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Wo die Trauer eine gute Adresse hat

Die alte Dame war extra mit dem Bus angereist, um den Stadtgottesacker in Halle/Saale zu besuchen. "Sie war auf der Suche nach der Begräbnisstätte ihrer Vorfahren", erzählt der Bildhauer Marcus Golter. Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine der ältesten Grüfte des von 1557 bis 1590 erbauten Renaissance-Friedhofes.

Wo die Trauer eine gute Adresse hat

Doch als die Besucherin ihren analogen Fotoapparat zückte, war kein Film in der Kamera. „Also habe ich ein paar Fotos für sie gemacht und ihr nach Hause geschickt“, erinnert sich Golter an das fast zwei Jahrzehnte zurückliegende Ereignis.

Wenige Orte in Deutschland tragen so viel Erinnerung in sich wie der Stadtgottesacker in Halle/Saale. Geschaffen wurde er als Sinnbild des idealen Friedhofes, wie ihn der Reformator Martin Luther formulierte: als „feiner, stiller Ort, der abgesondert were von allen orten, darauff man mit Andacht gehen und stehen kuendte, den tod, das Juengst gericht und auferstehung zu betrachten und betten„. Auf allen vier Seiten von einer hohen Außenmauer geschützt, bilden 94 mit Reliefs geschmückte Grüfte eine wunderschöne Anlage, die Besucher zu jeder Jahreszeit verzaubert.

Vielfach ausgezeichnet und unter die schönsten Friedhöfe des deutschsprachigen Raumes gewählt, ist der Hallesche Stadtgottesacker heute nicht nur ein ganz besonderer Raum für Trauer, sondern auch ein herausragendes kunsthistorisches Projekt. In einer einzigartigen Zusammenarbeit zwischen Denkmalschutz und Bildhauern wurde die Originalsubstanz aus der Renaissance mit 27 neuen, zeitgenössischen Reliefs zu einem deutschlandweit seinesgleichen suchenden Gesamtkunstwerk ergänzt.

Der Stadtgottesacker – eine „Chronik in Stein“

Von Anfang an mit dabei war der Bildhauer Marcus Golter. Seine Diplomarbeit war 1998 der erste neugeschaffene Bogen. „Ich habe mich dafür intensiv mit der Geschichte des Ortes und den Vorbesitzern der Grüfte auseinandergesetzt“, berichtet der Absolvent und Meisterschüler der renommierten Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein in Halle. Wann immer möglich, erzählen die Reliefs so Details aus dem Leben der dort Ruhenden. Zudem haben alle der 94 Gruftbögen ein Schriftband mit den Namen der dort begrabenen Familien. Der Stadtgottesacker erinnert deshalb auch seit über 450 Jahren an die wichtigen Bürger der Stadt und wird vollkommen zu Recht eine „Chronik in Stein“ genannt.

Nicht immer jedoch war ein derartiger historischer Bezug möglich. Dann arbeiteten die Bildhauer mit modernen Bezügen zum Bildwerk der Renaissance. Ein Beispiel ist der Bogen 62/63: Im Innern der Doppelgruft in der Südostecke des Gottesackers hingen vor der Kriegszerstörung gut 30 Stuckengel am Gewölbe. Es lag also nahe, das Engelsmotiv im neuen Relief aufzunehmen. Große, sechsflügelige, vielgesichtige Engel sind dargestellt, nach einem alttestamentarischen Zitat umgeben von Rädern, Feuer und Wasser bringend. Der linke Engel beschützt das Werden, der rechte das Vergehen.

Ein anderes Beispiel ist der Bogen 29: Er war fast 300 Jahre im Besitz der gleichen Familie, über die heute aber nichts mehr bekannt ist. Weil dort im Jahr 1831 ein Wirtschaftseingang in die Anlage gebaut wurde, hat sich Golter entschlossen, diesen Übergang von innen nach außen, vom Diesseits zum Jenseits, zum Thema zu machen: Vogelschwärme symbolisieren diesen Übergang, das Sujet des jüngsten Gerichts ist ebenfalls in die Gestaltung miteinbezogen.

Im ehemaligen, jetzt nicht mehr existenten Eingang der Anlage hat die Bildhauerin Maya Graber einen anderen Bezug auf den Ort im von ihr gestalteten Relief gewählt: Hier begleitet der Fährmann Charon die Verstorbenen auf ihrem Weg. Im Wappen sind Bildnisse der ursprünglichen Erbauer eingearbeitet, dem Renaissance-Baumeister Nickel Hofmann (um 1515-1592) und seinem Assistenten Thomas Rinkler.

Geschichten erzählen, Fragen stellen, zur Reflexion animieren

So fügen sich die modernen Bildwerke aufs beste in die historische Anlage ein. Sie ermöglichen den Besuchern einen ganz eigenen, modernen Zugang zur Trauer – gerade, weil sie dem aufmerksamen Betrachter Geschichten erzählen, Fragen stellen, zur Reflexion animieren. Das unterscheidet die modernen Bögen auch von den Originalen aus der Renaissance: Sie bilden weitestgehend den damaligen Kunst-Kanon ab. Ihr zentrales Motiv ist die Ranke, die sich kraftvoll und arabesken-gleich durch das Bogenfeld zieht. Die Basis dieser Arbeiten ist das Christus-Zitat „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ aus dem Johannes-Evangelium. „Diese alten Reliefs sind nicht nur künstlerisch vollkommen, sie bezaubern die Betrachter geradezu“, freut sich Golter. Wie in der Musik würden „Themen gesetzt, neu aufgegriffen, verändert und erweitert“: Lebendige Pflanzenformen werden gezähmt von strukturierenden Elementen wie Klammern und Vasen. Dies wiederum wird eingebettet in phantasievolle Darstellungen von Vögeln, Delfinen, Chimären, Löwen und Drachen. Hinzu kommt, dass die Reliefs der Bögen je nach der herrschenden Lichtsituation immer neue Details offenbaren.

So können die Trostsuchenden Stunde um Stunde auf dem Stadtgottesacker zubringen und werden doch immer wieder neue Facetten, Formen und Anregungen finden. Faszinierend ist auch das Gräberfeld im Inneren: Fast jeder Grabstein berichtet neben dem Namen der dort Begrabenen auch über ihre Berufe und lädt so zur Erinnerung an längst vergangene Zeiten ein.

Foto: Stadt Halle/Saale, Th. Ziegler

Dass der Stadtgottesacker Halle heute dieses Kleinod aktiver Trauerkultur ist, ist ausschließlich dem Einsatz engagierter Bürger zu danken. Auch das ist ein wichtiges Signal aktiver Trauerkultur – nicht nur, weil es zeigt, was mit gemeinsamem Einsatz möglich ist, sondern auch, weil es einen ganz eigenen Zugang zum Thema Vergänglichkeit schafft.

Es ist deshalb außerordentlich erfreulich, dass die heutigen Bürger und Bürgerinnen der Stadt diesen wunderbaren Ort des Gedenkens vollumfänglich für sich angenommen haben. Nicht nur, dass sich zu fast jeder Tageszeit Besucher und Trauernde auf dem Stadtgottesacker befinden. Sondern auch, dass es dort seit einigen Jahren wieder Urnenbestattungen gibt – entweder in Kolumbarien im Innenraum der Grüfte oder auch durch Patenschaften für die historischen Grabsteine im Gräberfeld selbst.

Im März 2020 wurde die deutsche Friedhofskultur in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Damit würdigte die deutsche UNESCO-Kommission einen über Jahrhunderte gewachsenen Schatz an Wissen und Fertigkeiten sowie die Bedeutung der Friedhöfe als Orte der Trauer und der Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Lebens.

Foto: Stadt Halle/Saale, Th. Ziegler

So ist der Stadtgottesacker heute ganz im Lutherschen Sinne wieder der „feine, stille Ort“ der Auseinandersetzung mit Leben und Tod, mit Freud und Leid, mit dem Diesseits und dem Jenseits. Es ist ein Ort, an dem die Trauer eine Adresse hat und die dadurch auch Hoffnung schafft.

Den Künstlern sei es gelungen:

„Halles prominente Begräbnisstelle … als einen exterritorialen Ort zu erschließen, auf dem die bildende Kunst unserer Hochgeschwindigkeitsgesellschaft der Gegenwart ein Refugium schafft, auf dem eine über die Tagesaktualität hinausreichende Bestimmung von Lebenssinn möglich wird.“

Joachim Penzel: Ein Requiem in Stein

Die Journalistin und Autorin Margaret Heckel schreibt eigentlich über Wirtschafts- und Politikthemen sowie den demografischen Wandel. Vom Stadtgottesacker Halle ist das langjährige Mitglied des Bauhütten-Vereins genauso fasziniert wie ihr Mann, der Bildhauer Marcus Golter. www.bauhütte-stadtgottesacker.de

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