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Der Friedhof als Auslaufmodell?

Die Soziologen Dr. Thorsten Benkel und Matthias Meitzler zieht es an Orte, an denen man der Sterblichkeit begegnen kann. Sie haben Interviews mit Bestattern, Trauerbegleitern, Pfarrern und Hinterbliebenen geführt, haben Hospize, Bestattungsmessen und mehr als 1.100 Friedhöfe besucht. Ihr Fazit: Wir stehen am Beginn eines Wandels, der unserer Trauerkultur und die Bestattungsbranche fundamental verändern wird.

Der Friedhof als Auslaufmodell?
Unser Umgang mit dem Tod wandelt sich stetig.

Wie sehen unsere Friedhöfe aus? Was unternehmen Menschen, um ihren Angehörigen auch nach deren Tod nah zu sein? Und was sagt all das über unsere Gesellschaft? Für Thorsten Benkel und Matthias Meitzler gibt es kein spannenderes Forschungsthema als unseren sich wandelnden Umgang mit dem Tod. Während die Trauerforschung den einzelnen Menschen und seine Strategien zur Trauerbewältigung in den Blick nimmt, interessieren sie sich für die großen gesellschaftlichen Entwicklungslinien. Dabei bewegen sie sich im Spannungsfeld von konkreten, individuellen Schicksalen und wissenschaftlicher Abstraktion. Thorsten Benkel bringt es auf den Punkt: „Natürlich ist die Trauer etwas sehr Intimes, Persönliches. Aber es wäre naiv zu glauben, Trauer sei einfach Ausdruck eines Gefühls. Sie ist vielmehr eine soziale Konstruktion. Wie wir mit dem Verlust eines Menschen umgehen, ist das Ergebnis unserer Sozialisation.“

Mit anderen Worten: Trauern ist eine Kulturtechnik, die wir im Laufe unseres Lebens verinnerlichen. Zumindest theoretisch. Dass wir im Angesicht des Todes trotzdem hilf- und sprachlos sind, hat einen guten Grund: Wir bekommen kaum noch Gelegenheit, uns im Umgang mit Tod und Sterblichkeit zu üben. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts starben die meisten Menschen zu Hause, im Kreis ihrer Familie. Der Leichnam wurde aufgebahrt, damit Familie, Freunde und Nachbarn Abschied nehmen konnte.

Heute ist der Tod ausgelagert in Pflegeheime, Krankenhäuser oder Hospize. Um uns mit dem Thema auseinanderzusetzen, lesen wir Ratgeber oder schauen uns Fernsehserien wie »Six Feet Under« an. Der Tod ist der sprichwörtliche Elefant im Raum. Ein Thema, über das sich gar nicht oder nur abstrakt sprechen lässt – das wir aber auch nicht ignorieren können.

Doch vielleicht erleben wir gerade ein Umdenken: »In den vergangenen 15 Jahren ist Bewegung in das Thema gekommen. Immer mehr Menschen empfinden eine starke Diskrepanz zwischen dem, was von ihnen erwartet wird und dem, was ihnen in der Trauer gut tun würde – zwischen dem Wunsch nach Aktivität und der vorgeschriebenen Passivität«, erklärt Thomas Meitzler.​

Die digitale Trauerkultur wächst durch die Medialisierung und Digitalisierung. Angehörige bleiben durch Bilder auf dem Smartphone immer in „greifbarer“ Nähe.

Was die Lebenswelt prägt, findet auch Eingang in die Todeswelt

Ein wichtiger Treiber der Veränderungen ist der Megatrend Individualisierung. Wir wollen unser Leben bis ins kleinste Detail nach eigenen Vorstellungen gestalten. Dieses Bedürfnis nach Einzigartigkeit macht auch vor dem Tod nicht Halt. Tradierte Trauerrituale werden zunehmend hinterfragt. An deren Stelle kommt immer stärker der Wunsch zum Vorschein, mitbestimmen zu wollen, was mit dem eigenen Körper oder dem eines nahestehenden Verstorbenen geschieht.

Auch die Medialisierung verändert unsere Art zu trauern. So beobachten Benkel und Meitzler immer häufiger, wie Hinterbliebene mittels Bildern und anderen Medien den Kontakt zu den Verstorbenen virtuell aufrechterhalten und auf diesem Weg eine Nähe suchen, die im „echten“ Leben nicht mehr gegeben ist. Digitale Trauerkultur und die Regelung unseres digitalen Nachlasses sind wichtige Zukunftsthemen.

Ein dritter wichtiger Trend ist die Delokalisierung. Braucht unsere mobile Gesellschaft überhaupt noch einen festen Ort für die Trauer oder ist dieses Konzept überholt? Die Interviews von Benkel und Meitzler legen nahe, dass sich immer mehr Menschen eine anonyme Lösung wünschen. Und viele Hinterbliebene behaupten, dass sie keinen Ort brauchen, weil sie die Trauer im Alltag überall mit sich tragen: in der Bahn, im Auto, beim Spazierengehen. Aus Sicht der beiden Forscher ist das jedoch nur die eine Seite der Medaille: »Es wäre falsch zu sagen, dass der Ort keine Bedeutung mehr hat. Neben unserer mobilen Lebensweise ist es wohl eher die Unzufriedenheit mit nicht mehr zeitgemäßen Angeboten, wegen der sich die Menschen nach Alternativen umsehen.«

Dr. Thorsten Benkel (links) und Thomas Meitzler (rechts) zieht es an Orte, an denen man der Sterblichkeit begegnen kann

Auslaufmodell Friedhof?

Und damit wären wir beim Friedhof: über Jahrhunderte und Generationen hinweg der wichtigste Ort für die Trauerbewältigung und gleichzeitig ein Ort der kollektiven Erinnerung. Ob das auch in Zukunft so bleibt, ist aus Sicht von Benkel und Meitzler mehr als fraglich. „Die Friedhöfe in ihrer jetzigen Form sind ein Auslaufmodell – ganz einfach, weil sie den gesellschaftlichen Wandel verschlafen haben. Die Menschen wollen sich einbringen, wollen gestalten – und werden stattdessen Teil eines Verwaltungsprozesses, der genau das unmöglich macht. Noch beugen sich viele den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen. Aber die Auswirkungen des Wandels sind jetzt schon erkennbar und werden in den kommenden Jahrzehnten in ihrer ganzen Wucht spürbar.“

Viele Friedhöfe können einer Generation von Kunden, die sich nicht mit Angeboten von der Stange zufriedengibt, keine attraktiven Angebote machen. Um diese „verlorene Generation“ zurückzugewinnen und von der Relevanz des Friedhofs als Ort der Trauer zu überzeugen, braucht es mehr als kosmetische Änderungen. Gefragt ist aus der Sicht der beiden Soziologen ein umfassender Kulturwandel: „Wir ermutigen Friedhofsbetreiber, sich in die Gemeinden und Städte einzubringen und die Menschen in ihrer Umgebung einfach zu fragen: Was braucht ihr? Was wünscht ihr euch? Der Friedhof wird künftig nur dann auf Akzeptanz stoßen, wenn er ein freier Ort ist. Stattdessen ist er überreguliert und lässt wenig zu. Auch der Streitpunkt Grabpflege beruht auf einem Missverständnis. Es ist nicht so, dass die Menschen faul sind und gar nichts an den Gräbern tun wollen – sie wollen nur etwas anders tun, als man ihnen vorschreibt.“

​Weniger Regulierung bringt mehr Akzeptanz

Eine Modernisierung wird allerdings nur gelingen, wenn auch in ein anderes Thema Bewegung kommt: die Gesetzgebung. Was erlaubt ist und was nicht, wird in Deutschland auf Länderebene entschieden, und viele Friedhofsordnungen stammen noch aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Reformen scheitern immer wieder an starken Widerständen. Doch was als Schutz vor einer Ökonomisierung des Todes gedacht war, wirkt in der Praxis als Sargnagel für die klassischen Friedhöfe – ein Trend, der sich nach Meinung von Benkel und Meitzler jedoch auch wieder umkehren ließe: „Die Erfahrungen in unseren Nachbarländern zeigen, dass ein Zurückfahren der Regulierung die Akzeptanz der Friedhofs erhöht, weil die Menschen sich nicht mehr gegängelt fühlen. Wir alle machen eben nur ungern das, was wir machen müssen.“

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