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„Ich studiere den Tod“ ⑩

„Perimortale Wissenschaften“ ist der neue Master-Studiengang an der Universität Regensburg: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. Die Autorin Sarah Zinn ist seit Oktober 2020 immatrikulierte Studierende und berichtet in unserer Serie von ihren Erfahrungen mit diesen großen Lebensthemen.

„Ich studiere den Tod“ ⑩

Logogestaltung: Sophie Wetterich

Von Abschiednahmen und Trauerorten

Menschen, die sich für einen modernen Umgang mit Tod und Abschiednahme einsetzen, sagen oft, dass Trauer zum Leben dazugehören würde. Das stimmt natürlich – ist aber dennoch leichter gesagt als tatsächlich gelebt. Im Austausch mit der Familie oder Freund:innen und auch im Arbeitsalltag sind Trauer, Tod und Sterben nach wie vor oft Tabuthemen, über die nicht gesprochen wird – und noch seltener werden Vorbereitungen für den Ernstfall getroffen. Doch was braucht es, um Trauer ganz selbstverständlich und ohne Vorurteile im Leben zu integrieren und Menschen nach Verlusterfahrungen gut unterstützen zu können? Und wie kann individuelle Trauerarbeit aussehen?

Ein erster, sehr praktischer Zugang kann die Frage danach sein, wie und wo an uns erinnert werden soll. Vom Friedhofsgrab bis zum individuellen Erinnerungsort im heimischen Garten, Erd- oder Feuerbestattung, einer großen Abschiedsfeier oder der Beisetzung im kleinsten Kreis – die Möglichkeiten sind vielfältig. Und die Tragweite der Entscheidungen für die Hinterbliebenen oft groß. Im besten Fall kann noch zu Lebzeiten darüber gesprochen werden, welche Form der Bestattung gewünscht ist. Meist treffen dann zwei Positionen aufeinander: die Vorstellungen der sterbenden Person, und die Bedürfnisse der Menschen, die um sie trauern werden. Hierbei ist es wichtig, sich für die Entscheidungen Zeit zu nehmen und genau in sich hinein zu horchen: Welche Beweggründe stehen zum Beispiel hinter der Wahl einer anonymen Urnenbeisetzung ohne Trauerfeier – entspricht dies wirklich dem Willen der sterbenden Person oder will sie nur keine Last für Familie und Zugehörige sein? Und kann ein passendes Gedenken für die Hinterbliebenen bei dieser Bestattungsart gut gelingen, kurz nach dem Todesfall aber auch Monate oder Jahre danach? Wenn nicht – was braucht es stattdessen oder ergänzend dazu? Im gemeinsamen Gespräch können passende Lösungen gefunden und im besten Fall ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse des Gegenübers erreicht werden.

Oft müssen bestattungspflichtige Personen die Entscheidungen zu Beisetzungsort und -art sowie zur Ausgestaltung der Trauerfeier aber nach dem Tod eines Menschen treffen, ohne Informationen zu dessen Wünschen zu haben. Gleichzeitig sitzt der Schock über den Verlust oft tief, die Trauer ist groß – es kann in dieser Situation eine schier unlösbare Aufgabe sein, für sich zu formulieren, was einem guten Abschied und dem individuellen Trauerprozess dienen kann. Hier ist eine aufmerksame und empathische Begleitung sowie Beratung durch Bestatter:innen nötig, die sich an den Bedürfnissen der Trauernden ausrichtet.

 

Was wir in der Trauer brauchen

Viele Menschen wissen gar nicht, was alles bei einer Abschiednahme möglich ist – oft fällt die Wahl daher auf etablierte Bestattungsrituale, -orte und -arten, auch wenn diese vielleicht nicht den Bedürfnissen der Trauernden entsprechen. So wird zum Beispiel noch oft angenommen, dass verstorbene Personen nicht in der eigenen Häuslichkeit verabschiedet werden dürfen oder dass die Totenfürsorge ausschließlich von entsprechenden Dienstleistern übernommen wird. Dabei können sich An- und Zugehörige bei den meisten Schritten im Abschiedsprozess aktiv und ganz individuell einbringen. Wie aber sollen Bedürfnisse formuliert werden können, wenn die Optionen gar nicht bekannt sind oder trauernde Menschen in der Ausnahmesituation nach einem Sterbefall kaum einen klaren Gedanken fassen können? Bestatter:innen haben also nicht nur die Aufgabe, im persönlichen Gespräch über verschiedene Handlungsoptionen und deren Tragweite für den Trauerprozess zu informieren – sie sind viel mehr als bloße Dienstleister am Lebensende. Bestatter:innen sollten Ideengeber, Ermöglicher und verlässliche Partner an der Seite trauernder Menschen sein. Erst durch das Zusammenspiel von hoher Fachkompetenz und einem feinsinnigen Gespür für die Bedürfnisse von An- und Zugehörigen entstehen Abschiede, die zum Leben eines Menschen passen, die nachhallen und sich richtig anfühlen.

 

Trauer mit Leben füllen

Den einen „richtigen Trauerort“ gibt es nicht. Manche Menschen gedenken ihren Verstorbenen bei regelmäßigen Besuchen auf dem Friedhof, stehen mit ihnen während der Grabpflege in Verbindung oder erdenken individuelle Rituale, die ihnen dienen. So sitzt eine Dame aus meiner Nachbarschaft regelmäßig mit der neuesten Ausgabe der „Gala“ auf der Parkbank, auf der sie sich immer mit ihrer verstorbenen Freundin getroffen hat. Mit im Gepäck: eine Thermoskanne und Gebäck für den gemeinsamen Kaffeeklatsch. Über den neuesten Tratsch informiert sie nun Spaziergänger wie mich, die sich Zeit für eine Plauderei mit ihr nehmen.

Für mich persönlich können Friedhöfe wichtige Orte des Erinnerns sein, bei denen ich zur Ruhe kommen und den Menschen gedenken kann, die nicht mehr bei mir sind. Kleine, ganz individuelle Rituale im Alltag helfen mir außerdem, sie in meinem Leben einzubinden und eine aktive Verbindung zu halten. Meine Mutter ist 2014 verstorben – und sie liebte es, ins Kino zu gehen. Bei jedem Film, den ich sehe, frage ich mich, wie wohl ihre Kritik ausgefallen wäre. Ich freue mich darüber, dass sie mir in solchen kleinen Momenten so präsent ist. Auch, wenn ich nach dem Film nicht mehr zum Telefon greifen und ihr eine Nachricht schicken kann. „Haben eben den neuen Tarantino gesehen – Story klasse, Besetzung geht so… Was meinst du? “  Damals, an ihrem Grab, hätte ich nicht gedacht, dass der Moment im Kinosaal, wenn ich gespannt der Heldin auf der Leinwand folge, für meine Trauerarbeit so wichtig werden würde. Heute erkenne ich – es ist wichtig, weil es zu unserer gemeinsamen Geschichte gehört und die Verbindung zwischen uns wachsen lässt. Auch viele Jahre nach ihrem Tod.

 

Sarah Zinn / Autorin, Medienschaffende und Studentin der PERIMORTALEN WISSENSCHAFTEN/Universität Regensburg
https://www.uni-regensburg.de/theologie/moraltheologie/perimortale-wissenschaften-ma/index.html

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