angst mehr. Mein Vater hatte seine eigene Sprache. Wenn ihm bei der Gartenarbeit ein Rotkelchen nah gekommen war, sagte er: „Heute hat mich das Rotkehlchen wieder umgerannt“.

 

In der Zeit nach seinem Tod kam ich öfters zum Grab. Heute komme ich nicht mehr so oft, aber ich mache hier gerne eine Runde. Der Friedhof hat nichts Bedrückendes für mich. Es ist ein schöner Ort. Die Natur ist so spürbar. Dadurch fühle ich mich mit meinem Vater verbunden. Er hat die Natur geliebt.

 

Ich gehe gerne zum Grab, aber ich brauche es nicht mehr. Ich habe ihn verinnerlicht, dadurch ist er immer bei mir. Er ist 2017 krank geworden – eine seltene Krebsart. Er hat nie geklagt. Ich habe ihn nie auf dem Sofa liegen sehen. Nach der Pensionierung hat er seinen Traum erfüllt, in Bonn ein eigenes Haus zu bauen. Es hat zwanzig Jahre gedauert. Er hat alles alleine gemacht. Außer beim Dachbalken, da hat er gefragt: „Könnt ihr mir helfen?“ Als die Eltern meiner Mutter in Hamburg gestorben sind, hat er angefangen, deren Haus zu renovieren. Mit einundachtzig hat er dort noch Platten verlegt und Flaschenzüge gebaut, damit er schwere Dinge besser heben konnte. Er hat immer an irgendeinem Haus gewerkelt.

 

Mein Vater wurde am 4.3.1934 in Überschar, Schlesien geboren. Sein Vater war Gutsinspektor, er hat die Güter einer wohlhabenden Familie verwaltet. Seine Mutter hat auf dem Gut mit ausgeholfen. Sie hat die Hühner versorgt und auf dem Feld mitgearbeitet.

 

2015 war ich mit meinen Eltern in Schlesien. Mein Vater war sonst ein ruhiger Mensch, aber da sprudelte es aus ihm heraus. Vieles fiel ihm dort wieder ein. Das Gutshaus war in Endersdorf. Er sagte: „Ich bin unter einem Bernhardiner aufgewachsen.“ Er hat vom Duft der Linden erzählt und von den Lindenalleen. Auf dem Flur im Gutshaus hat er das Fahrradfahren gelernt.

 

1945 kamen die ersten Flüchtlingstrecks aus den annektierten polnischen Gebieten. Mein Großvater räumte die Stube im Gutshaus aus und versorgte die Flüchtlinge. Er bereitete den eigenen Aufbruch in den Westen vor. Mein Vater steuerte das einzige Auto im Dorf, das von einem Pferd gezogen wurde und den Dorftreck anführte. Er war erst elf Jahre alt.

 

Die Familie landete in Niedersachsen. Mein Vater Wolfgang war zwei Jahre nicht zur Schule gegangen, aber am Gymnasium Lingen machte er Abitur. Er interessierte sich für Naturwissenschaften und hat Biologie und Physik in Münster studiert. Als die Bundeswehr gegründet wurde, habe er „gar nicht lange gefackelt“ und hat sich bei den ersten Rekruten in Nörvenich, Niedersachsen angemeldet. Seine Motivation? Nach seinen Erlebnissen als Kind wollte er verhindern, dass es je wieder zum Krieg kommt.

 

Bei der Bundeswehr war er an vielen Standorten tätig: Nach der Offiziersausbildung in Faßberg und der Generalstabsausbildung an der Führungsakademie in Hamburg war er im Führungsstab der Luftwaffe im Verteidigungsministerium in Bonn. Er war Generalstabsoffizier des Oberbefehlshabers NATO Streitkräfte Europa Mitte in Holland und Kommandeur des Luftwaffenführungsdienstkommandos in Köln, um einige Stationen zu nennen.
Er hat gerne gearbeitet, mochte das Strategische und Planerische. Es war ihm wichtig, in einer Führungsposition zu sein und dadurch selbstbestimmt zu bleiben. Groß geschrieben hat er die Kameradschaft im besten Sinne, die er dort kennengelernt hat. Das Pompöse am Militär, die vielen Bälle, hat er erstmal abgeschafft.

 

Meine Mutter lernte er durch eine Zeitungsanzeige kennen. Sie hatte die Anzeige aufgegeben. Sie haben sich geschrieben und haben sich lange gekannt, bevor sie sich getroffen haben. Das erste Mal begegneten sie sich an der Alster im Alsterpavillon. Sie hat sich sofort wohlgefühlt, es ging eine Wärme von ihm aus. 1968 haben sie geheiratet. Meine Mutter sagte: „Papa war mein bester Freund.“

 

1971 wurde mein Bruder Martin und 1973 wurde ich geboren. Wie war Wolfgang als Vater? Wenn ich an meine Kindheit denke, geht mir das Herz auf. Er hat uns gewickelt, die Flasche gegeben, uns morgens versorgt als Baby, was für Väter damals ungewöhnlich war. Er hat sich gekümmert, hat uns mit einer Engelsgeduld beigebracht, unseren Napf mit Haferflocken auszukratzen oder Fahrradzufahren. Es gab regelmäßig eine „Tobestunde“. Dann wurden im Keller Matratzen ausgelegt und wir haben geturnt und getobt. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, legte ich mich zu meinem Bruder oder ins Elternbett, vorwiegend auf der Seite meines Vaters. Sonntags nahm er mich Huckepack und dann haben wir die Rollläden aufgemacht.

 

In der Schulzeit hat er mit mir Mathe und Physik gelernt. Er war auch streng. In der Pubertät trafen zwei Welten aufeinander, die sachliche und emotionale. Er hat uns aber auch die Liebe zur klassischen Musik vermittelt. Er mochte am Liebsten Wiener Klassik: Beethoven, Mozart, Haydn. Er hat in der Offiziersakademie viel Radio gehört und mochte Radioaufnahmen von Opern und Konzerten. Wenn er abends vom Dienst nach Hause kam, stand die Tür von seinem Arbeitszimmer auf, wo er ebenso Musik hörte. Als Familie hatten wir ein Abo und sind Sonntags ins Theater, in die Oper oder ins Ballett gegangen. Was ich dort mitgenommen habe, hat mich für das Leben geprägt.

 

Als ich in England studiert habe und es mir nicht gut ging, habe ich mit meinem Vater telefoniert, statt mit meiner Mutter. Er hat mich in dieser Zeit ermutigt. Es war das erste Mal, dass wir über Gefühle gesprochen haben. Von da an taten wir das mehr.
Wir haben als Familie Urlaub an der Nordsee gemacht, aber ich habe ihn nie am Strand liegen sehen. Er hat eher mitgebaut, wenn wir ein Boot aus Sand gemacht haben, das dann als einziges Werk standgehalten hat, weil er uns bauplanerisch unterstützt hat.

 

Auf seiner letzten Visitenkarte stand „Luftwaffenführungsdienstkommando – German Air Force Communications and Electronics Command“. Mit 57 wurde er pensioniert. Danach hat er sich generalsstabmäßig Aufgaben gesucht: Er wurde Oberstufensprecher der Eltern und war bei jedem Elternsprechtag. Anfangs hat er den Haushalt neu organisiert. Nach seinem Tod habe ich in der Speisekammer einen Stapel Combat Rations von 1979 entdeckt. Dann kam das Projekt mit dem Hausbau. Warum? Sicher aus seinem Sicherheitsdenken heraus. Er hatte erlebt, wie man alles verlieren kann. Er machte es für uns, damit wir Kinder ein Dach über dem Kopf haben. Es war ihm wichtig, dass wir versorgt sind.

 

Wann war er glücklich?
Wenn er etwas schaffen konnte. Im Garten. Sein Beruf war wichtig für ihn. Ein Brief von der damaligen Verteidigungsministerin zum 80. Geburtstag hat er allerdings in den Papierkorb geworfen: Lob war ihm nicht wichtig. Als Deutschland wiedervereint wurde und er dadurch in die Heimat konnte. In Schlesien hatte er zum ersten Mal feuchte Augen.

 

2017 wurde er krank mit Rückenschmerzen. Der Krebs war gewandert. Den hatte er 1982 erstmals gehabt. Im Krankenhaus hat er nie geklagt. Er war für meine Mutter und für uns der Fels in der Brandung. Beim Arzt sagte er: „Ich hatte ein schönes Leben.“

Autorin: Louise Brown
Sie studierte Politikwissenschaft in Nordengland, Kiel und Berlin. Sie ist Journalistin und seit einigen Jahren auch als Trauerrednerin in Hamburg tätig. Dort moderierte sie auch das erste ›Death Café‹. In ihrem Podcast ›Meine perfekte Beerdigung‹ spricht sie mit Menschen darüber, wie sie einmal verabschiedet werden wollen.
Ihr aktuelles BuchWas bleibt, wenn wir sterben ist im Diogenes-Verlag erschienen.

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