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„Trauern ist die Lösung, nicht das Problem.“

Trauer ist ein Fremdkörper im Alltag und wird oft von Erwartungen der Umwelt begleitet. Die Trauerbegleiterin und Autorin Chris Paul spricht im Interview darüber, wie Hinterbliebene ihre Trauer in diesem Spannungsfeld bewältigen können.

„Trauern ist die Lösung, nicht das Problem.“
Wie lange darf man trauern? Gibt es ein gutes oder schlechtes Trauern?

Ihr Leitspruch „Trauern ist die Lösung, nicht das Problem“ gibt zu denken. Wird Trauer in der Gesellschaft tatsächlich als Problem wahrgenommen?

Viele meiner Klienten erleben, dass die Geduld ihrer Mitmenschen sehr begrenzt ist. Nach wenigen Wochen, spätestens nach Monaten heißt es: Jetzt muss es aber mal gut sein. Dann werden gutgemeinte Nachrichten verschickt mit der Frage „Geht es Dir wieder gut?“ Viele Menschen fühlen sich durch solche Erwartungen gepresst. Sie bekommen gespiegelt, dass ihre Trauer nicht „normal“ sei, wenn sie nach einem halben Jahr nicht wieder zu hundert Prozent funktionieren.

Ist das eine neue Entwicklung?

Ich glaube eher nicht. In allen Kulturen gab und gibt es Regeln für den Umgang mit Trauer. Die jüdische Trauerzeit dauert beispielsweise traditionell sieben Tage – danach soll man nicht mehr öffentlich weinen. Das ist in unserem Kulturkreis heute anders. Die Menschen haben relativ viel Freiheit, wenn es um Bestattungsrituale, Abschiedsfeiern, Grabgestaltung oder Trauer geht. In dieser Freiheit kann man sich zwar besser selbst verwirklichen, andererseits steht man mit Blick auf die gesellschaftliche Akzeptanz unsicherer da.

Haben wir im Hinblick auf die Trauer zu wenige gesellschaftliche Regeln oder Konventionen?

Ich nehme da ein gewisses „Durcheinander“ wahr. Vor wenigen Jahrzehnten war es noch üblich, dass Nachbarn und Verwandte Abschied am offenen Sarg nahmen und das soziale Umfeld auf diese Weise ganz selbstverständlich Anteil nahm. Heute gibt es viel weniger verbindliche Konventionen, obgleich die Gesellschaft noch immer subtil von vielen sozialen Regeln im Umgang mit Trauer und Tod geprägt ist.

Auf welche Weise zeigt sich das?

Unterschwellig hat die Gesellschaft eine recht klare Idee davon, wer wie lange oder auf welche Weise trauern darf und sollte. Stürzt sich ein Mann nach dem Tod der Partnerin schnell wieder in die Arbeit, wird das meist akzeptiert, bei Frauen erwartet man da mehr Zurückhaltung. Oder eine Frau, die ein Kind verloren hat: Geht sie nach drei Wochen wieder arbeiten, wird sie schräg angeguckt – übrigens auch, wenn sie nach drei Jahren noch immer krankgeschrieben ist.

Was machen solche Erwartungen der Umwelt mit der Trauer?

Ein Beispiel: Eine junge Frau, deren Verlobter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist, hat sich innerhalb von zwei Monaten in einen jungen Mann aus dem Freundeskreis verliebt. Andererseits verzweifelt sie an dieser „zu frühen“ Liebe, weil sie Ablehnung in ihrem Umfeld befürchtet, wenn sie die Beziehung bekannt macht. Es liegt auf der Hand, dass der Trauerprozess durch dieses Spannungsfeld stark gestört wird.

Und was sagen Sie dieser Frau?

Ich muss zuerst erkennen, welche Funktion zum Beispiel der neue Partner für die Frau in ihrer Trauer erfüllt. Wir reden und arbeiten verschiedene Fragen heraus: Was kostet sie diese Liebe voller Angst um ihre sozialen Beziehungen und was gibt sie ihr? Gemeinsam besprechen wir Strategien, mit dieser Spannung umzugehen und klären dabei auch, welche Auswirkungen die Situation etwa auf das Verhältnis zu dem verstorbenen Partner hat.

Gibt es noch weitere Situationen, in denen äußere Umstände den Trauerprozess beeinträchtigen?

Besondere Todesumstände oder wie man vom Tod erfahren hat, können die Trauer erschweren, plötzliche Todesfälle ohne Vorbereitung und Abschied ebenso. Es gibt tabuisierte Todesursachen wie Suizid, Drogentod oder Schwangerschaftsabbruch, bei denen die Hinterbliebenen oft das Gefühl haben, man gestehe ihnen kein Recht auf ihre Trauer zu. „Nicht wahrgenommene Trauer“ erleben häufig Menschen, die erwachsene Geschwister verloren haben: den „verwaisten“ Eltern wird kondoliert, an die Geschwister und ihre Trauer denkt niemand.

Gibt es auch Dinge, die Trauernden den Alltag leichter machen?

Anfangs ist es für viele Trauernde besonders wichtig, sich selbst überhaupt „am Laufen“ zu halten. Dabei helfen Routinen, die Arbeit kann hilfreich sein – und natürlich gute Freunde sowie ein stabiles Umfeld. Ich beschreibe den Trauerprozess gern als langen, gewundenen Weg. Manchmal bekommt man auf diesem Weg Knüppel zwischen die Beine oder steht vor so großen Steinen, um die man in seinem geschwächten Zustand kaum herumkommt. Aber es gibt auf diesem Weg auch Leute, die einen wie beim Marathon mit Essen und Trinken versorgen, ein Stück mitlaufen oder sie zu Pausen ermutigen. Die werden dann unheimlich wertvoll.

Hört die Trauer irgendwann auf?

Das wird heiß diskutiert unter den Fachleuten. Ich glaube eher, dass mit der Zeit einfach die Intensität der Trauer nachlässt und zu etwas Punktuellem wird. Dann tritt oft ein rituelles Gedenken zu Todestag oder anderen Jubiläen an die Stelle der Trauer, die dann im Alltag nicht mehr viel Raum einnimmt.

Welche Rolle spielen Orte bei der Trauer?

Der Friedhof ist wichtig für viele Menschen. Sie halten dort Zwiesprache und nutzen die Gestaltungsmöglichkeiten am Grab. Manche Leute können zwar mit dem Friedhof nicht viel anfangen, suchen sich aber oft andere Orte des Gedenkens. Denn wer einen solchen Ort nicht hat, leidet oft darunter. Das macht es auch so wichtig, derartige Orte zu entwickeln, wo die Auseinandersetzung mit den Verstorbenen sowie den eigenen Gefühlen und Gedanken möglich ist.

Chris Paul ist soziale Verhaltenswissenschaftlerin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

Chris Paul ist soziale Verhaltenswissenschaftlerin und Heilpraktikerin für Psychotherapie mit dem Schwerpunkt Trauerberatung. Die renommierte Trainerin, Fachautorin und Referentin setzt sich seit mehr als 20 Jahren für die angemessene Begleitung trauernder Menschen ein. Ihr Trauerinstitut in Bonn bietet Langzeitfortbildungen zur Trauerbegleitung an.

www.chrispaul.de

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