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Bestatter-Ethos

Bestatter haben eine sehr wichtige Aufgabe, denn ihre Arbeit prägt oft den weiteren Trauerweg. Für Beisetzungen gibt es viel weniger Regeln als oft angenommen – und so ist eine vertrauensvolle, sachkundige und vorausschauende Beratung umso wichtiger.

Bestatter-Ethos
© Rosa Fux/Kinder-Ausstellung „Erzähl mir was vom Tod“
Als die Urne mit dem Union-Berlin-Fan ins Grab gelassen wird, schallt die von Nina Hagen gesungene Vereinshymne über den Friedhof. Die Urne ist kugelrund wie ein Fußball und in den Vereinsfarben rot-weiß gehalten.

Diese Szene aus der Netflix-Serie „Das letzte Wort“ könnte schon bald Realität sein. Und der Berliner Bestatter Eric Wrede https://www.lebensnah-bestattungen.de/das-sind-wir hat Ähnliches schon einmal gemacht, wie die Schauspielerin Anke Engelke der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ erzählt. Als Trauerrednerin Karla Fazius ist sie der Star der Serie. Nachdem ihr Mann völlig überraschend verstirbt, beginnt sie sich mit Beerdigungen zu beschäftigen. Was sie sieht, gefällt ihr nicht. Daher macht sich auf, farbenfrohe und fröhliche Feste für die Hinterbliebenen zu inszenieren.

Bei den von ihr arrangierten „letzten Reisen“ gibt es alles Mögliche, nur eines nicht – Regeln. Zwar hat Deutschland eine Bestattungspflicht, die noch aus dem Preußischen Landrecht von Anfang des 19. Jahrhunderts stammt und regelt, dass Verstorbene an einem dafür vorgesehen Ort, wie Friedhöfen oder Beisetzungswäldern, beigesetzt werden müssen. Doch abgesehen davon können die Hinterbliebenen eine Beerdigung fast vollständig nach eigenem Belieben organisieren und haben mit einem achtsamen Bestatter viele Freiräume.

Der Trauerweg zwischen Tod und Beerdigung

Weil die Angehörigen sich meist in einer psychischen Ausnahmesituation befinden, orientieren sie sich fast immer an dem, was ihnen der Bestatter oder die Bestatterin ihrer Wahl vorschlägt. Umso wichtiger ist es deshalb, dass diese ihrer Beratungsaufgabe umfassend und verantwortungsbewusst nachkommen. Angehörige sollten deshalb gut prüfen, wie wohl sie sich mit dem gewählten Bestatter fühlen – und im Zweifel auch nicht zögern, ein anderes Unternehmen anzurufen.

Denn die Beratungsarbeit des Bestatters ist sehr wichtig: Alles, was zwischen Tod und Beerdigung geschieht, kann den weiteren Trauerweg beeinflussen. Alles was in dieser Zeit gelebt, also bewusst zelebriert wird, kann nur schwer nachgeholt werden.

Persönlicher Abschied statt Standard

Zu einer guten Vorbereitung einer persönlichen und dem Verstorbenen gemäßen Abschiedszeremonie können sich die Bestatter beispielsweise an den „Sieben Mediatoren der Trauer“ von J. William Worden orientieren. Hier findet sich eine Vielzahl von Faktoren, die das individuelle Erleben der Trauer und auch die Art und Weise, wie Menschen die Traueraufgaben angehen, beeinflussen. Es spielt eine Rolle, wer gestorben ist, in welchem (Verwandtschafts-)Verhältnis die Personen lebten und wie die Beziehung zwischen ihnen aussah. Auch die näheren Umstände und der Ort des Todes sind relevant.

Mindestens ebenso wichtig ist es, auf die Bedürfnisse der Angehörigen einzugehen. „Ein guter Bestatter wird Angehörige immer danach fragen, was ihnen in ihrer Trauer gut tut“, sagt Achim Eckhardt, der zum Trauer-now-Redaktionsteam gehört und Bestatter und Trauerbegleiter ist. Er habe beispielsweise oft erlebt, dass viele Angehörige ihre Verstorbenen durchaus ein wenig länger zuhause haben wollten, um auf ihre Art Abschied nehmen zu können, beispielsweise mit einer Totenwache. Viele sind zu eingeschüchtert oder wissen nicht, dass dies ihr gutes Recht ist. All diese Fragen müssten vorsichtig im Gespräch abgefragt werden. Und es sei eine wichtige Aufgabe des Bestatters, die Angehörigen auf ihre Möglichkeiten hinzuweisen und nicht nur den Standard zu verkaufen.

Ideen für Abschiede unter Corona-Bedingungen

Was geht auch unter Corona-Bedingungen? Warum nicht das Lieblingsrezept der Verstorbenen an die Trauergemeinde verteilen oder verschicken, wenn der Leichenschmaus nicht möglich ist? Oder ein gemeinsames Ritual vereinbaren: Die Trauergäste kochen zur gleichen Uhrzeit die Leibspeise der Verstorbenen, zünden eine Kerze an ­– mental sind alle mit allen verbunden.

Jan Möllers, Bestatter in Berlin, hat eigens einen kleinen Film mit Ideen für persönliche und liebevolle Bestattungsfeiern in Corona-Zeiten gedreht und auf seine Webseite gestellt.
http://www.memento-bestattungen.de/newpage

Inspiriert von den Balkon-Konzerten aus der Anfangszeit der Pandemie, entstand die Idee, dass sich die Trauergäste, die sich vor Ort nicht sehen dürfen, beispielsweise verabreden, das Lieblingslied des Toten genau dann zu spielen, wenn der Sarg oder die Urne ins Grab gelassen würde und diesen Moment mit einem Handy-Video festhalten. So könnte eine liebevolle Kollage für die Hinterbliebenen entstehen. Unter dem Hashtag #abschiedgestalten sammeln Möllers und sein Team weitere Ideen.

Gute tröstende Ideen findet man auch in anderen Ländern. In Holland ist es üblich, dass der letzte Weg der Verstorbenen an wichtigen Stationen ihres Lebens vorbeiführt. Also fährt der Bestatter den Sarg beispielsweise am Hauptquartier der Freiwilligen Feuerwehr vorbei, am Sportplatz, der Stammkneipe oder an der Lieblingsbank im Stadtpark.

„Macht euren Job“

David Roth vom Bestattungshaus Pütz-Roth in Bergisch-Gladbach/Köln formuliert einen drastischen Appell an seine Zunft. „Hört bitte auf zu jammern und macht euren Job“, sagte er dem Radiosender SWR2. Er weist darauf hin, dass auch Covid-19-Tote selbstverständlich im Sarg bestattet werden könnten und nicht nur in der Urne eingeäschert werden müssten. Auch dürften die Hinterbliebenen diese Toten noch einmal sehen, was umso wichtiger sei, da ihnen dieser letzte Blick auf die Verstorbenen durch den vorherigen Krankenhaus-Aufenthalt oft nicht möglich war.

Auch Roth hebt die Verantwortung der Branche hervor, noch genauer die Wünsche der Angehörigen zu erforschen und diese dann auch zu ermöglichen. „Allein Ihre Bedürfnisse zählen“, steht auf seiner Webseite. In einem eigens angefertigten Video zitiert Roth die Lyrikerin Mascha Kaléko: „… den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andren muss man leben.“ https://www.puetz-roth.de/allein-ihre-beduerfnisse-zaehlen.aspx

Der holprige Weg zum Ort der Trauer

Seit einigen Jahren sind Beisetzungswälder als Orte der letzten Ruhe angesagt. Man hört immer wieder, dass Bestatter nicht selten hohe Provisionszahlungen erhalten, wenn sie Begräbnisstellen in diesen Wäldern verkaufen. Auch kann sich der holprige oder aufgeweichte Weg zu diesem Ort für die Angehörigen oft schwierig gestalten. Zu bedenken ist auch, dass in den Wäldern bis auf einen Klingelschild-großen Namen nichts an den Verstorbenen erinnern darf. Die Möglichkeit für Angehörige, dort direkt am Beisetzungsort ihres Verstorbenen, ihre Trauer so zum Ausdruck bringen zu dürfen, wie sie es zu Ihrer Bewältigung wünschen und benötigen, wird nicht zugelassen – ist verboten. Aber genau diese kleinen Trauerhandlungen bzw. Trauerrituale, wie z.B. das Einpflanzen oder Ablegen von Blumen und Erinnerungsstücken, oder das Anzünden von Lichtern, sind aus psychologischer Sicht für viele Angehörige sehr wichtig und hilfreich in ihrem Trauerprozess. Durch diese Trauerrituale direkt am Beisetzungsort wird die vermisste und gewünschte Nähe zum Verstorbenen hergestellt und die Zuneigung und Liebe zum Ausdruck gebracht.

Deshalb sollte man sich sicher sein, dass der gewählte Ort den Ansprüchen der Hinterbliebenen gerecht wird. Eine Trauerbegleiterin berichtet von einer Klientin, die im Frühjahr bemerkte, dass ein vielbefahrener Mountainbike-Weg direkt am Baum-Grab ihres Mannes vorbeiführte. Das hatte ihr die Bestatterin nicht gesagt, als sie ihr das Grab im Beisetzungswald verkauft hat. Die Frau war so verzweifelt, dass sie die Urne ihres Mannes wieder ausgraben wollte, um ihn „an einem sicheren Ort – mit Ruhe für meine Trauer“ zu beerdigen.

Vorsorgeverträge helfen bei Entscheidungen

Damit sich die An- und Zugehörigen in Ruhe gut entscheiden können, benötigen sie eine sicher zeitintensive und vor allem eine einfühlsame, vorausschauende Beratung. Es ist ratsam bereits vor Eintritt eines Trauerfalls einen Vorsorgevertrag abzuschließen. Dabei können die Wünsche aller Beteiligten besprochen werden. Denn wenn der Trauerfall eintritt und der „wilde Schmerz“ da ist, sind die Trauernden nicht mehr ansprechbar für Entscheidungen mit Tragweite.

Margaret Heckel
Die Journalistin/Autorin Margaret Heckel schreibt über Wirtschafts- und Politikthemen
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