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Wie unterscheiden sich Trauer- und Gedenkfeiern in Corona-Zeiten?

Einige Monate sind nun vergangen seit Mitte März der Lockdown vieles in unserem Land unterbrochen hat und es fast unmöglich wurde ein soziales Miteinander zu leben – auch Angehörige im Sterben zu begleiten und zu verabschieden. Inzwischen hat sich manches „gelockert“. So auch die Möglichkeit einer Bestattung, die nunmehr Gemeinschaft in begrenzter Zahl, und in einer, nach den Regeln der Hygieneverordnung vorbereiteten Feierhalle, wieder zulässt.

Wie unterscheiden sich Trauer- und Gedenkfeiern in Corona-Zeiten?

Ein Lichtblick in Zeiten von Corona, Trauer im Kreis der Familie und der Freunde zu feiern

Und entdecken wir darin etwas neues Gemeinsames, das uns im Trauerprozess tragen kann?

„Ich erinnere mich an eine Zeit, als ich keinen Schmerz kannte, als ich noch an ein „für Immer“ glaubte und dass alles beim Alten bleiben würde.
Nun fühlt sich mein Herz nach Dezember an, wenn jemand deinen Namen sagt, weil ich mich nicht bei dir melden kann, aber ich weiß, dass ich es eines Tages tun werde, ja!“

//„Memories“/Maroon 5

Welche Erfahrungen erlebten Angehörige in der Corona-Zeit?

Es gab Angehörige, die im März und April dieses Jahres im kleinen Kreis, maximal zehn Personen, mit Abstand und im Freien, oft direkt am Grab, ihre Trauerfeier abhielten. Jedoch war ein wichtiges Ritual nicht mehr möglich, das anschließende Beieinandersein für den uns kulturell vertrauten „Leichenschmaus“. Diese weltweit vorkommende Sitte war bereits in vorgeschichtlicher Zeit bekannt und ist das im interkulturellen Vergleich am weitest verbreitete Ritual bei Begräbnissen. Diese gemeinsame Zeit im Rahmen des Bestattungsrituals ist weniger ein Anhängsel, weil „man es eben so macht“, sondern der dritte Schritt im rituellen Tun: Abschied (die Würdigung des Lebens), Übergang (am Grab) und Verbindung zu einer neuen sozialen Wirklichkeit (der Leichenschmaus). In allen Kulturen wird dieser Dreischritt im Abschieds- und Übergangsritual begangen. Weil der Tod ein Band zerreißt, braucht es eine Re-Integration, eine Rück-Bindung, sowohl mit dem Verstorbenen als auch hinein in die lebendige Gemeinschaft. Der Leichenschmaus vermittelt den Hinterbliebenen, dass das Leben weitergeht und der Tod nur eine Station des irdischen Lebens darstellt.

Und es gab natürlich auch Angehörige, die mit der Trauerfeier und Beisetzung gewartet haben. Gewartet auf einen Zeitpunkt, an dem es wieder möglich sein würde, den Verstorbenen wie gewohnt im großen Kreis von Familie und Freunden zu verabschieden. Manche berichteten, wie schmerzvoll sich dieses Warten für sie ausgewirkt hat; über das permanente Nachdenken darüber, wie der Angehörigen, oft alleine, im Krankenhaus oder im Pflegeheim, ohne Beistand der Familie gestorben ist. Das Gefühl, nicht dabei gewesen zu sein, bohrt sich ins Herzen und bringt beängstigende Fantasien hervor. Mit jedem Tag des Wartens kann sich fast eine Angst vor der Beerdigung auftun. Eine Tochter erzählt: „Der Tag der Festlegung seines Datums (die Beisetzung des Vaters) bewegte sich wie eine dunkle Wand auf mich zu.“

Kann eine „nachgeholte“ Trauerfeier zugleich eine Gedenkfeier sein?

In seinen Thesen zur Trauerkultur im Zeitalter der Individualität unterscheidet der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx zwischen „Trauer und Gedenken“. Er sagt, diese Unterscheidung sei sehr wichtig. „Gedenken findet statt, wenn der Trauerschmerz überwunden ist, man sich aber erinnern möchte. Anders als bei der Trauer kann das Erinnern an Verstorbene auch etwas Leichtes haben.“
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Kann überhaupt „nachgefeiert“ werden? Viele freie Trauerredner und Trauerrednerinnen wurden im vergangenen Frühjahr oft gefragt, ob sie die Angehörigen bei der späteren Abschiedsfeier noch einmal begleiten würden. Die Zeit ist jetzt mit den wieder ansteigenden Corona-Infektionen, noch zu früh für solche „Nach-Feier-Anfragen“. Kann Leichenschmaus und Gedenken als gemeinsamer Termin gefeiert werden? Die Vorstellung einer Verbindung von beidem könnte zu einem guten neuen, durch Corona initiierten, Ritual werden: sowohl zu dem Verstorbenen, wie zu der Gemeinschaft, die mitträgt, was jede und jeder für sich ganz persönlich durch den Tod verloren hat.

Zunehmend beobachten wir leider auch Angehörige, die angesichts der weiterhin bestehenden Corona- Regeln ganz auf eine Abschiedsfeier verzichten. Die Traueranzeigen werden erst nach der Beisetzung geschaltet, berichten schlicht vom Ablebe-Datum des Verstorbenen, und dass die Beerdigung bereits stattgefunden hat. Es wäre wahrlich ein „Trauerspiel“, wenn sich, auch nach Corona, Angehörige um das wichtige Ritual des gemeinschaftlichen Abschiednehmens bringen würden. Wir dürfen nicht zulassen, dass Corona uns voreinander entfremdet und wir freiwillig, aus Angst vor Ansteckung oder aus Unwissenheit, einen wichtigen und heilsamen Part unserer Trauerkultur verlieren!

Deshalb wollen wir hier den tieferen Sinn dieses alten Rituals bekräftigen:
Die Leichtigkeit des sich Erinnerns, das – sich vergegenwärtigen – was im direkten Anschluss an die Beerdigung als wirklich existentieller Verlust noch gar nicht fühlbar ist. Weil dieses „nie mehr“ und die Freiheit des sich Erinnerns erst später zueinanderfinden. Der Widerspruch scheint für einen Augenblick wie aufgehoben und offenbart sich erst auf dem Trauerweg, wie der Schmerz des Verlustes eine neue Sicht auf das Erlebte zeigen kann – sich in einen Raum der Erinnerung in einem neuen Lebenshaus wandelt.

Was ermöglicht uns aktuell, Trauer und Gedenken in Kreis der Familie und der
Freunde, im Kreis einer tragenden Gemeinschaft, zu feiern?

Es gibt ein Lied, das in den zurückliegenden Wochen oft anlässlich von Abschiedsfeiern gespielt und gesungen wurde, „Memories“ von Maroon 5.

„Das ist für die, die wir haben.
Prost auf den Wunsch, dass Du hier wärst, es aber nicht bist, denn die Drinks bringen all die Erinnerungen zurück, alles, was wir durchgemacht haben.“

 

Wir heben das Glas mit Wasser, Wein oder Saft und wir stoßen auf den Wunsch an, dass der oder die hier wäre, es aber nicht ist. Und dabei ein Toast auf alle, die heute hier sind!
Ob nun beim Leichenschmaus oder einer Gedenkfeier, die Melodie kann dieselbe sein – mit Tränen in den Augen und einem Lächeln. Alles zugleich und ungetrennt, wovon unser Herz erfüllt ist.

Horx schreibt: „Diese Leichtigkeit, diese Erlösung von der Schwere der Trauer ist etwas, was auf unseren Friedhöfen bislang selten gelingt.“ Nur wir können es besser machen; denn vielleicht gelingt es uns mit einer Art Picknickkorb am Grab niederzulassen, die Gläser zu heben und mitzusingen, für das was uns bewegt!

Einen Toast auf die, die heute hier sind, einen Toast auf die, die wir auf unserem Weg verloren haben.
Das ist für die, die wir haben.
Prost auf den Wunsch, dass Du hier wärst, es aber nicht bist, denn die Drinks bringen all die Erinnerungen zurück und die Erinnerungen bringen dich zurück…“

 

Der Leichenschmaus als Gedenkfeier auf dem Friedhof?
Ein Prost auf den Wunsch, dass du hier wärst!

Wir verstehen das als Einladung und Aufforderung zugleich. Wir alle tragen dazu bei, dass Friedhöfe in ihrer gesellschaftlichen Funktion und Bedeutung auf dem Trauerweg unsere erweiterten Lebensräume werden. Und wir diese Erfahrung erleben und weitergeben dürfen.

Gisela Zimmermann/Hermann Bayer

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