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„Ich studiere den Tod“ ②

„Perimortale Wissenschaften“ ist der neue Master-Studiengang an der Universität Regensburg: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. Die Autorin Sarah Zinn ist seit Oktober 2020 immatrikulierte Studierende und berichtet in unserer Serie von ihren Erfahrungen mit diesen großen Lebensthemen.

„Ich studiere den Tod“ ②

Logogestaltung: Sophie Wetterich

03. Dezember 2020

Gehören Themen rund um Trauer, Tod und Sterben in die Schule?

Wer sollte Ansprechpartner:in für Kinder und Jugendliche sein, die wissen wollen, was passiert, wenn jemand stirbt? Hierzu gab es eine hitzige Diskussion zwischen den Studierenden – mit den unterschiedlichsten Positionen.

Auf der einen Seite wurde dafür plädiert, dass Schulen ein neutraler Ort sind. Hier können junge Menschen mit Bezugspersonen reden, die nicht Teil des Familiengeflechts sind, und werden so vielleicht auch Fragen los, die sie sich zuhause nicht zu stellen trauen. Außerdem kann ein schwieriges Thema wie der Tod im Klassenverband freier erkundet und direkt besprochen werden, und das auch noch mit didaktischer Anleitung.

Auf der anderen Seite sind Trauer, Tod und Sterben Themen, die sich Eltern oft nicht gern aus der Hand nehmen lassen wollen  –  ähnlich wie die sexuelle Aufklärung oder die Diskussion zu verschiedenen Glaubensrichtungen. Es besteht die Sorge, dass Lehrkräfte und Erzieher:innen diese großen Fragen nicht so beantworten, wie es im Sinne der Eltern wäre. Das zu viel gesagt wird, zu wenig, das Falsche. Die Bedenken dazu sind vielfältig.

Hier zeigt sich eine große Unsicherheit. Wohin gehört die Trauer? Geht sie uns alle an und lernen wir vielleicht sogar von dem Austausch mit anderen die Ähnliches erlebt haben? Oder ist Trauer privat, eine Sache der Familie, die nur besprochen werden sollte, wenn es sich nicht vermeiden lässt? Welche Themen können wir jungen Menschen zumuten?

Diese Fragen kann ich auch nicht abschließend beantworten. Ich würde mir aber wünschen, dass Lehrende und Erzieher:innen die Themen Trauer, Tod und Sterben in ihrer Arbeit bereits mitdenken und vorbereitet sind, wenn ein junger Mensch zu ihnen kommt und reden will. Denn ob die Erwachsenen drüber sprechen oder nicht – die Kids machen sich ohnehin Gedanken dazu.

08. Dezember 2020

Im Studium nähern wir uns dem Tod nicht nur praktisch, sondern auch philosophisch. Der Inhalt einer Vorlesung hat mich noch längere Zeit beschäftigt. Der Tod würde „eine Spannung von Anwesenheit und Abwesenheit in unserem Leben“ erzeugen, heißt es da. Sind wir selbst am Leben, ist der Tod dennoch ständig anwesend, in seiner eigenen Abwesenheit. Also – weil ich noch nicht tot bin, muss ich über meinen eigenen Tod nachdenken. Ich erlebe, dass mein Tod unvermeidbar ist, denn ich sehe andere Menschen um mich herum sterben – keiner lebt ewig, das gilt auch für mich. Und ob nach dem eigenen Ableben noch etwas kommt, kann einem niemand sagen.

Was erst klingt wie eine düstere Verheißung und die ständige Angst vor dem eigenen Tod, kann auch anders verstanden werden. Das Wissen um die eigene Sterblichkeit kann eine Chance sein, sich mit den eigenen Bedürfnissen auseinander zu setzen, sein Leben bewusst mit Blick auf dessen Endlichkeit zu gestalten. Klar, auch ich habe Angst, wenn ich an meinen eigenen Tod denke. Aber indem ich diese Gedanken zulasse, kann ich erkennen, was dahintersteckt. Angst vor Schmerzen. Angst davor, alleine zu sterben. Angst davor, Dinge unerledigt zu lassen. Und auf all diese Aspekte kann ich mich (und auch meine Herzensmenschen, die mich hoffentlich begleiten werden) vorbereiten – und wenn der Tod dann vor der Tür steht, kann ich das Leben hoffentlich ziehen lassen und gespannt schauen, wie es weitergeht.

11. Dezember 2020

Traditionelle Beerdigungen folgen – wie viele andere ritualisierte Anlässe in der Gesellschaft – einem klar definierten Ablauf. In dieser Verlässlichkeit liegt Trost, die Trauer um die verstorbene Person kann als Gemeinschaft erlebt und getragen werden. Dies setzt aber voraus, dass die Trauergemeinde vertraut ist mit den traditionellen Mustern, den üblichen Liedern, der zeitlichen Abfolge einer klassischen Beerdigung. Im Seminar wurden einige dieser Elemente besprochen – und dabei habe ich gemerkt: ich kenne mich noch kaum mit der traditionellen Form einer Beisetzung aus. Osterkerze, Nekrolog, liturgische Kleidung, Erdwurf… Hier habe ich noch viel zu lernen.

Diese Einblicke sind für mich enorm wichtig, um auch die gesellschaftliche Tragkraft einer ritualisierten Beerdigung besser verstehen zu können. Schnell wurde mir auch klar, es ist nicht nur das reine Wissen um die Abläufe, sondern auch eine übergeordnete gemeinschaftliche Struktur im Alltag (zum Beispiel durch ein aktives Gemeindeleben), die entscheidend sind für die tröstende Wirkung traditioneller Bestattungen wie der Trauerzeit.

Nun frage ich mich: was kann diese Art der Beisetzung ergänzen, was hat eine ähnliche Wirkung – losgelöst von Traditionen und Ritualen, die besonders für jüngere Generationen immer seltener in die eigene Lebensrealität eingebettet sind? Ich selbst bin nicht Teil einer lebendigen Gemeinde oder einer größeren ortsgebundenen Gemeinschaft. In meinem Leben gibt es bisher kaum Rituale, die über meinen engsten Kreis hinausgehen, geschweige denn mehrere Generationen verbinden würden – eine traditionelle Beerdigung würde hier kaum in Frage kommen. Ich glaube aber, dass wir in einer Gemeinschaft von Zugehörigen auch dann gut Abschied nehmen können, wenn wir Traditionen und Rituale gehen lassen, die uns nicht dienen. Nämlich dann, wenn der Verstorbene noch einmal in der Ausgestaltung einer individuellen Abschiednahme spürbar wird. Durch Bilder, Lieder, Wortbeiträge, Erinnerungen, Gesten.

Ich wünsche mir für Trauernde, dass sie aus einem changierenden Spektrum an Möglichkeiten den Abschied wählen können, der ihnen dient. Und das wir als angehende professionelle Begleiter:innen im perimortalen Raum um die Vielfalt und Bedeutung der Möglichkeiten wissen.

15. Dezember 2020

In der heutigen Vorlesung haben wir uns mit verschiedenen Aspekten der Jenseitsvorstellung beschäftigt. Was nach dem Tod kommt, wissen wir nicht. Aber es gibt viele Ideen und Ansätze dazu – und die Frage nach einem Leben nach dem Tod ist eine anthropologische Konstante, so alt wie die Menschheit selbst. In Malereien aus den Jahren 15.000 – 20.000 v.Ch. wurde die älteste Wiedergabe des „Seelenvogels“ nachgewiesen. In der Zeichnung scheint die Seele den Körper eines soeben vom Mammut niedergestreckten Menschen in tierischer Form zu verlassen. Und auch heute sind Vorstellungen von Schmetterlingen, Füchsen, Vögeln als Sinnbilder für die unsterbliche Seele Verstorbener durchaus gängig und trostspendend.

Doch gibt es Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, auf eine neue Realität? Auf mehr als ein „vielleicht“ können wir uns zeitlebens wohl nicht verlässlich einigen. Was heißt das für den Beistand von Trauernden? Für eine professionelle Begleitung erfordert es das Wissen um und den Umgang mit einem breiten Spektrum an Glaubenssätzen. Auch (und besonders) jenseits der eigenen Ansichten müssen Gespräche wertfrei und im Sinne der trauernden Person geführt werden. Ich habe gemerkt: hier kann ich meine Fähigkeiten immer auch in imaginierten Begleitungen weiter schulen und mich mit möglichen Szenarien vertraut machen. Eine gute Übung – bis persönliche Begleitungen wieder möglich sind.

21. Dezember 2020

Es finden die letzten Veranstaltungen in diesem Jahr statt. Natürlich nach wie vor digital, mit den verschiedenen Plattformen sind wir ja mittlerweile alle gut vertraut. Die Fragen zu Hausarbeiten, Klausur und Praktikum nehmen zu, auch die Planung für das zweite Semester startet schon. Und natürlich stehen wir auch mit den Dozent:innen in Kontakt, um ein erstes Feedback zu den einzelnen Veranstaltungen und dem Studienstart zu geben.

„Und, wie fandest du das erste Semester an der Uni?“ werde ich von einer Kommilitonin gefragt. Puh – es gibt viel zu sagen und gleichzeitig sind die letzten Monate so schwer zu greifen! Die Perimortalen Wissenschaften bringen unglaublich spannende Menschen zusammen, das habe ich schnell gemerkt. Es wird viel diskutiert, es treffen bei nahezu jedem Thema sehr unterschiedliche Positionen aufeinander. Der Austausch ist eine enorme Bereicherung und eröffnet uns allen neue Ansätze für die eigene Arbeit im Raum zwischen Trauer, Tod und Sterben, aber auch für den Umgang mit der eigenen Sterblichkeit. Gleichzeitig fehlt die persönliche Begegnung, das Erleben eines gemeinsamen Studienalltags und der Diskurs mit Studierenden anderer Fachrichtungen. Noch fühlt es sich wie eine Blase an, in der wir nur wenig Impulse von außen bekommen.

In diesem pandemischen Jahr drängt sich der perimortale Raum allerdings ungefragt in unser aller Leben und jede:r von uns muss einen eigenen Umgang mit dieser Situation finden. Bei vielen Themen, die wir im Studium der letzten Monate behandelt haben, ist der Wechsel von Theorie und Praxis in meinem eigenen Alltag dann hin und wieder doch fließender, als mir lieb ist. Ich kann aber sagen: es war die richtige Entscheidung, mich auf das Wagnis des Studiums einzulassen.

Sarah Zinn / Autorin, Medienschaffende und Studentin der PERIMORTALEN WISSENSCHAFTEN/Universität Regensburg
https://www.uni-regensburg.de/theologie/moraltheologie/perimortale-wissenschaften-ma/index.html

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„Ich studiere den Tod“ ⑥

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