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„Ich studiere den Tod“ ⑱

„Perimortale Wissenschaften“ ist der neue Master-Studiengang an der Universität Regensburg: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. Die Autorin Sarah Zinn ist seit Oktober 2020 immatrikulierte Studierende und berichtet in unserer Serie von ihren Erfahrungen mit diesen großen Lebensthemen.

„Ich studiere den Tod“ ⑱
Logogestaltung: Sophie Wetterich

Abschiede

Für eine Seminararbeit habe ich meinen „Kiezfriedhof“ neu entdecken dürfen und die Vielfältigkeit des Ortes erkundet. Ich war überrascht, was ein kleiner Perspektivwechsel bewirkt – für mich bisher ungesehene Details rückten plötzlich in den Fokus und bereicherten meinen Besuch ungemein. Doch bald geht meine aktive Studienzeit schon zu Ende: die Masterarbeit ruft und ein Abschied steht am Horizont.

Ein wieder-gefundener Blick auf den Friedhof

Für viele Menschen sind Friedhöfe wichtige Trauerorte. Hier können heilsame Abschiede ausgestaltet werden und Trauernde finden wieder einen guten Platz, um sich an ihre Verstorbenen zu erinnern. Alte und neue Rituale – wie zum Beispiel der Besuch der Beisetzungsstätte an wichtigen Feiertagen – dürfen hier genauso sein wie individuelle Grabgestaltungen, welche der Verbundenheit zur geliebten Person Ausdruck verleihen. Der Friedhof bietet einen sicheren Raum für Trauer und Abschied. Dadurch spielt er oft eine wichtige Rolle in der persönlichen Verarbeitung eines Verlusts.

Friedhöfe sind auch wunderbare Lernorte und Erfahrungsräume für den individuellen, aber auch gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod, den Verstorbenen und mit dem gelebten Leben. Auf Friedhöfen manifestiert sich Geschichte – in gewachsenen Landschaftsarealen, in Stein gehauen, sowie durch Brauchtum und Tradition. Sie sind generationsübergreifende Gedenkstätten, die an Weltkriege oder bekannte Persönlichkeiten erinnern. Es lassen sich sozialpolitische und gesellschaftliche Entwicklungen am Friedhof ablesen: anonyme Urnengräber, Sozialbestattungen, aber auch besonders individuell gestaltete Grabflächen sind Spiegelbilder ihrer Zeit. Und auch über die Rolle des Glaubens erfahren wir hier etwas. Die Grabsteine zeigen oft Darstellungen der christlich-abendländischen Tradition und schlagen so den Bogen zu Jenseitsvorstellungen und Gottesfragen. Nicht zuletzt sind Friedhöfe oft auch grüne Oasen im Stadtgrau und laden zum Verweilen und Innehalten im Alltag ein.

Bei einem Gang über den Friedhof in meinem Viertel versuche ich, alle Sinne für die Vielfältigkeit des Ortes zu öffnen. Was nehme ich wahr – wie wirkt diese Umgebung auf mich und was weckt meine Aufmerksamkeit? Im ersten Moment sehe ich das, was man wohl erwarten würde. Menschen bei der Grabpflege, mit bunten Gießkannen und frischen Setzlingen aus der Gärtnerei an der Straße. Eine kleine Trauergesellschaft in einiger Entfernung. Mitarbeitende in grüner Arbeitskleidung, die einen Baum beschneiden, der beim letzten Sommergewitter einen Ast eingebüßt hat. Doch schnell weitet sich mein Blick. Ein junger Mann fährt auf dem Fahrrad an mir vorbei. Eine Frau sitzt auf der Bank und liest ein Buch. Eine Gruppe junger Menschen stellt auf der freien Wiesenfläche ein Insektenhotel auf. Es ist viel los – und die Aktivitäten sind vielfältig.

Ich fokussiere meine Wahrnehmung auf die Grabsteine. Welche Botschaften tragen sie in ihrer Gestaltung, der Verarbeitung, dem verwendeten Material? Hier können die persönliche Lebensgeschichte der Verstorbenen, ihr Charakter und ihre Vorlieben durch handwerkliches Können sichtbar werden: nicht nur in den Lebensdaten und Grabinschriften, sondern auch durch Details wie Symbole oder außergewöhnliche Ästhetik. Hier und da stechen besondere Steine hervor und ich frage mich, welche Impulse zur Gestaltung geführt haben und wie der Entstehungsprozess beim Steinmetz gewesen sein muss. (Als Kind eines Handwerksmeisters begeistert mich der Prozess von der Idee hin zum fertigen Stück schon immer.)

Mein Weg führt mich weiter zu einer Informationstafel. „Unser Friedhof ist voller Leben“ – es geht um Umweltschutz und Nachhaltigkeit auf den Flächen. Ich erfahre, dass vorwiegend bienen-/insekten- und vogelfreundliche Pflanzen zum Einsatz kommen, aktiv Blühinseln bei der Rasenmahd belassen werden und verschiedenste Nistmöglichkeiten für Insekten, Vögel, Fledermäuse und Kleintiere in der Grünflächennutzung integriert sind. Auch werden ökologische Projekte unterstützt – das Einreichen von Ideen und die Mitarbeit durch Besucher:innen sind willkommen. Der Friedhof ist also auch aktiv gestalteter, wertvoller Lebensraum für Tiere, die in den zugebauten Innenstadtgebieten oft nur noch schwer einen Platz finden. Wie zur Bestätigung meiner Gedanken gurrt ein Ringeltauben-Pärchen über mir im Geäst.

Auf meiner Runde über den Friedhof habe ich viel gesehen und erfühlt. Es ist ein vielfältiger Ort, der mitten im Leben steht – wenn wir unsere Augen, Ohren und Herzen dafür öffnen. Mein Blick verliert sich noch kurz im rauschenden Blätterdach über mir, das saftige Grün wogt im Wind. Dann trete ich wieder durch das Friedhofstor auf die belebte Straße und lasse den Friedhof mit all seinen kleinen und großen Aktivitäten hinter mir.  Bis zum nächsten Mal!

Über Abschiede, die man kommen sieht

Diesen Monat schließe ich das letzte Seminar meines Studiums ab. Danach widme ich mich ganz meiner Masterarbeit und tauche ab in Recherchen, Schwerpunktliteratur und Dokumentenformatierung. Das letzte Kapitel einer aufregenden, bewegten und nicht immer einfachen Zeit an der Universität – standen wir, dank der Corona-Pandemie, doch vor ganz besonderen Herausforderungen seit dem Studienbeginn. Obwohl noch ein paar Monate vor mir liegen, ist das Ende absehbar und ich frage mich, wie ich diesen Abschied gestalten will. Wovon oder von wem werde ich mich eigentlich verabschieden? Und was nehme ich mit aus dieser Zeit?

Ich merke: das kommende Ende meines Studiums verunsichert mich. Ich kann gar nicht sagen, wie ich diesen Abschied begehen will – spüre aber, dass es einen Abschluss, ein letztes Erleben braucht. Auch, um dann gut in den nächsten Lebensabschnitt gehen und die Erfahrungen, Begegnungen und Lerninhalte der letzten Jahre mitnehmen zu können. Gleichzeitig bin ich dankbar dafür, diesen Prozess bewusst spüren und gestalten zu können – zeigt er mir doch, dass eben auch Abschiede abseits der Trauer um Verstorbene Raum fordern und gelebt werden wollen. Wie auch immer das Lebewohl aussehen wird: ich möchte es aktiv gestalten und freue mich schon jetzt auf das Danach.

 

Sarah Zinn / Autorin, Medienschaffende und Studentin der PERIMORTALEN WISSENSCHAFTEN/Universität Regensburg https://www.uni-regens­burg.de/theo­logie/moral­theo­logie/peri­mor­tale-wissen­schaften-ma/index.html

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