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Eigenwillig sterben

Ob es möglich ist, in den Tod einzuwilligen, habe ich mich angesichts des Sterbens eines guten Freundes gefragt. Er hat eineinhalb Jahre gegen eine schwere Krebserkrankung gekämpft und bis wenige Tage vor seinem Tod auf Heilung gehofft (Trauer Now: „Ins Sterben einwilligen“). Nun ist er gestorben. Letztlich für uns alle plötzlich und unerwartet.

Eigenwillig sterben

Obwohl er schon lange schwer krank war, hat uns der Tod überrascht. An vielen Tagen und Wochen war ich innerlich vorbereitet. Nicht an dem Tag, an dem er tatsächlich gestorben ist. Am Ende kommt der Tod fast immer anders, als wir es uns vorstellen!

Wir hatten das Wissen um seine schwere Krankheit irgendwann in den Hintergrund geschoben. Weil er so sehr an seine Genesung geglaubt hat, wollten wir mit ihm daran glauben. Alles andere wäre uns wie ein Verrat an seiner Hoffnung vorgekommen. Wir wollten mit ihm an das Wunder glauben – gegen alle medizinischen Fakten.
Die Krebserkrankung war schon bei der ersten Diagnose weit fortgeschritten und der Tumor hatte bereits gestreut. Eine Operation war nicht möglich und ob die Chemotherapie wirklich helfen würde, war fraglich. Aber die Chemo war sein Hoffnungsanker, den ihm keiner nehmen wollte. Dass er in eine Studie zur Erprobung einer neuen Chemotherapie aufgenommen wurde, war für ihn wie ein Sechser im Lotto.

Nach einem Jahr massiver Chemo spitzte sich sein Zustand so zu, dass die Pflege zu Hause nicht mehr zu leisten war. Mit Atemnot, Appetitlosigkeit und einem quälenden Husten war er fast nicht mehr ansprechbar. Um seine Ehefrau zu entlasten, konnte ein Bett auf der Palliativstation organisiert werden. Welch ein Glück, dachte ich. Gleichzeitig befürchtete ich, dass er das nicht so sehen würde. Er wusste, was palliativ bedeutet. Er hatte die segensreiche Arbeit der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) bereits erfahren. Sie hatte ihm mit einer schmerzlindernden Therapie neue Lebensqualität ermöglicht. Aber für ihn hatte das Wort palliativ immer den Tod im Gepäck. Wie also sollten wir ihm die Palliativstation als Option vermitteln?
Dann kam alles anders. Einen Tag bevor er in der Palliativstation aufgenommen werden sollte, wurde eine Covid-Erkrankung festgestellt. Auch seine Frau war positiv. Wie sollte das jetzt gehen, da auch sie als Pflegende schon lange erschöpft war? Ohne Unterstützung durch Freunde und Verwandte? Wie sollte jetzt Quarantäne gehen, wo Hilfe dringend nötig war?

Das Horrorszenario eines einsamen Sterbens

Alle ambulanten Dienste waren zu diesem Zeitpunkt am Anschlag und kamen nur noch reduziert, da jeder Besuch mit einem riesigen Aufwand, mit Schutzanzügen und Masken, verbunden war. Es war Oktober 2021, die nächste Corona-Welle lauerte. Uns allen stand das Horrorszenario eines einsamen Sterbens vor Augen. Die Rettung kam durch ein Krankenhaus, in dem beide auf der Covid-Station aufgenommen werden konnten, im gleichen Zimmer und in engem Kontakt mit der Palliativstation. Es waren zwei anstrengende Wochen voller Angst und Anspannung, beide reduziert auf wenige Quadratmeter Krankenzimmer, mit vermummtem Pflegepersonal, das nur selten zu sehen war. Ausnahmezustand in jeder Hinsicht.

Neue Hoffnung

Von dieser Zeit im Krankenhaus wusste der Freund später fast nichts mehr. Aber danach ging es ihm so gut wie seit Monaten nicht. Die Chemo-Pause und die Behandlung im Krankenhaus hatten ihm offensichtlich gutgetan. Dann hatte er sieben gute Monate mit Höhen und Tiefen, aber mit viel Lebensqualität – noch einmal Weihnachten in der Familie, noch einmal Ostern, noch einmal der Geburtstag des Enkels, noch einmal Sommer im Garten, noch einmal… Er schöpfte neue Hoffnung, dass der Krebs doch zu besiegen sei.
Der Einbruch kam mitten in dieser Hochphase. Eine massive Wassereinlagerung erzwang einen erneuten Krankenhausaufenthalt. Die Ärzte führten ihm deutlich vor Augen, wie es wirklich um ihn stand. Von neuen Metastasen in der Lunge war die Rede, erstmals wurde ärztlicherseits von einer weiteren Chemo abgeraten. Dem Freund war jetzt klar, dass es für ihn keine Heilung geben würde. Darüber gesprochen hat er nicht.

Wieder zu Hause sein

Zu Hause liefen unterdessen die Vorbereitungen für seine Entlassung auf Hochtouren. Pflegebett, Urinflasche und Windeln und sonstige Hilfsmittel waren bestellt. Wir wussten, dass der Tausch vom Ehebett zum Pflegebett für ihn schwierig sein würde, aber anders würde es nicht mehr gehen. Wir hofften, dass er sich darauf einlassen würde, weil es ihm so kostbar war, wieder zu Hause zu sein.

Am Tag, als das Pflegebett geliefert werden sollte, starb er in der Frühe im Krankenhaus. Am Vorabend seines Todes schickten die Pflegenden seine Frau nach Hause, um sich auszuruhen. Sein naher Tod war an diesem Abend nicht absehbar. Am Morgen kurz vor 6.00 Uhr kam die Nachricht. Für seine Frau völlig unvorbereitet. Für sie, die ihn eineinhalb Jahre rund um die Uhr begleitet hatte, war es schwer auszuhalten, dass er alleine gestorben war. Er hatte es so entschieden.

Wie geht das: Ins Sterben einwilligen?

Ob er schließlich in seinen Tod eingewilligt hat? Ich weiß es nicht. Wir konnten bis zum Schluss nicht mit ihm darüber reden, auch wenn er in den Wochen vor seinem Tod manchmal Andeutungen machte, dass es so kein Leben mehr sei. Als er begriff, dass die Chemo nichts mehr brachte, verließ ihn die Kraft zu kämpfen. Über das Sterben sprechen konnte er trotzdem nicht. Noch am Abend vor seinem Tod war es ihm wichtig, auf eigenen Beinen zur Toilette zu gehen. Alles andere wäre unter seiner Würde gewesen.

Wie geht das: Ins Sterben einwilligen? Eine große Frage! Wie und ob es geht, werden wir wohl erst wissen, wenn wir selber gefragt sind. Hilfreich ist es, darüber mit nahen Menschen sprechen zu können.

Auf dem Gesicht des verstorbenen Freundes war ein großer Friede zu sehen. Keine Anzeichen eines Todeskampfes. Als es so weit war, hat er wohl eingewilligt. Da war er ganz allein. Bis zum Schluss eigenwillig – selbstbestimmt. Es war ein Trost, dass es so aussah, als ob es leicht gewesen wäre: „Den eigenen Tod, den stirbt man nur“ so sagt es Mascha Kaléko. „Doch mit dem Tod der andern muss man leben.“
Mit seinem Tod und mit der Lücke weiterzuleben, diese Aufgabe steht noch aus. Wir als Zu- und Angehörige müssen jetzt in ein Leben ohne ihn einwilligen und dürfen ihn im Herzen behalten.
Ich als Hospiz-erfahrene Freundin hätte ihm ein anderes Sterben gewünscht – entweder im Hospiz, oder auf der Palliativstation oder zu Hause ambulant palliativ begleitet. Aber das waren meine Vorstellungen. Für sein Leben und Sterben hat er anders entschieden. Dass er schließlich im Krankenhaus starb, hat zu seinem Weg gepasst. Sein eigenwilliges Sterben war bewundernswert konsequent. Zu wissen, dass wir alles getan haben, was wir tun konnten und dass er bis zum Schluss seinen Weg gehen durfte, war für alle ein großer Trost. Es war sein Leben, das er nach seinen Vorstellungen gelebt und vollendet hat.

 

 

Dr. Angelika Daiker, Theologin, Germanistin  
Von 2007 – 2017 leitete sie das Hospiz St. Martin in Stuttgart, das sie auch konzeptionell aufgebaut hat.
Ihr besonderer Blick galt immer der Begleitung Trauernder. A. Daiker ist Autorin vieler Bücher im Bereich Trauer- und Sterbebegleitung.

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