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Wenn Worte nicht mehr erreichen

Wie sich die Sprachlosigkeit angesichts des Trauerschmerzes überwinden lässt. Trauer muss nicht in erster Linie «überwunden», oder «verarbeitet» werden, sondern will begleitet sein.

Wenn Worte nicht mehr erreichen
Eine Frau sucht mich auf. Vier Wochen zuvor hatte ich ihre betagte Mutter beerdigt. Ihr schwer dementer Vater lebt noch. Aber 30 Jahre zuvor hatte sich der Bruder das Leben genommen. Als er 25 Jahre alt war. Die Familie hielt am «Narrativ» fest, es habe sich um einen «Unfall» gehandelt, und hatte den Suizid mehr oder weniger totgeschwiegen. Und jetzt, nach dem Erledigen aller Formalitäten für den Abschied von der Mutter, kommt plötzlich die damals und seitdem «unbetrauerte» Geschichte mit dem Bruder wieder hoch, wie ein ausbrechender Vulkan. Mit dem Vater konnte sie nicht mehr reden. Ob das denn normal sei, fragt sie mich? Und ob sie ihrer Mutter unrecht tue, wenn sie ihr jetzt noch vorwerfe, dass der Bruder keinen Platz erhalten habe?

Trauer ist eine natürliche emotional-psychisch-seelische Reaktion auf eine Verlusterfahrung, welche die Sicherheit im Leben oder das bisherige Lebensgefühl grundlegend tangiert. Von daher könnte man meinen, dass sich auch leicht «trösten» lässt, wenn ein Mensch trauert. Warum ist dem nicht so? Weshalb haben so viele Menschen Mühe damit, Trauernden zu begegnen, oder Angst davor, einen Fehler zu machen oder das Falsche zu tun? Und wollen Trauernde überhaupt getröstet werden?

Wollen Trauernde getröstet werden?

Trauer geschieht nicht einfach, sondern ist vielmehr eine menschliche Fähigkeit, um mit Veränderungen und Verlusten umzugehen und ist somit ein wichtiger Bestandteil unserer Resilienz. Vor allem, wenn der Umgang mit ihr unbefangen und ehrlich ist, kann sie zu einer wichtigen Lebensressource werden. Trauer muss also nicht in erster Linie «überwunden», oder «verarbeitet» werden, sondern will begleitet sein.

Trauernde erleben gerade den Verlust durch einen Tod oft sehr ambivalent. Sie sind traurig, weil der geliebte Mensch nicht mehr da ist, aber auch, weil dieser geliebte Mensch (zum Beispiel ein Elternteil oder auch ein Kind) nicht immer der war, als den ihn man sich gewünscht hat – und somit vielleicht Verletzungen und Enttäuschungen zurückbleiben, welche nun keinen «Adressaten» mehr finden und nicht mehr verändert werden können.

In vielen Vorbereitungsgesprächen für Abschiedsfeiern erlebe ich dies bei den Hinterbliebenen (was für ein seltsames Wort!), dass sie zwischen Heiligsprechung und Abrechnung mit den Verstorbenen schwanken, an der eigenen ambivalenten Gefühlswelt leiden und Hemmungen haben, diese zu zeigen. Oder aber sie können es nicht einmal benennen, wie sie sich fühlen, wenn zum Beispiel eine aktuelle Verlusterfahrung eine tiefer oder länger zurück liegende verdrängte Trauersituation wieder ins Blickfeld und ins schmerzvolle Erleben rückt.

«Die Trauer war meine letzte Verbindung zu ihm»

Von daher haben Trauernde oft Mühe mit der Frage: wie geht es dir? Oder: was brauchst du jetzt? Sie wissen oder sie fühlen es (noch) nicht. Im «Logbuch eines unbarmherzigen Jahres» umschreibt Connie Palmen nach dem Tod ihres Mannes sehr zutreffend: «Alle versuchen einen zu trösten. Es ist für die Familie und die Freunde kaum auszuhalten, wie schlecht es einem geht. Aber in den ersten Monaten nach Hans’ Tod wollte ich nicht getröstet werden. Die Trauer war das Einzige, was ich noch hatte – sie war meine Verbindung zu ihm. (…) Am besten hält man die Menschen aus, die sich auf kranke Tiere verstehen. Die sich nicht schämen, einen anzufassen, einen zu drücken (…). Die einfach tun und nichts fragen.»

Trauer ist also keine Krankheit, sondern auch eine wertvolle Verbindung zum Verstorbenen, die nicht einfach unterbrochen oder «losgelassen» werden will. Sie braucht Zeit, um sich zu verwandeln, vielleicht auch Lotsen, die sie durch diese wie eine unruhige See aufgewühlte Trauerzeit führen und begleiten.

Die bekannte Trauerforscherin Dr. Ruthmarijke Smeding beschreibt die Trauer anhand des Gezeitenmodells. Beeinflusst von den Mondphasen führen Gezeiten regelmäßig zu Ebbe und Flut. Es ist eine immerwährende Bewegung zwischen Kommen und Entschwinden des Wassers, wie auch bei der Trauer. Vor allem in der ersten Zeit bis zur eigentlichen Abschiedsfeier, in der Trauernde einfach funktionieren, sind eben die BegleiterInnen wichtig, die sie als Lotsen durch diese Schleusenzeit® führen. Erst dann können sie den Verlust ganz be-greifen und in den eigentlichen Trauerprozess eintauchen, welcher bei Smeding durch das Labyrinth symbolisiert wird. Der Weg geht hin zur Mitte, zur Quelle, zum tiefen Schmerz, aber dann wieder verwandelt, in neue Dimensionen. «Das Loch, in das ich fiel, wurde zur Quelle, aus der ich lebe», so umschreibt Smeding den Trauerprozess.

Durch den Trauerprozess lotsen

Dem Impuls, Trauernde zu (ver)trösten und «irgendwie etwas Richtiges» zu sagen, liegt also nicht nur Unsicherheit zugrunde, sondern oft auch Unkenntnis darüber, wie sehr ein/e Trauernde/r selbst den eigenen Prozess durch die Trauer gestaltet und intuitiv richtig durchlebt. Das ritualisierte «Herzliches Beileid» beim Kondolieren mag bei einer Beerdigung eine wichtige Funktion der Vergewisserung und der Sicherheit im Umgang mit einer immer wieder herausfordernden Situation haben. Auf der persönlichen Ebene hilft es einem trauernden Menschen wohl mehr, diesen begleitenden Lotsen zu haben, der – ähnlich wie ein Fährmann – auf die andere Seite des Flusses übersetzt, auf der vielleicht wieder neues, verwandeltes oder sogar durch den Trauerprozess bereichertes Leben möglich wird.

Zuhören ist wichtiger als Sinngebung

Wichtig ist, dass dieser Lotse nicht die Richtung bestimmt: «Deutungshoheit» über den erlittenen Verlust sollte immer der/die Trauernde selber haben. Deswegen werden Sinngebungsversuche von aussen eher als deplatziert (oder als spirituell übergriffig) erlebt und erreichen trauernde Menschen kaum – kurz gesagt: Zuhören ist wichtiger als Sinngebung. Die Anteilnahme ist authentischer, wenn man sich seiner eigenen Grenzen, vielleicht auch der Sprachlosigkeit angesichts eigener Verlustängste bewusst wird. Diese sollten auf keinen Fall mit der Anteilnahme vermischt werden. Trauernde sollten ihre Gefühle auf die eigene Art ausdrücken können, auch wenn diese in ihrer Heftigkeit oder Ambivalenz Aussenstehenden manchmal als «inadäquat» erscheinen mag. Eine wesentliche Lotsenaufgabe ist es, Trauernden wertungsfrei zu begegnen in allem, was ist.

Jeder Trauerprozess ist einzigartig, braucht seine Zeit zum Reden und zum Schweigen, zum Lachen und Weinen – und damit auch verstehende Menschen, die einfach da sind, einen Raum eröffnen für den Schmerz, auf Verhaltensratschläge verzichten und die legitime Begrenztheit der eigenen Rolle als TrösterIn anerkennen. Und manchmal hilft es einfach, ganz pragmatische Hilfestellung anzubieten: ins Kino oder zu einem Spaziergang einladen, eine Suppe vorbeibringen und vieles mehr, und damit den trauernden Menschen nicht auf seine Verlusterfahrung zu reduzieren.

30 Jahre später, aber nicht zu spät

Und man sollte schliesslich nicht vergessen, dass Trauer keine Krankheit ist, die möglichst schnell «geheilt» werden müsse, sondern eine schmerzvolle Reaktion auf eine Verlusterfahrung, die einen Menschen ganzheitlich, also auf körperlicher, emotionaler, psychischer, seelischer, mentaler und spiritueller Weise betrifft. Und die somit auch möglichst ganzheitlich begleitet werden will, wobei die gesprochenen Worte oft nur einen kleinen Teil der Lotsentätigkeit ausmachen.

Ich habe die eingangs erwähnte Frau in weiteren Gesprächen begleitet. Zum letzten Gespräch hat sie einen Brief an ihren Bruder mitgebracht. Wir sind gemeinsam zum nahegelegenen Fluss, haben uns auf einen Stein gesetzt, sie hat den Brief in einer Schale verbrannt, und dann die Asche still dem Fluss übergeben. Jetzt ist auch ihr Bruder betrauert. 30 Jahre später, aber nicht zu spät. Vielleicht kann sie jetzt auch über ihre verstorbene Mutter traurig sein.

 

Wolfgang Weigand, freischaffender Theologe und Autor, CH-Winterthur
www.abschiedsfeiern.ch  www.schritte.ch

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