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Campus Vivorum – Impulsort für Friedhöfe der Zukunft

Heilsame Trauer braucht Wertschätzung und neue Freiräume. Wie individuelle Abschieds- und Erinnerungsarbeit, die auf Friedhöfen – speziell auch bei pflegefreien Grabformen – oft (noch) nicht gestattet ist, besser gelingen kann, zeigt das neu eröffnete Experimentierfeld Campus Vivorum. Ein Plädoyer für den Friedhof der Zukunft als wichtigen Ort der Trauerbewältigung.

Campus Vivorum – Impulsort für Friedhöfe der Zukunft

© Achim Eckhardt

Im Ort Süßen in Baden-Württemberg, nah am Waldrand und etwas versteckt gelegen, erstreckt sich der Campus Vivorum. Ein Experimentierfeld, auf dem Strategien, Konzepte und Gestaltungsbeispiele für einen Friedhof der Zukunft erlebbar werden. An diesem besonderen Ort werden, auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse, Lösungen und Handlungsperspektiven aufgezeigt, die ganz individuelle Trauer- und Abschiedsräume eröffnen. Gleichzeitig wird der Friedhof der Zukunft als öffentlicher Raum und wichtiger Bestandteil von Kommunen neu gedacht und erhält Impulse für die zukunftsgewandte Ausrichtung hin auf die Bedürfnisse der Menschen der heutigen Gesellschaft. Denn Friedhöfe sind Ort der Toten, und aus Sicht von Expertinnen und Experten auch wichtige Handlungs-Räume der Lebenden. Der Campus Vivorum setzt ein mutmachendes Zeichen für die Vielfalt von Trauer- und Erinnerungsbedarfen und lädt zum Mitgestalten ein.

Ein Ort, so individuell und vielfältig wie die Trauer

Es gibt keine Blaupause, keine eins-für-alle-Lösung, wenn es darum geht, was Menschen in Trauer helfen kann. Zudem können sich Bedürfnisse über die Zeit ändern. Was heute gut tut, kann in einigen Jahren vielleicht anderen Wünschen weichen. Wie Beisetzungsorte diesen Anforderungen gerecht werden können, wird im Campus Vivorum sichtbar.

Für trauernde Menschen stehen zumeist die individuellen Beisetzungsorte im Mittelpunkt. Der Campus Vivorum zeigt Optionen auf, gibt Inspiration und lädt zum Entdecken ein. Erd- oder Urnenbestattung, individuell oder gemeinschaftlich: An verschiedenen Beispielen können Besucherinnen und Besucher erforschen, welche Beisetzungsart und -ausgestaltung zu ihren Ansprüchen, Bedürfnissen und Gewohnheiten passt. Allen hier gezeigten Grabvarianten ist eines gemeinsam: Hinterbliebene erhalten hier einen Rahmen für individuelle Trauerhandlungen, ohne eine Grabpflege durchführen zu müssen.

Ein kleines Detail in der Gestaltung des Experimentierfeldes lädt dabei zu einer besonderen Reflexion ein. Was, wenn Zugehörige nicht direkt entscheiden müssten, wo die Urne eines lieben Menschen ihren Platz finden soll? Wenn es einen Ort auf dem Friedhof gäbe, an dem die Urne in angemessener Umgebung eine gewisse Zeit verweilen kann, um durchzuatmen und zur Ruhe kommen zu können– bis dann der passende Beisetzungsort gewählt wird? Räume wie diese, die Menschen in ihren Abschiedsprozessen begleiten und ihre Emotionen ernst nehmen, können Wegbereiter sein für einen neuen Umgang mit Trauer und Verlust – und sind oft mit einfachsten Mitteln und geringem Einsatz realisierbar.

© Achim Eckhardt

Beisetzungsorte, die Hinterbliebenen ein selbstbestimmtes Handeln erlauben, helfen bei der Umwandlung der Beziehung zu den Verstorbenen. Durch die Möglichkeit zur individuellen Grabgestaltung und -handhabung wie z.B das Ablegen von Gegenständen oder Erinnerungsstücken können ganz persönliche Erinnerungsorte mit hoher Relevanz für die Zugehörigen entstehen. Wie das aussehen kann, zeigen die vielfältigen Beispiele auf dem Experimentierfeld. Friedhöfe der Zukunft sollten, angelehnt an die hier vorgedachten Konzepte, verstärkt flexible Möglichkeiten schaffen, welche die Hinterbliebenen einerseits – falls gewünscht – von der regelmäßigen Grabpflege entbinden, ohne ihnen andererseits grundsätzlich die Option zu nehmen, sich aktiv einzubringen. Im Mittelpunkt stehen private Abschieds- und Trauerorte, an denen Menschen Schutz und Geborgenheit finden.

„Ach, das kann man machen?“ – Der Campus Vivorum als Gesprächsimpuls

Viele Menschen, die die Beisetzung einer ihnen lieben Person planen, wissen nicht, welche Vorstellungen und Wünsche der Partner, die Großmutter oder der beste Freund zu Lebzeiten für die eigene Bestattung hatte. Zugegeben: Die Frage „Wie möchtest du einmal beigesetzt werden?“ geht den wenigsten von uns leicht über die Lippen. Und gleichzeitig steht „Meine eigene Beerdigung planen“ relativ selten auf den To-Do-Listen der Menschen. Sicherlich auch, weil wir im Alltag ohne eine eigene Betroffenheit kaum mit Fragestellungen wie diesen in Kontakt kommen.

Auf dem Campus Vivorum schlendern Menschengruppen durch die einzelnen Bereiche, betrachten auch die Grabgestaltungen, halten immer wieder inne, um besondere Details in den Blick zu nehmen und tauschen sich über eigene Vorlieben aus. Bei einem besonders individuellen Erinnerungsfeld stehen zwei Frauen. „Ach, das kann man machen?“ sagt die eine zur anderen. Ich spreche die beiden an. Es sind Mutter und Tochter, die das Experimentierfeld gemeinsam begehen. Was ihnen besonders gefällt, frage ich. „Wir interessieren uns eigentlich für Gartenbau und wollten uns einmal anschauen, was hier entsteht.“ sagt die Mutter. Die Tochter lacht und fügt hinzu „Und jetzt reden wir aber die ganze Zeit darüber, welche Grabgestaltung wir uns für die eigene Beisetzung vorstellen könnten.“ Ob es denn das erste Mal sei, dass sie über die eigene Beisetzung reden? Die beiden schauen sich kurz an. „Naja – nach dem Tod meines Mannes vor einigen Jahren haben wir schon mal gesagt, dass es gut wäre, hier besser vorbereitet zu sein. Aber irgendwie haben wir nie den richtigen Moment gefunden. Es war immer unentspannt und komisch.“ Die jüngere Frau ergänzt: „Hier fällt das Gespräch darüber aber leicht. Weil wir uns an dem, was wir sehen, entlangleiten lassen können. Und es ist so schön konkret! Ich kann sagen: Das finde ich toll, das weniger.“

© Achim Eckhardt

Der Campus Vivorum macht den Friedhof der Zukunft als Ort der individuellen Ausgestaltung erfahrbar – und gibt Inspiration für den eigenen Umgang mit Abschied und Erinnerung. Besucherinnen und Besucher spüren: Hier werde ich als trauernde Person ernst genommen, wertgeschätzt und darf aktiv werden, mich einbringen und Wünsche äußern. Durch diese Erfahrung können Menschen Mut fassen, in den Austausch mit ihren An- und Zugehörigen zu treten. Ganz leicht, mit konkreten Ideen und Impulsen im Gepäck.

Schulterschluss mit Gleichgesinnten und Gestaltern

Der Campus Vivorum geht einen wichtigen Schritt hin zu einem integrativen, weitergedachten Umgang mit Trauer und Abschied. Er zeigt individuelle Möglichkeiten für Menschen in Trauer auf – ist aber gleichsam auch Begegnungsort und Lehrfeld für die, die Friedhöfe und Trauerorte hauptberuflich mitgestalten und zukunftsfähig ausrichten wollen.

Eine Friedhofsverwalterin, die den Campus Vivorum zur Eröffnung besucht, strahlt: „Wir haben bei uns in der Kommune so viele Ideen, wie wir unseren Friedhof zukünftig gestalten wollen – in der Theorie. Und hier kann ich mich mit Menschen austauschen, die diese Veränderung schon leben. Ich erhalte Tipps und kann mir Inspiration auf dem Feld holen. Das motiviert mich total!“ Sie sei außerdem überrascht, mit welchen kleinen Schritten und Veränderungen gestartet werden könne. Der „Garten der Sinne“ habe es ihr und ihren Kollegen besonders angetan: Trauer, Verlust und Erinnern mit allen Empfindungen ansprechen zu können, sehe sie als einen großen Zugewinn. „Wir haben Besucherinnen und Besucher, die können zum Beispiel nicht mehr gut sehen. Sie erinnern sich aber genau an den Geruch des Lavendels im Frankreich-Urlaub mit ihrer verstorbenen Frau oder denken immer an ihren Mann, der den Ostsee-Strand so liebte, wenn sie die nackten Füße im feinen Sand vergraben. Es ist doch wunderbar, wenn wir diesen Erinnerungen einen Raum geben können.“

© Achim Eckhardt

Und auch zur individuellen Grabgestaltung findet sich auf dem Campus Vivorum viel Inspiration. „Die erste Sorge bei Zugehörigen ist oft, dass sie sich einen individuellen Grabstein für die verstorbene Person nicht werden leisten können“ berichtet mir ein Bestatter. „Wir haben bei diesen Dingen ja auch einen Beratungsauftrag – und da ist es toll, hier Ideen zu sammeln, wie ganz persönliche Grabflächen auch mit einem schmaleren Geldbeutel realisiert werden können.“ Er schätze außerdem den gewerkeübergreifenden Austausch, der zur Eröffnung möglich gewesen sei. „Oft stecken wir ja alle sehr in unserem jeweiligen Tagesgeschäft – da ist so ein gemeinsames Ideen-Spinnen hilfreich, immerhin haben wir ja alle dasselbe Ziel. Wir wollen Menschen in Notlagen bestmöglich unterstützen.“

Den Friedhof der Zukunft gemeinsam gestalten

Individuelle Trauerarbeit gibt Zugehörigen Halt und kann das Band des Miteinanders mit der verstorbenen Person weiterknüpfen. Der Campus Vivorum möchte Möglichkeiten aufzeigen, wie der zukunftsgewandte Umgang mit den vielfältigen Bedürfnissen trauernder Menschen gelingen kann. Im Mittelpunkt steht dabei, den Friedhof der Zukunft von einer reinen Ruhestätte hin zu einem lebendigen Ort der Erinnerung für die Lebenden zu entwickeln – zu einem Ort der Begegnung und des Miteinanders, an den wir gerne gehen. Ein Beitrag, um das menschliche „Füreinander Dasein“ zu stärken und das „gesellschaftliche Miteinander“ zu fördern und zu festigen. Hier ist das Engagement aller gefragt: von Bürgermeister:innen, Friedhofsverwalter:innen, Entscheidern in Kommunen und Kirchen – und nicht zuletzt von Bürgerinnen und Bürgern, die ihre Bedürfnisse kennenlernen und äußern. Gemeinsam können wir einen Friedhof gestalten, der uns (wieder) wirklich dient. Los geht´s.

 

Autorin: Sarah Zinn

 

 

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Im Ort Süßen in Baden-Württemberg öffnete am 29. Juni 2023 ein einmaliges Experimentierfeld für die Friedhofsentwicklung seine Pforten. Der „Campus Vivorum“ umfasst ca. 6.000 Quadratmeter und wurde von der Initiative „Raum für Trauer“ realisiert. Ideeller Träger ist die Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal. Auf dem Gelände werden Lösungen zur künftigen Entwicklung kommunaler und kirchlicher Friedhöfe praktisch erfahrbar gemacht.

Mehr Informationen: https://raum-fuer-trauer.de/campus-vivorum/

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